Ich sagte einem Wochenende im Gartenhaus eines 49-jährigen Mannes zu.

Ich sagte einem Wochenende im Gartenhaus eines 49-jährigen Mannes zu. Ich bereute es, kaum dass ich die Türschwelle betreten hatte

Ich bin fünfundvierzig Jahre alt und dachte, ich könnte inzwischen eine romantische Einladung von einer getarnten Stellenausschreibung unterscheiden.

Offenbar nicht.

Mit Thomas traf ich mich seit fast sechs Monaten. Er war neunundvierzig, geschieden, gepflegt, ruhig und sprach mit dieser Gelassenheit, die nach Ordnung klingt. Nach meiner Scheidung, nach einigen sehr merkwürdigen Dates mit Männern, die entweder über ihre Exfrauen weinten oder mich fragten, ob ich “kurz den Sprit vorstrecken” könne, wirkte Thomas fast wie ein Geschenk.

Er schrieb morgens:

— Gut geschlafen, Sabine?

Er rief abends an. Er brachte mir manchmal Windbeutel aus meiner Lieblingsbäckerei mit. Einmal sagte er:

— Du solltest besser auf dich achten.

Ich war gerührt. Ab einem gewissen Alter klingt “achte auf dich” wie ein Liebesgedicht.

Als er mich zu einem Wochenende im Gartenhaus seiner Eltern am Stadtrand von Hannover einlud, freute ich mich.

— Meine Eltern sind auch da, sagte er. — Dann lernt ihr euch kennen. Wir grillen, sitzen draußen, machen es uns schön.

Ich sah mich schon auf einer kleinen Terrasse sitzen, mit Kaffee, Sonne, vielleicht einem Spaziergang am Kanal. Ich backte Apfelkuchen, kaufte guten Tee und packte ein Kleid ein, das weder zu fein noch zu “ich bin zum Unkrautjäten hier” aussah.

Spoiler: Ich war offenbar zum Unkrautjäten dort.

Der Garten begrüßte mich mit Chaos.

Thomas öffnete die quietschende Pforte.

— Vorsicht, hier ist es ein bisschen unordentlich.

Ein bisschen.

Neben dem Schuppen lagen Bretter, Eimer, ein kaputter Stuhl, ein Gartenschlauch, eine rostige Schubkarre und ein einzelner Gummistiefel. Nur einer. Der andere hatte vermutlich längst gekündigt.

Das Häuschen war alt, mit Veranda und viel Potenzial. Sehr viel Potenzial. So viel, dass man sich fragte, ob jemand jemals etwas davon genutzt hatte.

Seine Mutter kam heraus.

— Ah, das ist also Sabine.

Sie hieß Hannelore. Eine schmale Frau mit Schürze und Augen, die jeden Staubkrümel persönlich kannten.

Ich reichte ihr den Apfelkuchen.

— Selbst gebacken.

Sie sah ihn an.

— Na, hoffentlich nicht zu trocken.

Thomas brachte meine Tasche ins Zimmer und verschwand. Ich bekam Hausschuhe. Große, ausgetretene Männerhausschuhe, feucht und nach Keller riechend.

Die Romantik begann leise zu weinen.

Nach dem Kaffee, den ich kaum trinken konnte, sagte Hannelore:

— Sabine, helfen Sie mir mal mit den Kartoffeln.

Natürlich half ich.

Dann Salat.

Dann Geschirr.

Dann Einmachgläser aus dem Keller.

Dann drückte sie mir einen Lappen in die Hand.

— Wenn Sie schon da sind, könnten wir die Küchenfenster machen. Thomas meinte, Sie seien eine tüchtige Frau.

Tüchtig.

Ein gefährliches Wort. Es klingt wie Lob und endet oft mit Schwielen.

Thomas stand draußen am Grill und diskutierte mit seinem Vater über Kohle.

— Thomas, könntest du kurz helfen?

Er lächelte.

— Mama zeigt dir nur alles. Bei uns packt jeder mit an.

Interessant war, dass “jeder” in diesem Fall seine Mutter und mich meinte. Thomas und sein Vater packten hauptsächlich Würstchen auf den Rost.

Bis zum Abend hatte ich Kartoffeln geschält, Fenster geputzt, Gläser getragen und mir mehrere Bemerkungen angehört:

— Eine Frau sieht man an der Küche.

— Thomas braucht jemanden Bodenständigen.

— Heute wollen ja alle nur noch genießen.

Beim Abendessen legte ich die Gabel hin.

— Darf ich etwas fragen?

Thomas nickte.

— Wurde ich eingeladen oder eingestellt?

Seine Mutter schnappte nach Luft.

Thomas lachte erst, aber als er merkte, dass ich nicht lächelte, wurde er ernst.

— Sabine, bitte. Meine Mutter testet nur ein bisschen, ob du zu uns passt.

— Durch Fensterputzen?

— Es geht um Haltung.

— Nein. Es geht darum, ob ich still genug bin, um mich ausnutzen zu lassen.

Sein Vater hustete in sein Bier.

Hannelore sagte kühl:

— In unserer Familie haben Frauen keine Angst vor Arbeit.

— Ich auch nicht. Ich arbeite seit dreißig Jahren. Deshalb erkenne ich unbezahlte Arbeit ziemlich gut.

Thomas zog mich später auf die Veranda.

— Du hast meine Mutter bloßgestellt.

— Sie hat mich als Dienstmädchen behandelt.

— Übertreib nicht. In unserem Alter braucht niemand Prinzessinnen.

Ich sah ihn an und war plötzlich sehr ruhig.

— Stimmt. In meinem Alter brauche ich auch keinen Mann, der seine Mutter testen lässt, ob ich als Haushaltsgerät tauge.

Am nächsten Morgen klopfte Hannelore um halb sieben.

— Sabine, wir wollen Marmelade einkochen.

Ich saß im Bett auf.

— Ich nicht.

— Wie bitte?

— Ich fahre nach Hause.

Thomas folgte mir bis zur Pforte.

— Wegen ein paar Kartoffeln?

— Wegen einer Wahrheit. Du hast mich nicht als Frau eingeladen. Du hast mich zur Abnahme gebracht.

— Du bist empfindlich.

— Nein. Nur nicht mehr verfügbar.

Ich nahm die S-Bahn nach Hause. In meiner Tasche war der Rest des Apfelkuchens. Ich aß später ein Stück in meiner Küche, barfuß, in meinen eigenen sauberen Hausschuhen.

Thomas schrieb noch.

“Meine Mutter ist eben altmodisch.”

“Du hast alles falsch verstanden.”

“Familie bedeutet helfen.”

Ich antwortete nur:

“Helfen bedeutet, dass alle zusammen etwas tun. Prüfen bedeutet, dass einer arbeitet und die anderen bewerten. Ich suche Familie, keine Prüfungskommission.”

Mit fünfundvierzig weiß ich: Einsamkeit ist nicht das Schlimmste.

Schlimmer ist ein Zuhause, in dem man schon beim ersten Besuch merkt, dass Liebe dort nach Putzlappen riecht.

Ich habe den Garten verlassen, bevor ich eingepflanzt wurde.

Und das war die beste Entscheidung des ganzen Wochenendes.

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