Mein Mann ging in Rente und dachte, ich müsste ihn ab sofort wie in einem Hotel bedienen. Also gab ich ihm seinen „All-inclusive-Urlaub“
Die Tür fiel so laut ins Schloss, dass das Geschirr im Schrank klirrte.
Im Flur stand mein Mann Klaus. Sein Gesicht war rot vor Aufregung, seine Augen glänzten, und in der Hand hielt er seine alte Ledertasche, mit der er fünfunddreißig Jahre lang ins Werk gegangen war.
— Schluss, Renate! rief er. — Ab heute bin ich Rentner. Ein Mann mit Recht auf Ruhe!
Ich lächelte und umarmte ihn.
Ich freute mich wirklich. Klaus hatte sein Leben lang als Meister in einer Fabrik bei Leipzig gearbeitet. Er kam abends nach Hause mit schmerzenden Knien, Ölgeruch in der Kleidung und Geschichten über Maschinen, Schichten und junge Leute, die “nichts mehr aushalten”. Die Rente war für ihn wie ein Licht am Ende eines langen Tunnels.
— Du hast es verdient, sagte ich. — Jetzt ruhst du dich aus. Vielleicht fahren wir öfter in den Garten. Vielleicht schlafen wir mal aus.
Klaus löste sich aus meinen Armen.
— Ausschlafen kannst du. Ich habe Rhythmus. Aber jetzt deck den Tisch. So etwas muss gefeiert werden.
Der erste Abend war schön. Ich machte Kartoffelsalat, Frikadellen, holte Gurken aus dem Glas. Klaus erzählte von seiner Verabschiedung, von der Uhr, die er bekommen hatte, von Kollegen, die angeblich ohne ihn nicht klarkommen würden. Ich hörte zu und dachte: Jetzt wird es ruhiger.
Am nächsten Morgen zerbrach diese Hoffnung.
Um halb sieben weckte mich das Klirren eines Löffels in einer Tasse.
Ich arbeitete von zu Hause aus als Übersetzerin. Normalerweise begann mein Tag gegen acht. Doch aus der Küche rief Klaus:
— Renate! Wo bleibt das Frühstück?
Ich kam verschlafen im Bademantel heraus.
— Klaus, du musst doch nicht mehr ins Werk.
— Ordnung muss sein! Ein Rentner ist kein Herumtreiber. Und der Service sollte pünktlich laufen.
Der Service.
Ich blieb stehen.
Dann machte ich Frühstück. Eier, Kaffee, Brot. Klaus aß, nickte zufrieden und ging ins Wohnzimmer. Der Fernseher lief von da an fast ununterbrochen.
Früher hatte er geholfen. Nicht viel, aber doch. Müll rausbringen, einkaufen, Staubsauger aus dem Schrank holen. Nun erklärte er:
— Ich habe fünfunddreißig Jahre gearbeitet. Jetzt bist du dran.
— Ich arbeite immer noch, Klaus.
— Am Schreibtisch sitzen ist keine Schichtarbeit.
So begann mein Alltag als unsichtbare Hausangestellte.
— Renate, Tee!
— Renate, was gibt es zum Mittag?
— Renate, gestern Suppe? Ich bin doch kein Heiminsasse.
— Renate, mach die Waschmaschine aus, ich verstehe die Nachrichten nicht.
— Renate, wo sind meine Socken?
Zwischen seinen Rufen schrieb ich Texte, beantwortete Kunden, erledigte Rechnungen, kochte, putzte, wusch, suchte Tabletten, bügelte Hemden, die er gar nicht mehr brauchte.
Einmal verlangte er um drei Uhr Pfannkuchen.
— Ich habe Abgabe, sagte ich.
— Ich hatte auch Abgaben. Dreißig Jahre lang. Jetzt mach mir Pfannkuchen.
Ich sah ihn an.
Und in diesem Moment wusste ich, dass ich nicht mit einem müden Mann sprach, der Ruhe brauchte. Ich sprach mit einem Menschen, der entschieden hatte, dass meine Müdigkeit nicht zählt.
Am nächsten Morgen lag auf dem Küchentisch ein Blatt.
Pension „Zur Renate“ — Preisliste
Frühstück nach Wunsch: 8 Euro
Tee ans Sofa: 3 Euro
Frisches Mittagessen täglich: 15 Euro
Wäsche und Bügeln: nach Aufwand
Beschwerden über den Service: 20 Euro Zuschlag
Selbstbedienung: kostenlos
Respekt gegenüber der Ehefrau: verpflichtend
Klaus las es und knallte die Brille auf den Tisch.
— Bist du verrückt geworden?
— Nein. Du willst Hotelservice. Ich zeige dir, was Service kostet.
— Ich habe dich all die Jahre ernährt!
— Du hast Geld verdient. Ich auch. Und zusätzlich habe ich ein Zuhause geführt, ein Kind großgezogen, deine Mutter gepflegt und deine schlechte Laune ausgehalten. Dafür gab es keine Urkunde und keine Rente.
Er schimpfte. Ich blieb ruhig.
Ich servierte nichts. Ich ging in mein Arbeitszimmer und schloss die Tür.
Klaus musste sich sein Frühstück selbst machen. Es dauerte vierzig Minuten. Danach war die Küche schlimmer als nach Weihnachten.
Zwei Wochen lang herrschte Krieg.
Er erzählte den Nachbarn, ich sei undankbar. Er beschwerte sich bei unserer Tochter.
Sie sagte nur:
— Papa, Mama ist nicht deine Pflegerin. Sie ist deine Frau.
Dieser Satz traf ihn, aber noch nicht tief genug.
Dann wurde mir schwindlig.
Es war ein Donnerstag. Ich hatte zu wenig geschlafen, zu viel gearbeitet, zu oft “gleich” gesagt. Im Bad wurde mir schwarz vor Augen. Klaus fand mich auf dem Boden.
Im Krankenhaus sagte die Ärztin:
— Erschöpfung. Stress. Ihre Frau braucht Entlastung, nicht zusätzliche Arbeit.
Klaus saß neben mir, die Hände gefaltet. Klein sah er aus. Nicht alt. Klein.
— Renate, flüsterte er, — ich habe gedacht, ich hätte endlich Ruhe verdient.
— Hast du auch, sagte ich. — Aber nicht auf meine Kosten.
Nach diesem Tag änderte sich nicht alles sofort. Aber es begann.
Klaus lernte Kaffee zu kochen. Zu stark, aber ehrlich. Er ging einkaufen und kaufte erst dreimal das Falsche. Er verbrannte Bratkartoffeln und wusch selbst die Pfanne. Er meldete sich in einer Rentnergruppe an und reparierte mit anderen Männern Fahrräder für Kinder.
Eines Morgens brachte er mir Tee an den Schreibtisch.
— Ohne Berechnung, sagte er leise.
Ich musste lachen.
Wir sind nicht plötzlich jung geworden. Wir sind auch kein perfektes Paar. Aber wenn er heute vom Sofa ruft, hält er manchmal mitten im Wort inne, steht auf und kommt selbst in die Küche.
Und jedes Mal denke ich: Es ist spät. Aber nicht zu spät.
Denn Rente bedeutet nicht, dass ein Mann zum Gast im eigenen Leben wird und seine Frau zur Bedienung.
Rente sollte heißen, dass zwei Menschen endlich Zeit haben, sich gegenseitig wieder als Menschen zu sehen.
