Sie sagte, ich störe in meiner eigenen Wohnung

Ich bin sechzig Jahre alt und lebe allein in einer Zweizimmerwohnung in Leipzig.

Nicht groß. Nicht modern. Kein Balkon mit Glasgeländer, keine Designerküche. Ein normaler Altbau, knarrende Dielen, eine kleine Küche, ein Schlafzimmer mit dem Schrank, den mein Mann und ich damals gebraucht gekauft hatten. Aber die Wohnung ist sauber, warm und vor allem: meine.

Seit mein Mann vor sieben Jahren gestorben ist, habe ich lange gebraucht, um mich an das Alleinsein zu gewöhnen. Am Anfang war die Stille grausam. Sie saß mit mir am Tisch, lag neben mir im Bett, stand im Flur, wenn ich nach Hause kam.

Dann veränderte sie sich.

Sie wurde Ruhe.

Meine Ruhe.

Ich konnte morgens um sieben Kaffee kochen, ohne leise sein zu müssen. Ich konnte abends den Fernseher laufen lassen, auch wenn ich kaum hinsah. Ich konnte die Tür schließen und wusste: Hinter dieser Tür muss ich niemandem gefallen.

Bis meine Schwester Karin anrief.

— Helga, du musst mir helfen. Lisa hat endlich eine Stelle in Leipzig, aber noch keine Wohnung. Nur kurz. Bis zum ersten Gehalt.

— Karin, ich habe nicht wirklich Platz.

— Du hast doch das kleine Zimmer. Und du bist allein. Dir macht das doch nichts aus.

Da war er, dieser Satz.

Du bist allein.

Als würde Alleinsein bedeuten, dass der eigene Raum weniger zählt. Als wäre eine alleinstehende Frau automatisch eine Zwischenlösung für andere.

Lisa kam mit zwei Koffern, einem Rucksack und einem Lächeln, das mich weich machte.

— Tante Helga, ich bin wirklich nicht lange da — sagte sie. — Nur bis ich etwas Eigenes finde.

Ich räumte das kleine Zimmer frei. Meine Bügelwäsche wanderte ins Schlafzimmer, die Winterdecken in den Keller. Ich gab ihr ein Fach im Bad, Platz im Kühlschrank, einen Schlüssel.

Die ersten Tage waren angenehm. Lisa war höflich, half beim Abwasch, kam pünktlich heim und bedankte sich für alles.

Dann wurde aus „kurz“ ein Zustand.

Sie kam später nach Hause. Erst um elf, dann um Mitternacht, dann nach eins. Ich wachte vom Schlüssel im Schloss auf, von Tüten, Schritten, gedämpftem Lachen.

Eines Abends brachte sie einen jungen Mann mit.

— Nur fünf Minuten, Tante. Wirklich. Er wartet kurz.

Die fünf Minuten dauerten eine Stunde. Sie saßen in meiner Küche, öffneten meinen Kühlschrank, lachten leise, als wäre die Rücksicht nur eine Empfehlung.

Am Morgen sagte ich:

— Lisa, bitte keine Gäste spätabends. Ich erschrecke mich, wenn nachts fremde Stimmen in der Wohnung sind.

Sie verzog kurz das Gesicht.

— Ja, okay.

Eine Woche später war er wieder da. Um halb elf.

— Ist doch nicht spät — sagte sie.

Und so begann es. Sie hielt sich formal an meine Worte und verletzte trotzdem den Sinn.

Bald kamen Bemerkungen.

— Tante, musst du morgens so früh den Wasserkocher benutzen?

— Der Fernseher ist ziemlich laut.

— Kannst du bitte klopfen, bevor du reinkommst?

Das sagte sie über das kleine Zimmer, in dem vor ihren Koffern meine Nähmaschine stand, die Ordner meines Mannes und eine Kiste mit Fotos.

Ich schwieg.

Ich sagte mir: Sie ist jung. Neue Stadt. Neuer Job. Stress.

Aber wenn man zu lange schweigt, glauben manche Menschen, Schweigen sei Zustimmung.

Das erste Gehalt kam. Dann das zweite. Beim dritten Monat fragte ich vorsichtig:

— Lisa, schaust du inzwischen nach einem Zimmer?

Sie tippte auf ihrem Handy.

— Gerade ist der Wohnungsmarkt schlimm. Es wäre dumm, jetzt irgendwas Teures zu nehmen. Ich bleibe noch ein bisschen.

— Wie lange ist ein bisschen?

— Na ja, bis es passt. Ich kann ja schlecht auf die Straße.

Bis es passt.

Nicht: „Ist das für dich in Ordnung?“ Nicht: „Danke, dass ich länger bleiben darf.“

Nur ihre Bequemlichkeit.

Meine Wohnung füllte sich mit ihren Dingen. Jacken über Stühlen, Kosmetik im Bad, Wäsche im Wohnzimmer. Sie nahm Milch, Brot, Käse und sagte: „Kaufe ich nach.“ Tat sie selten.

Eines Nachmittags kam ich früher vom Arzt zurück. In der Küche saßen Lisa, eine Freundin und dieser junge Mann. Auf dem Tisch standen Pizzakartons, meine Tassen, mein Saft. Musik lief vom Handy.

— Du hättest mich fragen können — sagte ich.

Lisa rollte mit den Augen.

— Tante Helga, wir sitzen doch nur hier.

— In meiner Wohnung.

— Genau das ist das Problem. Bei dir ist alles „meine Wohnung, meine Regeln“. Man kann sich hier überhaupt nicht entspannen.

Am Abend rief Karin an.

— Was machst du mit meinem Kind? Sie ist völlig fertig.

— Ich habe sie gebeten, nicht ohne Absprache Leute einzuladen.

— Helga, sie ist jung. Sie will leben. Du bist immer zu Hause und kontrollierst alles. Natürlich fühlt sie sich eingeengt.

— In meiner eigenen Wohnung?

— Du weißt, wie ich es meine.

Nein. Ich wusste es zu gut.

Ich war von der helfenden Tante zur störenden alten Frau geworden.

Der letzte Tropfen kam an einem kalten Donnerstag.

Ich kam heim und sah, dass meine Schlafzimmertür offen stand. Das Fenster war weit aufgerissen, obwohl draußen kalter Wind ging. Auf meinem Sessel lag Lisas Pullover, auf meinem Nachttisch stand ihre Kaffeetasse.

— Warst du in meinem Schlafzimmer?

Sie saß auf dem Sofa und sah nicht einmal auf.

— Ja. Es war stickig.

— In meinem Schlafzimmer?

Sie seufzte.

— Tante, ehrlich, mit deiner Kontrolle störst du alle. Hier kann man gar nicht normal leben.

Ich stand da und spürte, wie etwas in mir ganz ruhig wurde.

Früher hätte ich geweint. Oder mich gerechtfertigt. Oder gesagt: „Na gut, aber bitte nächstes Mal…“

Diesmal nicht.

Ich ging ins Schlafzimmer, schloss das Fenster, nahm ihren Pullover und legte ihn in den Flur.

— Du hast sieben Tage.

Lisa sah mich an.

— Wofür?

— Um auszuziehen.

— Das meinst du nicht ernst.

— Doch. Ich habe dich aufgenommen, weil du Hilfe brauchtest. Nicht, damit du mir erklärst, dass ich in meinem Zuhause störe.

Sie rief sofort ihre Mutter an. Karin stand am nächsten Tag vor meiner Tür.

— Willst du Lisa wirklich rauswerfen?

— Ich will meine Wohnung zurück.

— Sie hat doch niemanden hier.

— Sie hat dich.

Karin wurde rot.

— Bei mir geht es nicht.

— Bei mir ging es, weil ich allein bin?

Zum ersten Mal sagte sie nichts.

Die Woche war unangenehm. Lisa knallte Schranktüren, telefonierte laut, weinte demonstrativ. Ich blieb ruhig. Ich gab ihr Wohnungsanzeigen, schrieb Telefonnummern auf und half ihr am letzten Tag sogar, ein Taxi zu bestellen.

Als sie mit den Koffern im Flur stand, sagte sie bitter:

— Ich dachte, Familie hilft.

— Familie hilft — sagte ich. — Aber Hilfe bedeutet nicht, dass einer verschwindet, damit der andere bequem leben kann.

Die Tür fiel ins Schloss.

Und plötzlich war die Wohnung still.

Nicht leer.

Still.

Ich kochte mir Tee. Stellte meine Tasse auf meinen Platz. Öffnete die Schlafzimmertür und blieb einen Moment dort stehen. Alles war wieder meins. Nicht perfekt, nicht luxuriös, aber meins.

Zwei Monate später schrieb Lisa.

„Tante Helga, ich wohne jetzt in einem WG-Zimmer. Ich glaube, ich habe mich schlecht benommen. Es tut mir leid.“

Ich antwortete erst am Abend.

„Du kannst am Sonntag zum Kaffee kommen. Als Besuch.“

Das war keine Grausamkeit.

Das war die Grenze, die ich viel früher hätte ziehen dürfen.

Denn eine allein lebende Frau ist nicht automatisch verfügbar.

Und ein Zuhause bleibt ein Zuhause, auch wenn nur ein Mensch darin wohnt.

 

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