Der rote Kater saß jeden Morgen vor dem Kinderheim.

Der rote Kater saß jeden Morgen vor dem Kinderheim. Niemand verstand, wen er suchte

— Schon wieder dieses Tier — murmelte Frau Schneider und zog die Gardine im Büro beiseite. — Seit Wochen sitzt der Kater am Tor. Die Kinder reden von nichts anderem.

Der rote Kater saß vor dem alten Eisentor des Kinderheims am Rand von Leipzig. Nicht bei den Mülltonnen, nicht an der Küche, nicht dort, wo es vielleicht Essensreste gab. Er saß direkt gegenüber der Pforte, unter einer Kastanie, gerade und still, als hätte ihm jemand einen Auftrag gegeben.

Die junge Erzieherin Hannah hatte ihn schon an ihrem ersten Arbeitstag bemerkt.

Jeden Morgen kam er kurz vor sieben. Er setzte sich an dieselbe Stelle und blieb bis zum Abend. Wenn die Kinder auf den Hof kamen, hob er den Kopf. Wenn sie wieder hineingingen, wartete er weiter.

Die Kinder nannten ihn Fuchs.

— Er wartet auf jemanden — sagte Hannah.

Frau Schneider schnaubte.

— Er wartet auf Futter. Bitte verwechseln Sie Streuner nicht mit Märchenfiguren.

— Streuner verschwinden, wenn sie satt sind.

— Frau Hannah, wir haben hier genug Schicksale. Wir brauchen kein weiteres mit Fell.

Aber genau das war es, dachte Hannah. Schicksale verschwinden nicht, nur weil man sie nicht in eine Akte schreiben kann.

Besonders bei einem Kind fiel ihr der Kater auf.

Timo war neun. Er war vor drei Monaten ins Heim gekommen, nachdem seine Mutter gestorben war. Er sprach kaum. Er aß langsam, schlief schlecht und trug immer ein kleines Stoffarmband am Handgelenk, das seine Mutter ihm geflochten hatte.

Doch wenn Timo auf den Hof kam, stand der Kater sofort auf.

Er ging zum Tor, steckte manchmal die Nase zwischen die Stäbe und miaute leise. Nicht fordernd. Fast zärtlich.

Eines Nachmittags blieb Timo am Tor stehen.

— Momo? — flüsterte er.

Der Kater erstarrte.

Dann schob er eine Pfote zwischen die Eisenstäbe.

Timo berührte sie vorsichtig.

— Bist du es wirklich?

Hannah ging langsam näher.

— Timo, kennst du den Kater?

Der Junge zuckte zusammen.

— Nein.

— Timo.

Er schwieg lange. Dann sagte er:

— Mama und ich hatten einen Kater. Momo. Er war rot und hatte weiße Pfoten. Wenn ich krank war, lag er auf meiner Decke. Als Mama ins Krankenhaus kam, hat die Nachbarin ihn rausgelassen. Sie sagte, Tiere können nicht mit ins Heim.

— Und du glaubst, er hat dich gefunden?

Timo sah den Kater an.

— Ich weiß es nicht. Aber Momo hat immer Pfote gegeben, wenn ich traurig war.

Der Kater drückte seine Pfote fester gegen Timos Finger.

Hannah sprach am Abend mit Frau Schneider.

— Ich glaube, das ist sein Kater.

— Selbst wenn, können wir ihn nicht aufnehmen. Hygiene, Vorschriften, Allergien.

— Er muss nicht ins Haus. Wir könnten ihn untersuchen lassen, impfen, eine Betreuung organisieren.

— Und dann? Jeder will ein Tier. Wir sind kein Gnadenhof.

— Für Timo ist es kein Tier. Es ist das letzte Stück Zuhause.

Frau Schneider wurde streng.

— Kinder müssen lernen, loszulassen.

Hannah antwortete leise:

— Manche mussten das viel zu früh lernen.

Am nächsten Morgen rief Frau Schneider trotzdem den Tierschutz an.

Als der Transportwagen vorfuhr, war Timo gerade auf dem Hof. Er sah die Box und rannte los.

— Nein! Bitte nicht! — rief er. — Er gehört zu mir!

Der Kater wich zurück, rannte aber nicht weg. Er schaute nur Timo an.

Der Mann vom Tierschutz hielt inne.

— Wie heißt er?

— Momo.

— Roter Kater, weiße Pfoten, kleine Narbe am Ohr?

Timo nickte.

— Woher wissen Sie das?

— Vor ein paar Monaten gab es eine Meldung aus der Südvorstadt. Ein Kater saß tagelang vor einer Wohnung, deren Besitzerin gestorben war. Danach war er verschwunden. Vielleicht ist er dem Jungen gefolgt. Oder hat ihn gesucht.

Es wurde still.

Frau Schneider sah zum Tor. Zum Kater. Zu Timo.

Hannah sagte:

— Ich übernehme die Verantwortung. Tierarzt, Impfungen, Futter. Er kann draußen beim Pförtnerhäuschen wohnen. Wir machen klare Regeln.

— Das geht nicht einfach so — murmelte Frau Schneider.

Timo flüsterte:

— Wenn er wegmuss, dann ist alles von Mama weg.

Dieser Satz veränderte mehr als jede Diskussion.

Momo wurde zum Tierarzt gebracht. Er war abgemagert, hatte Flöhe und ein entzündetes Ohr, aber sonst war er gesund. Zwei Tage später kam er zurück. Der Hausmeister baute eine warme Holzhütte am Pförtnerhaus. Die Kinder bemalten sie mit Sternen. Timo schrieb vorne drauf:

MOMOS PLATZ

Als Momo aus der Transportbox kam, ging er nicht zur Hütte. Er lief direkt zu Timo, sprang auf seine Knie und legte die Pfote auf seine Hand.

Timo beugte sich über ihn.

— Ich dachte, du hast mich verloren.

Der Kater schnurrte.

Hannah drehte sich weg, weil sie weinte.

Frau Schneider stand ein paar Schritte entfernt. Sie sagte nichts. Aber am nächsten Tag lag eine weiche Decke in Momos Hütte. Niemand fragte, wer sie hineingelegt hatte.

Mit Momo veränderte sich Timo langsam. Nicht plötzlich. Nicht wie in einem Film. Aber er begann, morgens “Hallo” zu sagen. Er erzählte den anderen Kindern von seiner Mutter. Er malte wieder. Immer wieder einen roten Kater vor einem Fenster.

Eines Tages setzte er sich zu Hannah und sagte:

— Ich glaube, Mama hätte sich gefreut, dass er mich gefunden hat.

— Das glaube ich auch.

Momo sitzt noch immer oft am Tor. Aber heute wartet er nicht mehr verzweifelt. Er wacht.

Und Timo weiß: Nicht alles, was man liebt, verschwindet für immer.

Manchmal findet Liebe einen Weg durch Straßen, Regen, fremde Höfe und geschlossene Tore. Manchmal kommt sie mit zerzaustem Fell und müden Pfoten. Und manchmal reicht eine kleine Katzenpfote zwischen Eisenstäben, damit ein Kind wieder glaubt, dass es irgendwo auf dieser Welt noch gesucht wird.

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Odissea
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