Meine Tochter lud mich eine Woche an die Ostsee ein. Erst dort begriff ich, dass ich als Babysitterin mitgefahren war
Als meine Tochter anrief und sagte:
— Mama, komm doch mit uns eine Woche an die Ostsee,
freute ich mich wie ein Kind.
Ich war seit Jahren nicht mehr am Meer gewesen. Das letzte Mal mit meinem Mann Rolf, bevor er krank wurde. Wir saßen damals in Kühlungsborn auf einer Bank, aßen Fischbrötchen, und er sagte: “Wenn wir beide Rentner sind, kommen wir jedes Jahr hierher.”
Er wurde nicht alt genug dafür.
Ich heiße Hannelore, bin zweiundsechzig und seit drei Jahren Witwe. Ich lebe in Magdeburg in einer kleinen Wohnung. Mein Alltag ist ruhig: Supermarkt, Apotheke, Friedhof, Fernseher. Meine Rente reicht, wenn ich vernünftig bin. Urlaub ist nicht vernünftig.
Darum bedeutete mir die Einladung meiner Tochter so viel.
Ich kaufte einen neuen Badeanzug, Sonnencreme und einen Strohhut. Ich packte drei Tage zu früh. Ich stellte den Koffer ins Schlafzimmer und sah ihn immer wieder an, als läge darin ein Stück Leben, das ich fast vergessen hatte.
Wir fuhren nach Rügen. Meine Tochter Katrin, ihr Mann Jens, die Kinder Mia und Paul, und ich hinten im Auto zwischen Sandspielzeug und einer Tasche mit Snacks. Die Kinder stritten, Jens fluchte über den Verkehr, Katrin scrollte auf ihrem Handy. Ich lächelte trotzdem.
Die Ferienwohnung war schön. Zwei Zimmer, kleine Küche, Balkon mit Blick auf Kiefern. Zum Strand waren es zehn Minuten.
Am ersten Nachmittag gingen wir alle ans Wasser. Ich zog die Schuhe aus und stand im kalten Sand. Der Wind roch nach Salz. Ich musste schlucken.
Am nächsten Morgen setzte Katrin sich mit Kaffee zu mir.
— Mama, Jens und ich würden gern nach Binz fahren. Nur ein bisschen bummeln, essen gehen. Du kannst doch auf die Kinder aufpassen?
— Natürlich, sagte ich. — Fahrt ruhig.
Sie kamen nicht zum Mittag zurück. Auch nicht zum Abendessen. Um halb zehn schrieb Katrin: “Mama, wir bleiben spontan über Nacht. Haben ein tolles Hotel gefunden. Danke! Kuss.”
Kuss.
Paul weinte nach seiner Mutter. Mia fragte ständig, wann sie zurückkämen. Ich machte Kakao, schnitt Äpfel, suchte Schlafanzüge, las zwei Geschichten und sang ein Lied, das ich früher Katrin vorgesungen hatte.
Sie kamen nach zwei Tagen zurück. Gebräunt, fröhlich, mit Einkaufstüten.
— Mama, du bist ein Schatz, sagte Katrin.
Ich lächelte.
Aber der Satz tat weh.
Ein Schatz ist etwas, das man benutzt, wenn man es braucht, und dann in eine Schublade legt.
Die nächsten Tage liefen ähnlich. Ich machte Frühstück. Katrin und Jens gingen weg: Kaffee, Hafen, Fischrestaurant, Ausflug. Ich blieb bei den Kindern.
Ich liebe meine Enkel. Aber Strand mit zwei kleinen Kindern ist kein Urlaub. Es ist Arbeit. Eincremen, Wasser holen, aufpassen, dass Paul nicht zu weit ins Meer läuft, Sand aus Augen wischen, Streit um Förmchen schlichten, Handtücher tragen. Abends kochte ich Nudeln in der Ferienwohnung, weil Essen im Restaurant mit Kindern “zu stressig” sei.
Ich hörte abends vom Balkon, wie andere Urlauber lachten. Ich hatte kein Fischbrötchen am Hafen gegessen. Keinen Kaffee mit Meerblick getrunken. Nicht einmal allein die Promenade gesehen.
Am vierten Tag sagte ich:
— Katrin, heute möchte ich gern allein ans Meer. Nur eine Stunde.
Sie schaute überrascht.
— Heute? Wir wollten mit Jens nach Sassnitz.
— Ich wollte auch etwas sehen.
— Aber du bist doch jeden Tag am Strand.
— Ich arbeite jeden Tag am Strand.
Jens räusperte sich, sagte aber nichts.
Katrin seufzte.
— Mama, wir haben sonst nie Zeit für uns.
— Ich auch nicht, sagte ich.
Später hörte ich sie telefonieren.
— Gut, dass Mama dabei ist. Sonst hätten wir für die Kinderbetreuung ein Vermögen bezahlt.
Sie sagte es nicht böse.
Genau das machte es schlimmer.
Am nächsten Morgen stand ich früh auf. Ich zog mein Sommerkleid an, nahm meine Handtasche und ließ einen Zettel auf dem Tisch:
“Ich bin am Meer. Zurück am Nachmittag.”
Ich ging langsam zur Promenade. Kaufte Kaffee. Setzte mich auf eine Bank. Sah den Wellen zu. Niemand rief. Niemand zog an meiner Tasche. Niemand fragte nach Eis.
Ich aß ein Fischbrötchen. Allein. Es war das beste meines Lebens.
Als ich zurückkam, wartete Katrin in der Küche.
— Mama, wo warst du? Wir haben uns Sorgen gemacht!
— Ich habe einen Zettel geschrieben.
— Wir hatten Pläne.
— Ich auch.
Sie sah mich an, als würde sie mich zum ersten Mal nicht als Mutter sehen, sondern als Person.
— Ich bin gern für euch da, sagte ich. — Aber ich bin nicht eure kostenlose Kinderbetreuung. Du hast mich eingeladen. Ich dachte, ich wäre Gast.
Mia stand in der Tür.
— Oma, du warst gar nicht auf der Seebrücke?
Katrin wurde rot.
Dieses Kinderfragen traf sie mehr als meine Worte.
Am Abend kam sie auf den Balkon.
— Mama, es tut mir leid.
Ich sah aufs Meer zwischen den Bäumen.
— Ich weiß, dass du müde bist, Katrin. Aber ich bin es auch.
— Ich habe vergessen, dass du nicht nur Oma bist.
— Manchmal vergesse ich es selbst.
Am nächsten Tag machte Katrin Frühstück. Dann sagte sie:
— Heute bestimmt Oma.
Wir gingen zur Seebrücke. Ich trank Kaffee mit Blick aufs Wasser. Wir aßen Fisch. Paul schüttete Saft auf Jens’ Hose. Mia sammelte Muscheln für mich. Und ich war nicht unsichtbar.
Am letzten Abend saßen Katrin und ich am Strand.
— Was brauchst du, Mama? fragte sie leise.
Ich dachte an die leeren Nachmittage zu Hause. An den Friedhof. An den Koffer, den ich voller Hoffnung gepackt hatte.
— Dass ihr mich nicht nur dann seht, wenn ihr Hilfe braucht.
Sie weinte.
Ich auch.
Heute liegt eine kleine Muschel auf meiner Fensterbank in Magdeburg. Daneben steht ein Zettel, den Mia mir gemalt hat: “Oma am Meer.”
Ich helfe meiner Familie. Ich liebe meine Enkel. Ich werde immer Äpfel schneiden, Geschichten lesen und Pflaster kleben.
Aber ich habe gelernt: Liebe darf nicht bedeuten, dass man sich selbst vergisst.
Auch eine Großmutter hat ein Recht auf Wind im Haar.
