Mit zweiundsechzig kaufte ich ein gebrauchtes Fahrrad.

Mit zweiundsechzig kaufte ich ein gebrauchtes Fahrrad. Meine Tochter hielt mich für verrückt — bis sie mitfahren wollte

Vor einem Jahr bestand mein Leben aus drei Wegen.

Wohnung. Supermarkt. Friedhof.

Manchmal Apotheke. Manchmal Arzt. Aber meistens ging ich dieselbe Strecke durch Münster, langsam, mit einer Stofftasche in der Hand und dem Gefühl, dass nichts Neues mehr passieren würde.

Mein Mann, Heinrich, war drei Jahre zuvor gestorben. Bauchspeicheldrüsenkrebs. Vier Monate zwischen Diagnose und Abschied. Achtunddreißig Jahre Ehe, und dann diese Stille, die nicht einfach leise war, sondern schwer.

Im ersten Jahr kam meine Tochter, Claudia, fast jeden zweiten Tag. Sie kochte, machte Einkäufe, kontrollierte, ob ich Tabletten nahm.

— Mama, du musst raus.

— Mama, du kannst nicht nur am Fenster sitzen.

Im zweiten Jahr kam sie einmal pro Woche. Im dritten rief sie mehr an, als sie kam. Ich nahm es ihr nicht übel. Sie hatte zwei Kinder, eine Stelle im Krankenhaus, einen Mann, ein Leben.

Aber das Verstehen machte die Nachmittage nicht kürzer.

Ich hatte früher genäht. Jahrzehntelang. Kleider geändert, Hosen gekürzt, Vorhänge genäht. Heinrich nannte mein Nähzimmer “das Ministerium der Nadeln”. Nach seinem Tod deckte ich die Maschine ab. Ich konnte nicht mehr. Der Stoff lag da, aber ich hatte keine Form mehr für mich selbst.

Das Fahrrad sah ich an einem Schwarzen Brett beim Bäcker.

“Damenrad, gebraucht, 120 Euro.”

Ich lachte innerlich. Ich war zweiundsechzig. Das letzte Mal war ich Rad gefahren, als Claudia noch Zöpfe hatte. Trotzdem riss ich den Zettel mit der Telefonnummer ab.

Drei Tage lang lag er auf dem Küchentisch.

Dann rief ich an.

Das Rad war hellgrün, mit Korb und breitem Sattel. Der Verkäufer erklärte mir die Gänge, als wäre ich ein Kind. Ich bezahlte und schob das Rad nach Hause, weil ich mich noch nicht traute, aufzusteigen.

Claudia sah es im Flur.

— Mama, was ist das?

— Ein Kamel. Siehst du doch, ein Fahrrad.

— Wozu brauchst du ein Fahrrad?

— Zum Fahren.

— Du bist über sechzig!

— Und offensichtlich noch nicht tot.

Sie schlug sich mit der Hand vor die Stirn.

— Wenn du stürzt?

— Dann stehe ich auf. Oder ich rufe dich an und du darfst “Ich hab’s dir gesagt” sagen.

Die ersten Fahrten waren peinlich. Um den Block. Dann zum Park. Ich bremste vor jedem Kieselstein. Einmal stieg ich ab, weil ein Dackel mich ansah. Aber jeden Morgen fuhr ich ein Stück weiter.

Nach einigen Wochen traf ich am Kanal eine Frau mit silbernen Haaren und rotem Helm.

— Sie fahren, als würden Sie sich entschuldigen, sagte sie.

— Vielleicht tue ich das.

— Wofür?

Ich wusste keine Antwort.

Sie hieß Marianne, war neunundsechzig und radelte mit zwei Freundinnen: Ute, geschieden und frech, und Elisabeth, pensionierte Lehrerin mit Knieprothese und einem sehr starken Willen.

— Wir fahren Samstag zum Aasee und weiter raus, sagte Ute. — Kommen Sie mit.

— Ich schaffe das nicht.

— Dann schaffen Sie eben nur die Hälfte. Immer noch besser als gar nichts.

Ich kam mit.

Nach zehn Kilometern wollte ich umkehren. Nach fünfzehn schmeckte der Kaffee aus Mariannes Thermoskanne wie ein Festmahl. Nach zwanzig sah ich das Wasser und musste weinen.

— Was ist? fragte Elisabeth.

— Ich dachte, mein Leben hat nur noch Rückwege.

Sie nickte.

— Dann fahren Sie heute einen Hinweg.

Von da an gehörte ich dazu.

Wir nannten uns “Die alten Speichen”. Claudia fand das schrecklich. Wir fanden es großartig.

Wir fuhren jeden Samstag. Nicht schnell. Nicht sportlich. Aber mit Freude. Wir hielten an Bänken, aßen belegte Brote, redeten über tote Männer, lebendige Enkel, schmerzende Hüften, neue Lippenstifte und die Frechheit, im Alter noch Wünsche zu haben.

Ich begann wieder zu nähen. Erst eine Tasche für den Fahrradkorb. Dann eine Regenhülle. Dann fragte eine Nachbarin, ob ich ihr Kleid ändern könne. Die Maschine wurde wieder laut im Zimmer.

Claudia beobachtete alles misstrauisch.

— Mama, du fährst doch nicht bei Wind?

— Kind, ich habe deine Pubertät überlebt. Wind macht mir keine Angst.

— Wer sind diese Frauen überhaupt?

— Meine Bande.

Letzten Samstag fuhren wir vierzig Kilometer bis zum See und zurück. Ich hätte nie gedacht, dass meine Beine das können. Wir saßen am Ufer, Schuhe ausgezogen, Füße im Gras, und Marianne machte ein Foto.

Vier Frauen, Helme schief, Wangen rot, Augen hell.

Ich stellte es ins Internet und schrieb:

“Alter ist keine Bremse. Manchmal ist es der Moment, in den nächsten Gang zu schalten.”

Abends rief Claudia an.

— Mama, ich habe das Foto gesehen.

— Ich weiß, der Helm sitzt komisch.

— Du siehst glücklich aus.

Diese Worte machten mich still.

Dann sagte sie:

— Darf ich am Sonntag mitfahren?

— Du? Mit den alten Speichen?

— Ja. Aber langsam, bitte. Ich bin nicht trainiert.

Am Sonntag stand sie vor der Tür. In Leggings, mit einem geliehenen Rad und dem Helm ihres Sohnes. Nach sechs Kilometern keuchte sie.

— Mama, du bist ja fit!

— Ich bin nur stur. Das hilft.

Wir machten Pause an einer Bank. Claudia trank Wasser und sah mich an.

— Es tut mir leid, dass ich dich ausgelacht habe.

— Du hattest Angst.

— Ja. Aber vielleicht hatte ich auch Angst, dass du plötzlich wieder ein eigenes Leben hast, in dem ich nicht die Verantwortliche bin.

Ich legte meine Hand auf ihre.

— Ich bin immer deine Mutter. Aber ich bin nicht nur deine Aufgabe.

Sie weinte. Ich auch.

Diese Fahrt war kürzer als die zum See. Aber sie war größer.

Denn manchmal kaufen wir kein Fahrrad. Wir kaufen uns eine Richtung. Einen Morgen. Einen Grund, die Wohnung zu verlassen. Einen Beweis, dass nach der Trauer nicht nur Warten kommt.

Heinrich fehlt mir immer noch. Er fehlt mir an Geburtstagen, beim Kaffee, wenn ich den Fahrradkorb sehe und denke, er hätte ihn schief montiert.

Aber ich fahre jetzt mit meiner Trauer, nicht mehr gegen sie.

Und wenn Claudia hinter mir ruft: “Mama, nicht so schnell!”, dann lache ich.

Weil ich mit zweiundsechzig endlich wieder voranfahre.

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