Das Mädchen mit der blauen Tasse

 

Mein Name ist Marianne. Ich bin zweiundsiebzig Jahre alt, und mein Leben veränderte sich an dem Nachmittag, als ein siebenjähriges Mädchen mit einer blauen Tasse vor meiner Tür stand.

Bis dahin waren meine Tage so vorhersehbar gewesen, dass ich sie hätte auswendig aufsagen können. Ich wachte um sechs Uhr auf, ohne Wecker. Ich kochte Kaffee, viel zu stark für den Geschmack meiner Ärztin, goss meine Pflanzen und sprach mit ihnen, als wären sie alte Freundinnen.

— Also, Frau Geranie, heute bitte keine Dramatik — sagte ich morgens. — Wasser hatten Sie, Licht hatten Sie, und gestern habe ich Sie ausdrücklich gelobt.

Seit mein Mann Friedrich gestorben war, waren zwölf Jahre vergangen. Zwölf Jahre, in denen unser kleines Haus am Rand von Hannover immer größer geworden war. Nicht wirklich. Die Wände standen noch immer dort, wo sie immer gestanden hatten. Aber die Stille hatte die Räume gedehnt.

Der Esstisch hatte Platz für sechs, doch ich saß allein daran. Der Teekessel kochte zu viel Wasser. Im Flur hingen noch immer Friedrichs alter Hut und ein Spazierstock, den niemand mehr benutzte. Ich war nicht unglücklich. Nicht jeden Tag.

Ich war nur leise geworden.

An einem Herbstnachmittag stand ich im Vorgarten und versuchte, eine Rose durch reine Willenskraft zum Blühen zu überreden, als es klingelte.

Ich öffnete.

Vor mir stand ein kleines Mädchen mit wilden Locken, Sommersprossen und einer viel zu großen blauen Tasse in beiden Händen.

Sie sah mich ernst an.

— Sind Sie die Frau, die mit Pflanzen redet?

Ich blinzelte.

— Das kommt darauf an, wer fragt.

Sie hob die Tasse.

— Ich bringe Zucker.

— Zucker?

— Ja.

— Warum?

— Mama sagt, Sie sind sehr nett, aber allein. Und ich dachte, nette alleinige Menschen brauchen vielleicht Zucker.

Ich lachte so laut, dass mein alter Kater Oskar beleidigt vom Fensterbrett sprang.

— Deine Mutter hat Humor.

— Sie hat vor allem Rabattmarken — sagte das Mädchen.

Sie hieß Lotte und wohnte zwei Häuser weiter. Ihre Mutter, Julia, arbeitete in einer Bäckerei im Bahnhof und kam oft spät nach Hause. Lottes Großeltern lebten nicht mehr, und sie sprach mit der Direktheit eines Kindes, das früh gelernt hatte, Dinge selbst zu fragen, weil niemand Zeit hatte, sie zu erraten.

Ich bat sie herein und machte Kakao.

Sie wanderte durch mein Wohnzimmer und blieb vor Friedrichs Foto stehen.

— Wer ist das?

— Mein Mann.

— Ist er tot?

— Ja.

— Haben Sie ihn noch lieb?

— Sehr.

— Wo wohnt er jetzt?

Ich sah auf das Bild.

— In meinem Herzen.

Lotte runzelte die Stirn.

— Das klingt unbequem. Da ist doch Blut drin.

Ich lachte wieder.

Von diesem Tag an kam Lotte fast jeden Nachmittag.

Immer mit einem Vorwand.

— Haben Sie Salz?

— Haben Sie Klebeband?

— Haben Sie eine Büroklammer?

— Haben Sie vielleicht einen Elefanten?

— Leider nein.

— Schade. Ich musste es versuchen.

Mein Haus bekam neue Geräusche. Kleine Schritte im Flur. Lachen in der Küche. Buntstifte auf dem Tisch. Zeichnungen am Kühlschrank. Meine Pflanzen erhielten Namen. Der Ficus wurde Herr Blätterich, der Staubsauger hieß Baron Brumm, die Wanduhr Herr Tick. Oskar taufte sie „Brötchen mit Schnurrbart“.

Oskar verachtete diesen Namen, wartete aber jeden Tag an der Tür auf sie.

Einmal backten wir Kekse. Lotte bestand darauf, den Teig zu rühren.

— Vorsichtig — sagte ich.

Fünf Minuten später war Mehl auf der Arbeitsplatte, auf meinem Kleid, auf Oskar und auf der Uhr.

— Lotte, wie kommt Mehl an die Uhr?

Sie betrachtete das Zifferblatt.

— Vielleicht wollte die Zeit mitbacken.

Wie sollte man da schimpfen?

Julia kam abends oft völlig erschöpft, um Lotte abzuholen.

— Frau Marianne, bitte sagen Sie, wenn sie Ihnen zu viel wird.

— Sie wird mir nicht zu viel — sagte ich. — Sie bringt mir wieder Leben ins Haus.

Am Anfang lächelte Julia nur höflich. Später blieb sie auf eine Tasse Tee. Dann auf zwei. Sie erzählte von Schichten, Rechnungen, der Angst, als alleinerziehende Mutter nie genug zu sein. Ich gab ihr Suppe mit nach Hause, sie brachte mir frische Brötchen mit. Aus Nachbarschaft wurde etwas, das einen wärmeren Namen verdient hätte.

An einem regnerischen Nachmittag fand ich Lotte ungewöhnlich still auf meinem Sofa. Sie hielt ihren Schulranzen fest auf dem Schoß.

— Was ist los?

— Wir sollen in der Schule unsere Großeltern malen.

— Und?

— Ich habe keine.

Ich setzte mich neben sie.

— Das tut mir leid.

Sie nahm meine Hand.

— Darf ich Sie malen?

Mir schnürte es die Kehle zu.

— Aber ich bin nicht deine Oma.

— Nicht aus Geburt — sagte sie. — Aber aus Kakao schon.

Ich weinte. Nicht vor Trauer. Es gibt Tränen, die kommen, wenn ein Herz zu lange leer stand und plötzlich jemand darin herumrennt.

Von da an war ich bei Schulfesten. Ich applaudierte, als Lotte in einem Theaterstück „Busch Nummer vier“ spielte. Ich brachte Apfelschnitze zu Sporttagen, obwohl sie so langsam lief, dass ein Käfer neben der Bahn fast gewann. Ich saß bei Geburtstagen zwischen Luftballons und Kindern, die klebrige Hände hatten und die Welt für selbstverständlich hielten.

Der einzige wirkliche Sturm kam ein Jahr später.

Julia bekam ein Jobangebot in Bremen. Besseres Gehalt, feste Zeiten, eine kleine Wohnung über eine Bekannte. Für sie war es eine Chance.

— Ich weiß nicht, was ich tun soll — sagte sie in meiner Küche. — Lotte weint seit gestern. Sie sagt, sie lässt Oma Marianne nicht allein.

Oma Marianne.

Ich tat vernünftig.

— Sie müssen an Ihre Zukunft denken.

Aber als sie gegangen waren, saß ich lange am Tisch. Das Haus war still. Nur nicht mehr wie früher. Früher hatte ich die Stille akzeptiert. Jetzt wusste ich wieder, was fehlte.

Am nächsten Tag kam Lotte mit der blauen Tasse.

— Wenn wir wegziehen, bleibt die hier.

— Warum?

— Damit das Haus weiß, dass ich wiederkomme.

Julia zog nicht weg. Nicht wegen mir allein. Das Angebot erwies sich als unsicherer, als es geklungen hatte. Wenige Wochen später fand sie eine bessere Stelle in Hannover. Ich wurde offiziell als Notfallkontakt in Lottes Schulakte eingetragen.

Es war das erste Formular meines Lebens, das mich zum Weinen brachte.

Zu Weihnachten schenkte Lotte mir ein Bild. Darauf waren sie, Julia, ich, Oskar-Brötchen mit Schnurrbart und eine riesige blaue Tasse. Darunter stand in krummen Buchstaben:

„Danke, dass du aufgemacht hast.“

Ich ließ es rahmen.

Heute hängt es im Flur.

Ich bin zweiundsiebzig. Mein Garten lacht wieder. Auf meinem Esstisch stehen kleine und große Tassen nebeneinander. Im Haus liegt manchmal Mehl an völlig unmöglichen Orten. Und wenn jemand fragt, wer Lotte ist, sage ich:

— Meine Enkelin aus der Nachbarschaft.

Denn Familie ist nicht immer die, die mit Papieren kommt.

Manchmal kommt sie mit einer blauen Tasse Zucker und fragt, ob man mit Pflanzen redet.

 

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