Thomas stand mitten auf dem Schulhof und starrte auf die Stelle, an der seine Tochter vor fünf Minuten noch gestanden hatte.
Emma war weg.
Um ihn herum war der erste Schultag in vollem Gange. Kinder mit viel zu großen Schultüten, Mädchen mit weißen Schleifen, Eltern mit Kameras, Großeltern mit Blumen, Lehrerinnen mit Listen und angestrengten Gesichtern. Überall Stimmen, Lachen, aufgeregte Rufe.
Aber Thomas hörte nur sein eigenes Herz.
— Emma? — rief er. — Emma!
Keine Antwort.
Er hatte sie doch nur kurz stehen lassen. Genau dort, am Zaun. Sie hatte Durst gehabt. Der kleine Kiosk gegenüber war kaum zwanzig Meter entfernt. Er hatte gesagt:
— Bleib hier, ich hole dir Wasser. Ich bin sofort zurück.
Emma hatte genickt. Mit ihren weißen Schleifen, ihrem dunkelblauen Kleid und dem gelben Schulranzen mit Enten, den sie unbedingt haben wollte, weil „Enten zusammenbleiben“.
Und nun war sie nicht mehr da.
Thomas spürte, wie Panik in ihm aufstieg. Erst wie ein Ziehen im Bauch, dann wie ein lauter Schlag gegen den Brustkorb.
Er sah die Klassenlehrerin, Frau Lena Hoffmann. Jung, ernst, mit einer Liste in der Hand und einem Blumenstrauß unter dem Arm. Sie versuchte, ihre Erstklässler in eine Reihe zu bringen. Es war offensichtlich ihr erster eigener Jahrgang.
Thomas lief zu ihr.
— Wo ist meine Tochter?
Die Lehrerin zuckte zusammen.
— Bitte?
— Meine Tochter! Emma Richter. Sie ist in Ihrer Klasse. Sie stand hier, jetzt ist sie weg!
— Beruhigen Sie sich bitte. Wie sieht sie aus?
— Weiße Schleifen!
Frau Hoffmann sah zu den Mädchen. Fast jedes zweite Kind trug weiße Schleifen.
— Das reicht leider nicht. Was trägt sie? Gibt es einen besonderen Ranzen?
Thomas öffnete den Mund. Plötzlich war sein Kopf leer. Morgens hatte er ihre Schleifen gebunden, ihre Strumpfhose überprüft, den Kragen gerichtet, ihr gesagt, dass heute ein großer Tag sei. Jetzt konnte er kaum beschreiben, was sein eigenes Kind trug.
— Dunkle Haare. Braune Augen. Sieben Jahre. Weißes Hemd. Blauer Rock. Und ein gelber Ranzen mit Enten. Den erkennt man sofort.
Frau Hoffmann wurde blass, blieb aber ruhig.
— Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?
— Vor fünf Minuten. Ich bin nur Wasser kaufen gegangen.
— Sie haben sie allein gelassen?
— Nur kurz!
— Heute sind hier Hunderte Menschen. Für ein Kind ist „nur kurz“ manchmal lang genug, um die Orientierung zu verlieren.
Thomas wollte widersprechen, aber es kam nichts. Denn sie hatte recht.
Frau Hoffmann übergab ihre Klasse einer Kollegin, zählte die Kinder noch einmal durch, fragte nach dem gelben Ranzen. Niemand hatte Emma gesehen.
— Im Schulgebäude kann sie noch nicht sein — sagte sie. — Die Türen für die Klassen sind noch zu. Wir suchen den Hof ab. Wenn wir sie nicht sofort finden, informieren wir die Schulleitung und die Polizei.
Thomas nickte. Sein Ärger auf die Lehrerin verwandelte sich langsam in etwas Schwereres: Schuld.
Sie suchten am Eingang, auf dem Spielplatz, bei der Turnhalle, an den Fahrradständern. Sie fragten den Hausmeister und den Sicherheitsdienst. Niemand hatte Emma gesehen.
— Hat Ihre Tochter ein Handy? — fragte Frau Hoffmann.
Thomas griff in die Jackentasche und erstarrte.
Emmas kleines Handy lag dort.
— Bei mir. Ich wollte es ihr nach der Feier geben.
Er schloss die Hand darum, als könnte er damit die Zeit zurückhalten.
— Bitte, bitte, lass ihr nichts passiert sein.
Frau Hoffmann sagte nichts. Sie ging schneller.
Hinter dem Schulgebäude gab es einen kleinen Garten mit alten Bäumen. Dort war es ruhiger. Zu ruhig.
Dann kam Emma um die Ecke gerannt.
Die Schleifen hingen schief, ihre Wangen waren rot, der gelbe Ranzen wackelte auf ihrem Rücken.
— Papa!
Thomas fiel vor ihr auf die Knie und zog sie an sich.
— Wo warst du? Ich habe dich gesucht! Ich hatte solche Angst!
Emma drückte ihn kurz, schob sich dann aber ernst aus seinen Armen.
— Papa, du kannst später schimpfen. Jetzt brauchen wir Hilfe.
— Was?
— Komm!
Sie nahm seine Hand und zog gleichzeitig Frau Hoffmann am Ärmel. Hinter dem Gebäude blieb sie unter einer großen Linde stehen.
Von oben kam ein dünnes, verzweifeltes Miauen.
Auf einem Ast saß ein kleines getigertes Kätzchen. Es zitterte, klammerte sich an die Rinde und wagte sich nicht herunter.
— Ein Hund hat es gejagt — erklärte Emma atemlos. — Es ist hochgeklettert. Der Hund hat gebellt. Ich habe ihn weggeschickt.
— Du hast einen Hund weggeschickt? — fragte Frau Hoffmann.
— Ich habe gesagt, mein Papa kommt gleich, und mein Papa kann sehr laut werden. Dann ist er gegangen.
Thomas schloss die Augen. Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte.
— Emma, du darfst nicht einfach weggehen. Nicht wegen eines Kätzchens, nicht wegen irgendetwas.
— Aber es hatte Angst.
Das Kätzchen miaute wieder, als wolle es für sie aussagen.
Frau Hoffmann holte den Hausmeister. Wenige Minuten später kam Herr Krüger mit einer Leiter. Thomas hielt sie fest, während Herr Krüger hinaufstieg und das Kätzchen vorsichtig vom Ast nahm. Emma streckte beide Arme aus, und das kleine Tier verkroch sich sofort an ihrer Brust.
— Es ist ganz schmutzig — sagte sie. — Aber es ist lieb.
— Wie manche Abenteuer — murmelte Herr Krüger.
Frau Hoffmann kniete sich zu Emma.
— Du hast ein gutes Herz. Aber ein gutes Herz braucht Regeln. Wenn du helfen willst, holst du zuerst einen Erwachsenen.
Emma nickte.
— Auch wenn jemand weint?
— Gerade dann.
Bei der Einschulungsfeier stand Emma später in der Reihe ihrer Klasse. Thomas blieb am Rand des Hofes und wich nicht mehr von der Stelle. Er hörte die Rede der Direktorin kaum. In seinem Kopf war nur die leere Stelle am Zaun.
Nach der Feier brachten sie das Kätzchen zum Tierarzt. Es war unverletzt, nur hungrig und voller Staub. Niemand meldete sich auf die Zettel, die Frau Hoffmann in der Schule aufhing. Eine Woche später zog das Kätzchen bei Emma ein. Sie nannte es Ente.
— Weil es durch den Entenranzen gefunden wurde — erklärte sie.
Thomas widersprach nicht.
Viele Jahre später erzählte er noch von diesem ersten Schultag. Nicht von der Schultüte, nicht von den Fotos, nicht von der Musik. Sondern davon, wie fünf Minuten ausreichten, um ihm zu zeigen, dass Liebe nicht bedeutet, ein Kind nur festzuhalten, wenn man Angst bekommt. Liebe bedeutet, gar nicht erst zu vergessen, wie klein ein Kind in einer großen Menge ist.
Seit jenem Tag ging Thomas mit Emma zusammen, wenn sie Wasser brauchte.
Denn Kinder laufen manchmal nicht weg, um ungehorsam zu sein.
Manchmal folgen sie einfach einem hilflosen Miauen.
Und Erwachsene müssen nah genug sein, um ihnen beizubringen, dass Mitgefühl am sichersten ist, wenn es nicht allein geht.
