Marta arbeitete in einem Hotel in Frankfurt und hatte gelernt, ihre Erschöpfung in den Badezimmern fremder Zimmer zu verstecken.
Sie stand um fünf Uhr auf, lange bevor die Gäste unten ihr Frühstück bestellten. In dem kleinen Personalzimmer unter dem Dach teilte sie sich einen Schrank mit zwei anderen Frauen. Ihre Matratze knarrte, der Heizkörper rauschte, und vor dem Fenster sah man nur ein Stück grauen Himmel.
Um sechs schob sie bereits den Wagen mit frischer Bettwäsche über den Flur.
Das Hotel roch nach Kaffee, teurem Parfum und Reinigungsmittel. Männer in Anzügen gingen an ihr vorbei, Frauen mit glänzenden Koffern, Kinder mit Croissants in der Hand. Manche lächelten. Viele sahen durch sie hindurch.
Für sie war Marta die Frau, die kam, wenn sie gegangen waren.
Sie hob nasse Handtücher vom Boden.
Leerte Mülleimer.
Entfernte Make-up-Flecken vom Waschbecken.
Zog Laken ab.
Sammelte Gläser, Krümel und fremde Haare.
Dann ging sie ins nächste Zimmer.
Immer weiter.
Ihre Tochter Anna studierte in Krakau. Für Anna war Marta nach Deutschland gegangen. Damit das Mädchen nicht wie sie mit achtzehn schon zwei Jobs annehmen musste. Damit sie eine Ausbildung, ein warmes Zimmer, Bücher und ein Leben mit Möglichkeiten hatte.
Marta sparte an allem.
Sie kaufte Brot vom Vortag.
Trank Kaffee aus der Personalküche.
Trug dieselben schwarzen Arbeitsschuhe, obwohl die Sohlen so dünn waren, dass sie die Kälte der Fliesen spürte.
Als das Telefon klingelte, war sie gerade in Zimmer 512 und stopfte gebrauchte Bettwäsche in den Sack.
Auf dem Display stand: Anna.
Marta lächelte.
— Ja, mein Kind?
— Mama, kannst du mir noch etwas schicken? Diesen Monat reicht es nicht.
Das Lächeln wurde kleiner.
— Wie viel brauchst du?
— Vielleicht fünfhundert Złoty. Wenn es heute geht. Ich muss noch ein paar Sachen bezahlen.
Marta sah auf ihre Hände. Die Haut war rot und trocken.
— Ich schicke es nach der Arbeit.
— Danke. Kuss.
Dann war die Leitung tot.
Kein „Wie geht es dir?“
Kein „Bist du müde?“
Kein „Wann kommst du nach Hause?“
Nur Bedarf.
Am Abend saß Marta auf ihrem schmalen Bett und öffnete die Banking-App. Sie hatte Geld für neue Schuhe zurückgelegt. Ihre alten drückten, und am rechten Fuß hatte sie seit Wochen eine Blase, die nie richtig heilte.
Sie tippte den Betrag ein.
Dann hielt sie inne.
Zum ersten Mal dachte sie nicht nur: „Anna braucht es.“
Sie dachte: „Anna weiß nicht, was es kostet.“
Am nächsten Tag rief Anna wieder an.
— Mama, hast du geschickt?
— Nein.
— Warum nicht?
Marta atmete langsam ein.
— Ich kann diesmal nicht. Das Hotel kürzt Stunden. Ich weiß nicht, wie viel ich bekomme. Ich muss etwas für mich behalten.
Stille.
— Und was soll ich jetzt machen?
Marta schloss die Augen. Wieder ging es nicht um sie.
— Such dir vielleicht einen kleinen Job. Ein paar Stunden. Café, Geschäft, irgendetwas.
— Ich studiere, Mama.
— Ich weiß. Viele studieren und arbeiten.
— Aha. Gut zu wissen.
Anna legte auf.
Danach kam keine Nachricht.
Marta arbeitete weiter. Zimmer für Zimmer. Bad für Bad. Abends sah sie auf ihr Telefon und wartete auf eine Frage, die nie kam:
„Mama, geht es dir gut?“
In Krakau war Anna zuerst wütend. Sie erzählte ihrer Mitbewohnerin, ihre Mutter habe plötzlich beschlossen, streng zu sein. Aber dann wurden die Rechnungen real. Kein Essen per App. Kein Kaffee nach der Vorlesung. Keine neue Jacke. Als die Vermieterin nach der Miete fragte, spürte Anna zum ersten Mal diese kalte Angst.
Sie fragte in einem Café in der Nähe der Universität nach Arbeit.
— Spülen, Tische, Tabletts — sagte der Besitzer. — Kein Glamour.
— Ich kann das — antwortete Anna.
Am ersten Tag tat ihr der Rücken weh. Am dritten rochen ihre Hände nach Spülmittel. Am fünften wischte sie einen Tisch ab, auf dem jemand Kaffee verschüttet, Zucker verstreut und benutzte Servietten liegen gelassen hatte, ohne auch nur zurückzuschauen.
Da sah sie plötzlich ihre Mutter.
Nicht als Kontakt im Handy.
Nicht als Überweisung.
Sondern als Frau auf einem Hotelflur, allein in einem fremden Land, die jeden Tag die Spuren anderer Menschen beseitigte, damit ihre Tochter glauben konnte, Geld komme einfach pünktlich.
Anna ging nach Hause und weinte.
Fast einen Monat später klingelte Martas Telefon in der Umkleide.
— Ja, mein Kind?
Anna schwieg.
— Mama… hast du heute gegessen?
Marta hielt die Luft an.
— Ja.
— Tun dir die Füße weh?
Marta setzte sich auf die Bank.
— Manchmal.
Annas Stimme brach.
— Es tut mir leid. Ich habe dich nur angerufen, wenn ich Geld brauchte. Ich habe nie gefragt, wie du es verdienst. Ich arbeite jetzt in einem Café. Und ich verstehe es endlich ein bisschen.
Marta weinte leise.
— Ich wollte nicht, dass du so müde wirst wie ich.
— Und ich habe nicht gesehen, dass du für mich müde warst.
Ein paar Monate später kam Marta nach Hause. Anna wartete am Busbahnhof mit einer kleinen Tüte.
— Das ist für dich.
In der Tüte waren schwarze, weiche Arbeitsschuhe.
— Von meinem ersten richtigen Lohn — sagte Anna. — Sie sind nicht elegant. Aber die Verkäuferin meinte, sie sind gut, wenn man lange steht.
Marta presste die Schuhe an sich und weinte.
Nicht wegen der Schuhe.
Wegen des Blicks ihrer Tochter.
Zum ersten Mal sah Anna nicht die Hand, die Geld schickte.
Sie sah die Hand, die es verdient hatte.
— Mama — flüsterte Anna —, ich dachte, du schickst mir Geld. Aber du hast mir Stücke deines Lebens geschickt.
Marta umarmte sie fest.
— Dann vergiss nie, wie schwer Liebe manchmal arbeitet.
