Der Schlüssel, den er seiner Mutter nie hätte geben dürfen

— Gib mir den Schlüssel — sagte Lena. — Heute zum letzten Mal bist du hier einfach hereingekommen.

Ihre Stimme war leise, aber sie schnitt durch das Schlafzimmer wie Glas.

Vor ihr stand ihre Schwiegermutter, Frau Hannelore Krüger, im Wintermantel und mit nassen Stiefeln auf dem hellen Teppich. Es war Samstagmorgen, kurz nach sieben. Vor wenigen Minuten hatte Lena noch geschlafen. Neben ihrem Mann, unter einer warmen Decke, in jener seltenen Ruhe, die man sich nach einer langen Arbeitswoche wie einen kleinen Schatz aufhebt.

Dann hatte der Wohnungsschlüssel im Schloss gekratzt.

Schritte im Flur.

Die Schlafzimmertür war aufgegangen.

Und Hannelore stand da, als wäre sie zur Wohnungsabnahme gekommen.

— Um diese Uhrzeit noch im Bett — hatte sie gesagt. — Kein Wunder, dass mein Markus so müde klingt. Hier riecht es ja nach abgestandener Luft. Fenster auf, Kinder.

Sie hatten keine Kinder. Hannelore nannte sie trotzdem „Kinder“, wenn sie Kontrolle meinte.

Lena hatte nach ihrem Morgenmantel gegriffen, zitternd vor Scham und Wut. Markus saß auf der Bettkante, noch halb schlafend, und wirkte nicht empört, sondern genervt.

— Mama, was machst du so früh?

— Ich bringe Kartoffeln und Suppe. Und sehe nach, ob du ordentlich versorgt wirst.

Ordentlich versorgt.

Als wäre Markus ein kranker Kanarienvogel und Lena die nachlässige Pflegerin.

— Raus — sagte Lena. — Sofort.

Hannelore zog die Augenbrauen hoch.

— Sprich nicht so mit mir. Das ist die Wohnung meines Sohnes.

— Es ist unsere Wohnung.

— Ich habe einen Schlüssel.

— Den Sie abgeben.

Hannelore lachte trocken und schloss die Faust um den Schlüsselbund.

— Für Notfälle hat Markus ihn mir gegeben.

— Ein Samstagmorgen ist kein Notfall.

Markus rieb sich das Gesicht.

— Lena, bitte. Mach kein Drama. Mama meint es gut.

Lena sah ihn an.

— Sie ist in unser Schlafzimmer gekommen. Ohne Klingeln. Ohne Klopfen. Mit Straßenschuhen. Und du sagst, ich mache Drama?

Hannelore hatte sich inzwischen bereits zur Küche gedreht.

— Ich schaue mal in den Kühlschrank. Wahrscheinlich nur Salat und Joghurt. Kein Wunder, dass du blass bist.

Lena folgte ihr.

In der Küche öffnete Hannelore bereits Schubladen und Kühlschrankfächer. Sie nahm eine Schale mit Gemüse heraus und verzog das Gesicht.

— Das soll Essen sein? Früher kochte eine Frau richtig. Braten, Eintopf, etwas Warmes. Aber die modernen Mädchen schlafen lange und nennen Quark Abendessen.

— Legen Sie das zurück — sagte Lena.

— Du hast mir nichts zu sagen.

— In meiner Küche schon.

Markus stand im Türrahmen.

— Mama, leg es zurück. Lena, jetzt beruhig dich. Wir trinken Kaffee, und dann reden wir.

Da verstand Lena etwas, das sie vielleicht schon lange gewusst hatte: Markus wollte keinen Frieden. Er wollte Bequemlichkeit. Und Bequemlichkeit bedeutete, dass Lena schluckte, damit seine Mutter nicht weinte.

— Markus — sagte sie —, fordere deine Mutter auf zu gehen.

Er schwieg.

Hannelore strich mit dem Finger über die Arbeitsplatte und zeigte ihm eine Spur.

— Siehst du? Nicht einmal sauber ist es. Ich habe dir gesagt, eine Frau, die Karriere macht, hat keinen Sinn für Zuhause.

Lena nahm ihr Handy.

— Ich rufe den Schlüsseldienst.

Markus erschrak.

— Was?

— Wir tauschen heute das Schloss aus.

— Das kannst du nicht einfach entscheiden.

— Doch. Ich entscheide, dass niemand ohne mein Wissen einen Schlüssel zu meiner Wohnung hat.

Hannelore trat auf sie zu.

— Du unverschämtes Ding. Ich bin seine Mutter.

— Und ich bin seine Frau.

— Noch — zischte Hannelore.

Das Wort blieb einen Moment in der Luft stehen.

Markus sah zu Boden.

Lena wartete. Ein Atemzug. Zwei. Drei.

Er sagte nichts.

In ihr wurde es plötzlich ganz ruhig.

— Danke — sagte sie.

Markus hob den Kopf.

— Wofür?

— Für die Antwort.

Hannelore hob die Hand, nicht richtig zum Schlag, eher zu jener alten Geste, mit der sie Menschen zum Schweigen brachte. Lena wich nicht zurück. Sie fing das Handgelenk ab.

— Fassen Sie mich nicht an.

Da endlich sagte Markus:

— Mama, hör auf.

Hannelore erstarrte.

— Wie bitte?

— Hör auf. Du bist zu weit gegangen.

— Ich bin deine Mutter!

— Ja. Aber das hier ist nicht dein Zuhause.

Es klang unsicher. Spät. Aber es klang.

Hannelore wurde rot, dann blass. Sie begann zu weinen. Von Undankbarkeit sprach sie, von Muttersorgen, von einer Schwiegertochter, die ihr den Sohn nehme. Markus stand da wie jemand, der zum ersten Mal merkt, dass Liebe zur Mutter nicht bedeuten darf, die eigene Ehe als Opfergabe hinzulegen.

— Bitte geh jetzt — sagte er.

Hannelore ging. Sie knallte die Tür so laut zu, dass im Flur ein Bilderrahmen schief hing.

Lena setzte sich an den Küchentisch.

— Du hast ihr den Schlüssel hinter meinem Rücken gegeben.

Markus nickte.

— Sie hat gedrängt. Ich wollte keinen Streit.

— Mit ihr nicht. Mit mir schon.

Er schwieg.

Am selben Tag kam der Schlüsseldienst. Markus bezahlte. Am Abend rief er seine Mutter an und sagte, dass sie keinen neuen Schlüssel bekommen würde. Das Gespräch dauerte fast eine Stunde. Hannelore weinte, schimpfte, schwieg, warf ihm Verrat vor.

Markus sagte immer wieder:

— Ich liebe dich. Aber du klingelst, bevor du kommst.

Es war kein Happy End. Nicht sofort.

Lena brauchte Wochen, bis sie im Bett nicht mehr auf jedes Geräusch im Treppenhaus lauschte. Vertrauen war nicht mit einem neuen Schloss erledigt. Sie und Markus gingen zu einer Eheberatung. Dort sagte Lena einen Satz, den Markus nie vergaß:

— Ich brauche keinen Mann, der seine Mutter hasst. Ich brauche einen Mann, der weiß, wo seine Wohnungstür ist.

Drei Monate später stand Hannelore wieder unten am Eingang. Diesmal klingelte sie.

— Ich habe Kuchen gebracht — sagte sie durch die Sprechanlage.

Lena antwortete:

— Wir waren nicht verabredet.

Lange Pause.

— Nein.

— Dann machen wir einen Termin.

Sie legte auf.

Ihre Hände zitterten, aber sie lächelte.

Denn ein Zuhause ist nicht der Ort, zu dem Verwandte einen Schlüssel besitzen.

Ein Zuhause ist der Ort, an dem man schlafen darf, ohne Angst zu haben, dass jemand Liebe mit Besitz verwechselt.

 

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