Ich wohnte sechs Wochen bei einem Mann.

Ich wohnte sechs Wochen bei einem Mann. Beim Abendessen verlangte seine Mutter ein Attest vom Frauenarzt — da stand ich auf und ging

Mit Felix zog ich schnell zusammen.

Er war dreiunddreißig, ich dreißig. Ich dachte, in diesem Alter spielt man keine Spielchen mehr. Felix wirkte vernünftig. Softwareentwickler, ruhig, häuslich, jemand, der sonntags freiwillig Suppe kochte und nicht bei jedem Streit die Tür knallte.

Ich arbeitete in der Logistik, hatte meine eigene Wohnung, die ich gerade vermietete, und war nicht auf der Suche nach einem Versorger.

Nach sechs Wochen sagte Felix:

— Mama möchte dich kennenlernen. Sie ist etwas streng, frühere stellvertretende Schulleiterin, aber gerecht. Ich mache Ente. Ganz entspannt.

Ganz entspannt war ich nicht.

Ich kaufte eine Torte, zog ein schlichtes Kleid an und erinnerte mich daran, dass ich eine erwachsene Frau war und keine Schülerin vor einer mündlichen Prüfung.

Um sechs stand Frau Berger vor der Tür.

Gerade Haltung, helles Kostüm, schmaler Mund. Sie trat ein, sah sich im Flur um und fuhr mit dem Finger über den Spiegelrahmen.

— Staub.

Felix lachte unsicher.

— Mama, bitte.

— Ordnung erkennt man an Kleinigkeiten.

Am Tisch roch es nach Ente, Rotkohl und Apfel. Ich erwartete Small Talk. Arbeit. Wetter. Vielleicht eine peinliche Geschichte aus Felix’ Kindheit.

Stattdessen legte Frau Berger die Serviette auf den Schoß und sah mich an wie eine Akte.

— Also, Lara. Was arbeiten Sie?

— Ich bin Disponentin in einem Transportunternehmen.

— Unbefristeter Vertrag?

— Ja.

— Nettoverdienst?

Ich verschluckte mich fast.

— Das ist ziemlich direkt.

— Das Leben ist direkt. Wenn Sie bei meinem Sohn wohnen, muss ich wissen, ob Sie sich selbst tragen können. Haben Sie Gehaltsnachweise?

Felix schwieg und schnitt seine Ente.

— Ich komme für mich selbst auf, sagte ich. — Ich habe auch eine Eigentumswohnung.

— Belastet?

— Nein, abbezahlt.

— Und trotzdem wohnen Sie hier? Interessant.

So ging es weiter.

Ob ich verheiratet war. Warum ich geschieden wurde. Ob ich treu gewesen sei. Ob es Alkohol in meiner Familie gab. Depressionen. Schulden. Ob ich kochen könne. Ob ich Kinder wolle. Ob ich bereit wäre, nach einer Geburt beruflich zurückzutreten.

Ich fühlte mich nicht wie eine Freundin.

Ich fühlte mich wie eine Bewerberin für die Stelle “geeignete Schwiegertochter”.

Felix sagte nichts.

Manchmal lächelte er verlegen. Einmal legte er mir sogar noch Kartoffeln auf den Teller, als wäre das Hilfe.

Nach einer halben Stunde kam der letzte Satz.

Frau Berger stellte das Glas ab.

— Kinder haben Sie keine?

— Nein.

— Und können Sie welche bekommen?

Ich legte die Gabel hin.

— Das ist privat.

— Nein. Mein Sohn hat ein Recht auf eigene Kinder. Ich möchte ein Attest vom Frauenarzt, dass Sie gesund und gebärfähig sind. Außerdem ein genetisches Screening. Auf Ihre Kosten, selbstverständlich.

Ich sah Felix an.

Nur ein Wort.

Nur ein einziges.

“Mama.”

Er sah auf, räusperte sich und sagte:

— Lara, mach es doch einfach. Dann ist Mama beruhigt. Wenn alles okay ist, ist es doch kein Problem.

In diesem Moment sah ich nicht mehr Felix.

Ich sah einen Jungen, der in einem Männerkörper wohnte und darauf wartete, dass seine Mutter sein Leben unterschreibt.

Ich stand auf.

— Danke für das Essen.

Frau Berger hob die Augenbrauen.

— Wir sind noch nicht fertig.

— Doch. Ich schon.

Im Flur kam Felix hinterher.

— Lara, jetzt warte. Du bist doch nicht ernsthaft beleidigt?

Ich zog meinen Mantel an.

— Beleidigt? Nein. Klar.

— Meine Mutter ist eben altmodisch. Sie meint es gut.

— Menschen, die es gut meinen, verlangen keine medizinischen Nachweise beim ersten Abendessen.

— Du machst daraus mehr, als es ist.

— Nein. Ich sehe weniger Illusionen, als ich vorher hatte.

Er griff nach meinem Arm. Nicht fest, aber genug.

— Wegen so etwas gehst du?

Ich sah auf seine Hand, dann in sein Gesicht.

— Ich gehe nicht wegen deiner Mutter. Ich gehe wegen dir.

Am nächsten Morgen holte ich meine Sachen. Felix stand in der Küche, blass und müde.

— Mama sagt, du hättest sie bloßgestellt.

— Sie hat mich wie Zuchtmaterial befragt. Ich denke, sie überlebt einen unangenehmen Abend.

— Ich wollte doch nur Frieden.

— Frieden, bei dem eine Frau schweigt, ist kein Frieden. Es ist Gehorsam.

Er schwieg.

Ich legte den Schlüssel auf den Tisch.

— Du solltest irgendwann entscheiden, ob du Partner sein willst oder Sohn bleiben möchtest.

Ein paar Wochen später schrieb er. Lange Nachricht. Viele Entschuldigungen. Viel “Mama hat es nicht so gemeint”. Viel “wir könnten noch einmal reden”.

Ich antwortete:

“Red zuerst mit dir selbst.”

Dann löschte ich den Chat.

Manche Türen fallen nicht laut ins Schloss. Manche schließen sich ganz leise, während eine Frau endlich versteht, dass Liebe ohne Schutz keine Liebe ist, sondern ein Wartezimmer.

Und ich hatte lange genug gewartet.

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Odissea
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