— Willst du mich veräppeln? — Thomas schob den Küchenstuhl mit einem lauten Kratzen zurück und ließ sich schwer darauf fallen. — Hast du auf die Uhr gesehen?
Claudia spülte ruhig ein paar Pflaumen unter dem Wasserhahn ab, legte sie in eine Schale und drehte sich erst dann zu ihrem Mann um.
— Ja.
— Meine Mutter und Kerstin sind gleich da. Und der Herd ist leer. Wo ist der Braten? Wo ist der Kartoffelsalat? Wo ist die Torte?
Thomas stützte die Hände auf die Tischkante. Sein Gesicht war rot vor Empörung. Er sah aus, als habe Claudia nicht das Mittagessen vergessen, sondern seine ganze Existenz verraten.
— Im Supermarkt — sagte Claudia.
Sie nahm eine Pflaume und biss hinein.
— Was soll das heißen?
— Genau das. Fleisch gibt es beim Metzger, Kartoffeln auf dem Wochenmarkt, Kuchen in der Bäckerei. Wer feiern will, darf einkaufen.
Seit zehn Jahren war ihre Wohnung in Dresden jeden Sonntag ein kostenloses Familienlokal für Thomas’ Verwandtschaft. Seine Mutter, Helga Winter, kam mit der Miene einer Frau, die alles besser wusste. Seine Schwester Kerstin brachte wechselnde Partner mit, manchmal Freundinnen, manchmal deren Kinder. Alle kamen hungrig, alle gingen satt.
Claudia kochte.
Rouladen, Aufläufe, Salate, Kuchen, Suppen. Sie kaufte ein, deckte den Tisch, räumte ab, wusch Geschirr, putzte Flecken aus dem Teppich. Bezahlt hatte meistens sie. Thomas hatte immer „unerwartete Ausgaben“: Autoversicherung, neue Reifen, Werkzeug, Stammtisch, Kreditrate.
Wenn Geld fehlte, sagte er:
— Wir sind doch verheiratet. Bei uns ist alles gemeinsam.
Gemeinsam bedeutete seltsamerweise fast immer: Claudia zahlt.
— Kerstin wird heute vierzig — sagte Thomas. — Du willst sie mit leerem Tisch empfangen?
— Kerstin kann ihren Geburtstag selbst finanzieren. Oder du.
— Was ist plötzlich in dich gefahren?
Claudia stellte die Schale mit Pflaumen auf den Tisch.
— Nichts. Ich bin nur ausgestiegen.
Drei Tage zuvor hatte sie die kleine Schmuckschatulle im Schlafzimmer geöffnet. Darin bewahrte sie den Schmuck ihrer Mutter auf: goldene Ohrringe mit roten Steinen und eine feine Kette. Nicht besonders modern. Nicht besonders teuer. Aber ihre Mutter hatte sie getragen, als Claudia klein war. Bei Familienfesten. An Weihnachten. Auf dem letzten Foto vor der Krankheit.
Die Schatulle war leer.
Claudia suchte überall. Im Schrank, in Taschen, in Schubladen. Am Abend kam Thomas nach Hause und leugnete nicht einmal.
— Ich habe sie Kerstin gegeben, sagte er genervt. — Runder Geburtstag. Ich hatte kein Geld. Du trägst das alte Zeug sowieso nie.
Claudia spürte damals, wie etwas in ihr erstarrte.
— Das war von meiner Mutter.
— Ich kauf dir neue. Schöner. Moderner. Das alte Zeug sah aus wie vom Trödelmarkt.
In der Woche davor hatte er Geld für neue Alufelgen ausgegeben. Zwei Tage später hatte er Claudia um Geld für die Kreditrate gebeten.
— Du schmollst immer noch wegen der Ohrringe? — fragte Thomas jetzt. — Meine Güte. Es sind Sachen. Familie ist wichtiger.
— Meine Mutter war keine Sache.
Da klingelte es.
Thomas sprang auf.
— Sie sind da. Mach jetzt keine Szene. Setz wenigstens Kaffee auf.
Claudia blieb an der Arbeitsplatte stehen. Sie biss wieder in die Pflaume. Sie schmeckte nichts. Aber das Kauen hielt sie ruhig.
Die Tür öffnete sich. Helgas Stimme kam zuerst.
— Na, hier riecht es aber gar nicht nach Geburtstag!
Sie trat in die Küche, noch im Mantel, und musterte den leeren Herd, die saubere Spüle, die freie Arbeitsfläche.
— Claudia, ich dachte, der Braten wäre längst im Ofen. Mein Junge arbeitet die ganze Woche. Der braucht ordentliches Essen.
Ihr „Junge“ war achtundvierzig.
Hinter ihr kam Kerstin herein, geschminkt, festlich gekleidet. An ihren Ohren hingen Claudias Ohrringe. Um den Hals lag die Kette.
Claudia sah hin.
Und blieb ruhig.
— Alles Gute, Kerstin. Schöner Schmuck.
Kerstin lächelte.
— Danke. Thomas hat gesagt, er habe etwas Besonderes ausgesucht.
— Hat er. Aus meiner Schatulle.
Kerstins Lächeln verschwand.
— Wie bitte?
— Das waren die Ohrringe meiner Mutter. Und ihre Kette. Thomas hat sie ohne mein Wissen genommen.
Helga seufzte sofort.
— Claudia, bitte. In einer Familie teilt man.
— Ich habe zehn Jahre geteilt. Essen, Geld, Sonntage, Arbeit. Aber das hier war kein Teilen. Das war Stehlen.
Thomas schlug auf den Tisch.
— Jetzt reicht es! Du blamierst mich.
— Nein. Du hast dich selbst blamiert, als du den Schmuck meiner toten Mutter genommen hast, weil du kein eigenes Geld für ein Geschenk hattest.
Kerstin wurde blass. Langsam nahm sie die Ohrringe ab, dann die Kette.
— Ich wusste das nicht — sagte sie leise. — Claudia, das musst du mir glauben.
Sie legte alles auf den Tisch.
— Es tut mir leid.
Claudia nickte.
— Danke.
Thomas lachte bitter.
— Wunderbar. Geburtstag ruiniert.
Claudia öffnete eine Schublade und nahm eine Mappe heraus.
— Nicht der Geburtstag ist ruiniert. Mein Schweigen ist vorbei.
— Was ist das?
— Eine Aufstellung. Geld, das du mir schuldest: Kreditraten, Einkäufe, Rechnungen. Außerdem Unterlagen für getrennte Konten. Ab heute bezahlt jeder seinen Anteil. Und wenn du noch einmal etwas von mir nimmst, gehe ich zur Polizei.
Helga schnappte nach Luft.
— So spricht man nicht mit seinem Mann.
— Doch. Wenn der Mann seine Frau für Küche, Geldautomat und Geschenkelager hält.
Kerstin sah ihren Bruder an.
— Thomas, das war wirklich mies.
— Ach, du jetzt auch?
— Ja. Ich hätte den Schmuck nie angenommen, wenn ich das gewusst hätte.
Stille.
Der Mann, den Kerstin mitgebracht hatte, räusperte sich unsicher.
— Sollen wir vielleicht irgendwo essen gehen?
Claudia lächelte knapp.
— Am Altmarkt gibt es gute Restaurants. Dort bringt man Essen gegen Bezahlung.
Sie gingen kurze Zeit später. Helga ohne Abschiedsrede. Kerstin mit einem letzten entschuldigenden Blick. Thomas blieb in der Küche stehen.
— Du machst unsere Ehe wegen ein paar Ohrringen kaputt?
— Nein. Die Ohrringe haben mir nur gezeigt, wie wenig du noch von mir übrig gelassen hast.
Er glaubte ihr nicht. Drei Wochen lang wartete er darauf, dass sie sich beruhigte. Dass sie wieder kochte. Dass sie sich entschuldigte. Dass der nächste Sonntag wieder nach Braten roch.
Nichts davon geschah.
Claudia reichte die Scheidung ein.
Sie zog in eine kleine Wohnung mit Blick auf einen Innenhof voller Kastanien. Am ersten Sonntag wachte sie auf und horchte. Keine Klingel. Keine Stimmen. Niemand fragte, wann das Essen fertig sei.
Sie kochte Kaffee, schnitt sich ein Brötchen auf und nahm die Ohrringe ihrer Mutter in die Hand.
Dann steckte sie sie an.
Im Spiegel sah sie nicht mehr die Frau, die immer alles ausglich, damit niemand beleidigt war.
Sie sah eine Frau, die endlich begriffen hatte, dass Frieden nicht darin besteht, den Tisch immer voller zu machen.
Manchmal beginnt Frieden mit einem leeren Herd.
Und mit dem Satz:
Nein. Von mir gibt es heute nichts mehr zu nehmen.
