Sie wollte nicht länger auf später warten

Sabine stand am Spülbecken, als Bernd in die Küche kam und das Licht ausschaltete.

— Es ist hell genug, sagte er mürrisch. — Strom kostet Geld.

Hell war es in der Küche seiner Mutter in Essen nie wirklich. Das Fenster ging in einen engen Hof, und selbst am Mittag lag ein grauer Schatten über den alten Fliesen. Sabine sagte nichts. Sie drehte nur den Wasserhahn etwas weiter auf, um den Topf schneller sauber zu bekommen.

Bernd trat sofort neben sie und drehte das Wasser herunter.

— Musst du so verschwenden? Wasser, Strom, Gas — alles läuft bei dir einfach durch. Du hast kein Gefühl für Geld.

Sabine stellte das Wasser ab. Sie trocknete die Hände an einem alten Geschirrtuch und setzte sich an den Küchentisch.

— Bernd, hast du dich jemals von außen betrachtet?

Er verschränkte die Arme.

— Was soll das jetzt werden?

— Eine Frage.

— Ich bin ein normaler Mann. Ein normaler Ehemann. Ein normaler Vater.

Sabine sah ihn lange an.

— Glaubst du wirklich, normale Väter lassen ihre Kinder in zu kleinen Schuhen laufen, weil neue „unsinnig“ sind?

— Fang nicht wieder an.

— Doch. Genau damit fange ich an. Und diesmal höre ich nicht auf.

Fünfzehn Jahre Ehe. Fünfzehn Jahre Sparen. Nicht vernünftig, nicht gelegentlich, sondern wie eine Religion. Wäsche nach zweiundzwanzig Uhr. Duschen mit Stoppuhr. Keine Servietten. Kein gutes Toilettenpapier. Obst nur reduziert. Kleidung nur gebraucht.

Ihre Kinder, Lina und Felix, trugen Sachen von den älteren Cousins. Lina hatte einmal ein Kleid im Schaufenster gesehen und nur gesagt:

— Schön. Aber bestimmt nicht für uns.

Sabine arbeitete in einer Steuerkanzlei und verdiente fast genauso viel wie Bernd. Trotzdem verwaltete er das Geld. Alles ging auf sein Konto. Er führte Tabellen, verglich Tarife, sammelte Rabattzettel und sprach vom „großen Sicherheits Polster“.

Aber Sicherheit fühlte sich bei ihnen an wie Gefängnis.

Sie wohnten in der Wohnung seiner Mutter, Inge. Zwei Zimmer für sie, der Rest gemeinsam. Inge kommentierte den Wasserverbrauch, die Heizung, die Lebensmittel, die Sabine kaufte.

— Ihr könnt froh sein, dass ihr hier wohnen dürft, sagte sie.

Sabine war lange froh gewesen. Oder sie hatte versucht, es zu sein.

— Weißt du, warum du mich nie verlassen hast? — fragte sie.

Bernd lachte trocken.

— Warum sollte ich dich verlassen?

— Weil du mich nicht liebst. Nicht wirklich. Und die Kinder liebst du auch nicht so, wie Kinder Liebe brauchen. Du bleibst, weil eine Trennung teuer wäre.

Sein Gesicht wurde hart.

— Pass auf.

— Nein. Du passt jetzt auf.

Sie zeigte auf die dunkle Küche.

— Wir waren nie am Meer. Nicht einmal an der Ostsee. Wir waren nie in den Bergen, nie in Berlin, nie irgendwo, wo die Kinder später sagen könnten: Weißt du noch? Unsere Urlaube finden im Hof statt, weil Benzin Geld kostet. Wir essen das Billigste. Wir tragen das, was andere übrig haben. Wir leben so, als wäre die Katastrophe schon eingetreten, für die du angeblich sparst.

— Ich sorge für die Zukunft.

— Wessen Zukunft?

— Unsere!

— Dann gib mir Geld. Ich kaufe den Kindern neue Kleidung. Mir auch. Und ich miete eine Wohnung.

Bernd starrte sie an.

— Eine Wohnung? Mutter hat uns zwei Zimmer gegeben.

— Ich will keinen Platz in ihrem Leben. Ich will ein Zuhause.

— Kleidung ist unwichtig. Du bist fünfunddreißig. Mutter von zwei Kindern. Du musst nicht herumstolzieren.

— Stimmt. Ich muss nur endlich aufhören, unsichtbar zu sein.

Bernd begann mit seiner üblichen Rede. Dass materielle Dinge nicht wichtig seien. Dass Sabine sich geistig über Konsum erheben müsse. Dass Menschen heute zu sehr an Kleidung, Reisen und Bequemlichkeit hingen.

Sabine hörte zu und fragte dann:

— Wenn dir Geld so unwichtig ist, warum hältst du es so fest?

Er schwieg.

— Wann beginnen wir zu leben, Bernd? Mit vierzig? Mit fünfzig? Mit sechzig? Darf Lina dann ein neues Kleid? Darf Felix dann Schuhe bekommen, die nicht drücken? Darf ich dann gutes Toilettenpapier kaufen?

— Du machst dich lächerlich.

— Nein. Lächerlich ist, dass du glaubst, ein voller Kontostand könne ein leeres Leben entschuldigen.

Sie stand auf.

— Ich gehe.

Für einen Moment wirkte er nicht wütend, sondern verwirrt.

— Wovon willst du leben?

— Von meinem Gehalt. Es reicht für eine kleine Wohnung, Essen, Kleidung und Licht, das wir einschalten, wenn wir es brauchen.

— Du wirst nichts sparen.

— Vielleicht. Aber ich werde leben.

— Und die Kinder?

— Du zahlst Unterhalt. An den Wochenenden kommen sie zu dir und deiner Mutter. Dann kannst du sehen, was Familie bedeutet, wenn man nicht nur über Kosten spricht.

Jetzt wurde er blass. Sabine sah, wie er rechnete. Unterhalt. Essen an Wochenenden. Verlust ihres Gehalts. Teilung des Kontos.

— Das Konto teilen wir auch — sagte sie.

— Welches Konto?

— Das, auf dem seit fünfzehn Jahren auch mein Geld liegt.

— Das ist für später!

— Für mich ist später jetzt.

Zwei Monate später waren sie geschieden.

Inge nannte Sabine undankbar. Bernd sagte, sie sei verschwenderisch geworden. Doch das Gericht teilte die Ersparnisse, setzte Unterhalt fest, und Sabine mietete eine kleine Wohnung in der Nähe eines Parks.

Am ersten Abend stand Felix am Lichtschalter.

— Darf ich?

Sabine nickte.

— Ja. Du darfst sehen, was du malst.

Lina bekam eine neue Jacke, die sie selbst aussuchte. Felix Schuhe, die passten. Sabine kaufte sich einen Mantel. Nicht teuer, aber neu. Ihr eigener.

Im Sommer fuhren sie an die Nordsee. Als die Kinder zum ersten Mal barfuß ins Wasser liefen, weinte Sabine hinter ihrer Sonnenbrille. Später kaufte sie ihnen Pommes und Eis.

— Ist das teuer? — fragte Lina vorsichtig.

Sabine nahm ihre Hand.

— Teurer war es, nicht hier zu sein.

Bernd sparte weiter. Er lebte bei seiner Mutter, drehte Wasserhähne zu und füllte sein Konto langsamer als früher. Doch in den Zimmern war es still. Niemand verschwendete Licht. Niemand bat um Obst. Niemand störte seine Zukunft.

Sabine wurde nicht reich. Aber ihr Zuhause hatte Wärme. Lachen. Weiches Papier im Bad. Eine Obstschale, aus der die Kinder nehmen durften, ohne zu fragen.

Und an der Kühlschranktür hing ein Zettel:

„Geld kann man zurücklegen. Das Leben nicht.“

 

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