Früher glaubte Anna, Liebe müsse glänzen.
Sie stellte sich vor, wie sie mit einem schönen Mann am Arm durch den Innenhof ging, vorbei an den alten Frauen auf der Bank, die ihre Köpfe nach jedem Vorübergehenden drehten wie Sonnenblumen nach der Sonne. Der erste Mann, der ihr dieses Gefühl gab, hieß Leon.
Er war schön. Zu schön vielleicht. Er hatte dunkle Haare, ein helles Lächeln und eine Art zu sprechen, bei der Anna jedes Warnsignal überhörte. Er arbeitete nirgendwo richtig. Er sagte, er suche seinen Weg, er sei nicht dafür gemacht, sich in einem Büro kaputtzumachen.
Anna glaubte ihm.
Sie kochte für ihn, lieh ihm Geld, ließ ihn bei sich schlafen, wartete, wenn er tagelang verschwand. Wenn er zurückkam, reichte ein Lächeln, und sie war wieder weich.
Eines Nachmittags saß er in ihrer kleinen Küche in Leipzig, trank ihren Kaffee und sagte:
— Mit dir wird mir langweilig.
Anna lachte unsicher.
— Wie meinst du das?
— Du gibst mir nicht das Gefühl, ein Mann zu sein. Wenn du mich wirklich lieben würdest, könntest du mich wenigstens einmal ans Meer einladen.
Er sagte es, als sei sie ihm etwas schuldig.
Anna weinte eine Woche. Dann zerriss sie seine Fotos und verbrannte sie in einer alten Schüssel auf dem Balkon. Sie schwor sich, nie wieder einem Mann hinterherzulaufen, der nur schön aussah, wenn andere ihn trugen.
Dann traf sie Markus.
Es war ein kalter Morgen. Anna war spät dran, der Bus kam nicht, und sie stand an der Haltestelle, mit nassen Schuhen und einer Tasche voller Unterlagen. Ein Taxi hielt neben ihr.
— Sie sehen aus, als hätten Sie es eilig, sagte der Fahrer. — Steigen Sie ein. Ich bringe Sie hin.
Er war älter als sie, gepflegt, rasiert, mit sauberem Hemd und ruhigen Händen am Lenkrad. Das Auto roch nach Kaffee, Leder und einem milden Aftershave. Anna dachte sofort, dass im Leben dieses Mannes eine Frau Ordnung hielt. Hoffentlich seine Mutter.
Markus war das Gegenteil von Leon. Höflich. Aufmerksam. Er fragte, ob die Heizung zu warm sei, ob sie Musik wolle, ob sie pünktlich ankommen müsse. Als sie bezahlen wollte, winkte er ab.
— Heute nicht. Man muss Menschen in Not helfen.
Anna gab ihm ihre Nummer.
Sie begannen sich zu treffen. Markus brachte Blumen, kleine Geschenke, liebe Worte. Er behandelte sie so vorsichtig, dass Anna sich fast schämte, wie sehr sie es genoss.
Im Frühling fuhren sie in einen Wald außerhalb der Stadt. Die ersten Buschwindröschen blühten. Anna sammelte einen kleinen Strauß und lachte, weil sie sich leicht fühlte. Markus pflückte ebenfalls Blumen. Sein Strauß war größer und sorgfältiger.
Als sie ins Auto stiegen, legte Anna ihren Strauß auf den Schoß.
Markus legte seinen auf die Rückbank.
In Annas Kopf flammte ein Gedanke auf.
„Für seine Frau.“
Sie fragte nicht.
Sie wollte die Antwort nicht hören.
Einige Wochen später klingelte es an ihrer Wohnungstür.
Eine Frau stand davor, mit zwei kleinen Kindern an der Hand. Ihr Gesicht war müde, aber ihre Stimme fest.
— Bitte, sagte sie. — Wenn Sie meinen Mann lieben, erziehen Sie seine Kinder gleich mit. Sie lieben ihren Vater sehr.
Anna wurde weiß.
— Ich wusste es nicht, flüsterte sie. — Ich schwöre, ich wusste es nicht. Ich werde kein Nest unter einem fremden Dach bauen.
Am selben Abend beendete sie alles mit Markus.
Danach kam David.
Sie lernte ihn auf dem Geburtstag einer Freundin kennen. Er stammte aus Georgien, lebte aber seit Jahren in Deutschland. David kam in einen Raum wie Musik. Laut, warm, großzügig. Er tanzte, erzählte Geschichten, kochte scharfes Essen und brachte Anna zum Lachen, als hätte er einen Schlüssel zu etwas gefunden, das in ihr lange verschlossen war.
Ein Jahr lang trug er sie fast auf Händen.
— Anna, deine Augen sind zu traurig, sagte er. — Ich bringe sie zum Lachen.
Und er tat es.
Dann fuhr er nach Tiflis zurück.
Seine Mutter sei krank, sagte er. Er müsse helfen. Vielleicht komme er wieder. Vielleicht nicht.
Er kam nicht.
Anna blieb zurück und sagte sich: genug. Allein ist besser als verlassen.
Dann erfuhr sie, dass sie schwanger war.
Tagelang ging sie wie betäubt durch die Wohnung. Wie sollte sie das schaffen? Was würden die Leute sagen? Würde David es je erfahren?
Am Ende legte sie die Hand auf ihren Bauch und sagte:
— Du bist nicht schuld. Wir schaffen das.
Sie bekam ein Mädchen und nannte es Mila.
Mila sah David ähnlich. Dunkle Locken, schwarze Augen, ein Lächeln voller Sonne. Es tat Anna nicht weh. Manchmal, wenn sie Mila ansah, erinnerte sie sich an die guten Tage mit David und war dankbar, dass wenigstens aus dieser Liebe etwas blieb.
Es war schwer.
Anna beneidete verheiratete Freundinnen, Familienfotos, gemeinsame Urlaube, Männer, die abends nach Hause kamen. Aber Mila brauchte Brei, Schlaflieder, saubere Kleider, Pflaster, Geduld. Für lange Verzweiflung blieb keine Zeit.
Am ersten Schultag wurde Mila neben einen Jungen namens Ben gesetzt.
Sie mochten sich sofort nicht.
— Lockenziege, sagte Ben.
Mila trat ihn unter dem Tisch.
Von da an herrschte Krieg. Kratzer, Schubsen, zerbrochene Buntstifte. Die Lehrerin setzte sie auseinander, aber in den Pausen fanden sie einander trotzdem.
Als Mila mit einer Schramme auf der Wange nach Hause kam, ging Anna zur Schule.
Die Lehrerin gab ihr die Adresse von Bens Vater.
— Sprechen Sie bitte mit ihm. Die Mutter ist nicht im Haushalt.
Anna ging sofort hin.
Die Tür öffnete ein Mann mit einem Küchentuch über der Schulter und Mehl an den Händen.
— Sie kommen zu mir? Bitte rein. Ich muss nur meinen kleinen Räuber füttern, dann mache ich Kaffee.
Er hieß Tobias.
Die Wohnung war klein, chaotisch, roch nach Tabak und Staub. Man sah sofort, dass dort lange keine Frau gewohnt hatte. Anna hätte sich unwohl fühlen sollen. Stattdessen stellte sie sich vor, wie man lüften, aufräumen, Blumen auf die Fensterbank stellen könnte.
Tobias kam mit zwei Tassen Kaffee zurück.
Diesen Duft vergaß Anna nie.
— Ich bin Milas Mutter, begann sie streng.
Tobias lächelte.
— Dann ist Ihre Tochter also das Mädchen, in das mein Ben verliebt ist.
— Wenn Verliebtsein bei Ihnen Kratzer im Gesicht bedeutet, sollten Sie mit ihm reden.
Tobias wurde ernst.
— Das wusste ich nicht. Ich kümmere mich darum.
In dieser Nacht schlief Anna kaum. Sie dachte an Tobias, an den Kaffee, an seine müden Augen und an den Jungen in der Küche, der vielleicht nicht nur Strenge brauchte, sondern jemanden, der ihm übers Haar strich.
Beim Elternabend sah sie Tobias wieder.
Er war allein. Kein Ring. Keine Frau.
Nach dem Treffen bot er an, Anna und Mila nach Hause zu begleiten. Es war Dezember, dunkel und glatt.
— Gern, sagte Anna.
Später erzählte Tobias, dass seine Frau ihn für seinen besten Freund verlassen hatte. Ben hatte bei ihm bleiben wollen. Nicht, weil es einfach war, sondern weil es sich für ihn richtig anfühlte.
Sie feierten Silvester zusammen.
Anna wartete längst nicht mehr auf Prinzen. Sie hatte gelernt, dass ein Mann nicht durch Rosen, sondern durch eine ehrliche Tasse Kaffee kostbar werden kann.
Im Frühling sagte Tobias, dass er sie liebe.
— Seit dem Tag, an dem du wütend wegen Mila vor meiner Tür standst, denke ich an dich, sagte er. — Ich sah eine Frau, die ihr Kind schützt. So eine Frau kann ein Zuhause schaffen.
Anna und Mila zogen zu Tobias und Ben. Vorher fragten sie die Kinder.
Mila und Ben sahen einander misstrauisch an.
— Gut, murmelte Ben. — Aber sie fasst meine Sachen nicht an.
— Und er nennt mich nicht mehr Lockenziege, sagte Mila.
So begann ihre Familie.
Tobias arbeitete hart. Sie kauften später eine größere Wohnung. Anna kümmerte sich um beide Kinder. Ben wurde ihr Sohn, auch ohne Blut. Tobias liebte Mila mit einer Zärtlichkeit, die Anna manchmal sprachlos machte.
Die Kinder wuchsen auf.
Aus Feinden wurden Verbündete. Aus Verbündeten Freunde. Und eines Tages erzählten Mila und Ben, dass sie heiraten wollten.
Anna und Tobias gaben ihren Segen.
Manchmal beginnt Liebe eben mit Kratzern und Kinderstreit.
Die jungen Leute fuhren nach Paris in die Flitterwochen.
Anna schlug Tobias vor, ans Meer zu fahren.
— Nur wir zwei. Einmal frei atmen.
Tobias zögerte.
— Kauf dir lieber etwas Schönes.
— Das Schönste habe ich schon. Dich.
Sie fuhren.
Es wurde eine Woche reinen Glücks. Spaziergänge am Strand, Blumen, lange Abendessen, Lachen. Tobias war zärtlicher als je zuvor. Am letzten Morgen gingen sie zum Meer, um Abschied zu nehmen. Der Strand war leer. Das Wasser glatt.
Tobias küsste sie.
— Anna, ich liebe dich sehr, sagte er leise. — Mehr, als ich je sagen konnte.
Sie lächelte.
— Ich gehe nur noch einmal kurz ins Wasser, sagte er. — Dann fahren wir.
Er ging hinein.
Und kam nicht zurück.
Die Rettungskräfte suchten lange. Das Meer war ruhig. Kein Sturm. Keine Welle. Keine Erklärung.
Anna kehrte allein heim.
Monate lang lebte sie wie hinter Glas. Sie hasste das Meer. Hasste die Fragen. Warum er? Warum dort? Warum hatte sie nicht sofort geantwortet: „Ich liebe dich auch“?
Es gab kein Grab, zu dem sie gehen konnte.
Zeit heilt nicht alles.
Sie macht den Schmerz nur leiser, damit man weiter atmen kann.
Jahre vergingen.
An einem Herbstnachmittag ging Anna mit zwei kleinen Enkelkindern durch den Park, Emma und Leo, den Kindern von Mila und Ben. Wie immer gingen sie danach ins Café. Die Kinder bekamen Eis. Anna bestellte Kaffee.
Als der Duft aufstieg, schloss sie die Augen.
Für einen Moment war Tobias bei ihr. In der Wärme der Tasse. Im Lachen der Kinder. In allem, was aus einer Schramme im Schulhof und einer Tasse Kaffee geworden war.
— Oma, warum lächelst du? fragte Emma.
Anna strich ihr über das Haar.
— Weil manche Menschen nur aus unseren Augen verschwinden, mein Schatz. Nicht aus unserem Herzen.
Sie sah hinaus auf die goldenen Blätter.
Zum ersten Mal fragte sie nicht mehr: warum?
Sie sagte innerlich:
Danke.
Für Tobias.
Für fünfundzwanzig Jahre Glück.
Für die Liebe, die nicht endet, nur weil ein Leben endet.
