Das Urteil der Familie sprach die älteste Tochter, Sabine.

Das Urteil der Familie sprach die älteste Tochter, Sabine.

— Eine Zugelaufene — sagte sie.

Sie sagte es nicht laut, aber das Wort klang in der Küche nach, als hätte jemand eine Tür zugeschlagen. Die jüngere Schwester, Katrin, lachte leise. Die Mutter, Helga Baumann, schwieg. Doch ihr Gesicht war hart genug, um jedes Wort zu ersetzen.

Die neue Schwiegertochter war nicht willkommen.

Und was hätte Helga an ihr mögen sollen?

Ihr einziger Sohn, Martin, der Stolz des Hauses, kam nach seinem Wehrdienst mit einer Ehefrau zurück. Nicht mit einer Verlobten, die man in Ruhe kennenlernen konnte. Nicht mit einem Mädchen aus einer bekannten Familie. Er kam einfach verheiratet nach Hause.

Sie hieß Anna.

Sie hatte einen alten Koffer, einen zu großen Mantel und Augen, die viel zu früh gelernt hatten, vorsichtig zu sein. Keine Eltern. Kein Geld. Keine Aussteuer. Keine Verwandten, die zum Kaffee kamen. Manche sagten, sie sei im Heim aufgewachsen. Andere sagten, sie habe bei verschiedenen Leuten gelebt. Martin winkte nur ab.

— Mutter, hör auf. Wir schaffen uns unser eigenes Leben.

Helga schlief seit diesem Tag schlecht. Sie lag nachts wach und lauschte, ob Anna durch den Flur ging, ob Schränke geöffnet wurden, ob jemand nach Schmuck, Sparbuch oder den guten Tischdecken suchte.

Sabine und Katrin machten alles schlimmer.

— Mutter, ich würde den Schmuck verstecken.

— Und den Pelzmantel.

— Wer mit nichts kommt, geht manchmal mit allem.

Das Haus der Baumanns lag am Rand eines Dorfes in Thüringen. Es gab einen großen Garten, Hühner, Schweine, Vorratskeller, Holzschuppen und Arbeit ohne Ende. Anna klagte nie. Sie stand früh auf, fütterte die Tiere, jätete Unkraut, kochte, putzte, wusch, trug Körbe und schwieg.

Sie versuchte, nützlich zu sein.

Aber wer nicht gewollt ist, kann sich mit Arbeit allein keinen Platz verdienen.

Am ersten Tag sagte Helga:

— Du nennst mich Frau Baumann. Töchter habe ich schon. Du bist Martins Frau, mehr nicht.

Von da an sagte Anna „Frau Baumann“.

Helga nannte sie fast nie beim Namen. Wenn etwas getan werden musste, sagte sie nur:

— Das Essen muss gemacht werden.

— Der Stall muss sauber sein.

— Der Garten muss gejätet werden.

Kein „Anna“. Kein „Kind“.

Nur muss.

Sabine und Katrin nannten sie „die Zugelaufene“. Anna tat, als höre sie es nicht.

Doch mit den Monaten begann Helga Dinge zu sehen. Anna stahl nicht. Sie lügte nicht. Sie hetzte Martin nicht auf. Sie arbeitete, bis ihre Hände rissig waren. Als Helga sich den Fuß verstauchte, brachte Anna ihr Tee, band den Verband neu und stellte die Krücken ans Bett, ohne ein Wort darüber zu verlieren.

Vielleicht hätte die Zeit die Kanten geglättet.

Aber Martin begann auszugehen.

Sabine stellte ihm eine Freundin vor, Beate. Hübsch, laut, selbstsicher. Martin kam erst spät, dann betrunken vor Freiheit, dann nach fremdem Parfüm riechend. Bald wusste jeder im Haus, was geschah.

Die Schwestern triumphierten.

— Jetzt verschwindet sie bestimmt.

Anna verschwand nicht.

Sie wurde nur dünner. Ihre Augen wurden dunkel und still.

Dann kamen zwei Nachrichten.

Anna war schwanger.

Martin wollte die Scheidung.

— Nein — sagte Helga.

Martin sah sie wütend an.

— Ich bin ein Mann. Ich entscheide.

Helga lachte trocken.

— Ein Mann? Du bist bisher nur eine Hose. Wenn du ein Kind großziehst, Fiebernächte durchstehst, Schuhe kaufst, Brot verdienst und bleibst, wenn es schwer wird, dann nenn dich Mann. Du hast geheiratet. Anna bleibt. Wenn jemand geht, dann du.

Zum ersten Mal sagte sie Annas Namen.

Martin packte seine Sachen und ging.

Er dachte wohl, seine Mutter würde ihm nachlaufen. Sie tat es nicht.

Anna blieb.

Sie bekam ein Mädchen und nannte es Helena.

Als Helga davon hörte, sagte sie nichts. Doch am Abend saß sie lange neben der Wiege und rückte immer wieder die Decke zurecht.

— Schlaf, kleines Mädchen — flüsterte sie. — Schlaf, meine Helena.

Martin kam nicht zurück. Er zog mit Beate in den Westen, später irgendwohin in den Norden. Briefe kamen selten. Dann gar nicht mehr.

Zehn Jahre vergingen.

Sabine und Katrin heirateten. Im großen Haus blieben Helga, Anna und Helena. Das Kind wuchs zwischen Hühnern, Apfelbäumen und einer Großmutter auf, die nach außen hart blieb und nach innen immer weicher wurde.

Dann trat Georg in Annas Leben.

Ein pensionierter Offizier, ruhig, ernst, älter als sie. Geschieden. Die Wohnung hatte er seiner früheren Frau überlassen, selbst lebte er in einem kleinen Zimmer. Er arbeitete, trank nicht und sah Anna an, als sei sie keine Last, sondern ein Mensch.

Anna mochte ihn.

Aber wohin mit ihm? In das Haus der Schwiegermutter?

Sie sagte:

— Georg, ich kann nicht. Ich habe Helena. Ich lebe bei Frau Baumann. Ich habe kein eigenes Zuhause.

Georg kam selbst zu Helga.

Er stand in der Küche, die Mütze in den Händen.

— Frau Baumann, ich liebe Anna. Ich möchte ehrlich mit ihr leben, wenn sie es will.

Helga sah ihn lange an.

— Und das Kind?

— Wenn Helena mich lässt, möchte ich für sie da sein.

Helga schwieg.

— Ich lasse das Kind nicht von Zimmer zu Zimmer schleppen. Ihr bleibt hier.

Also blieben sie.

Das Dorf redete. Helga habe ihren eigenen Sohn vertrieben und einen fremden Mann aufgenommen. Anna müsse sie verhext haben. Helga antwortete niemandem. Sie ging mit geradem Rücken durch die Straße und ließ die Leute reden.

Anna bekam eine zweite Tochter, Clara.

Was war Clara für Helga? Dem Blut nach nichts.

Aber Helga liebte sie. Sie trug sie, nähte ihr Kleider, hob ihr die besten Pflaumen auf und setzte sich nachts an ihr Bett, wenn sie krank war.

Dann kam das Unglück.

Anna wurde schwer krank.

Erst Müdigkeit. Dann Schmerzen. Dann Ärzte, Kliniken, Untersuchungen. Georg brach zusammen und trank einige Tage. Helga stellte sich vor ihn und sagte:

— Wasch dein Gesicht. Die Mädchen brauchen dich.

Sie hob ihre Ersparnisse ab und fuhr mit Anna nach Berlin. Spezialisten, Medikamente, Behandlungen. Sie verkaufte Tiere, Schmuck und schließlich sogar die kleinen goldenen Ohrringe, die sie früher vor Anna versteckt hatte.

Es half nicht.

Eines Morgens bat Anna um Hühnerbrühe.

Helga freute sich. Sie kochte eine Brühe, klar und golden, und brachte sie ans Bett.

Anna konnte keinen Löffel schlucken.

Sie weinte.

Da setzte sich Helga zu ihr und weinte mit. Niemand hatte Helga je weinen sehen.

— Mein Kind — sagte sie und streichelte Annas Hand. — Warum gehst du jetzt, wo ich dich endlich liebe? Warum war ich so lange blind?

Dann wischte sie die Tränen weg.

— Um die Mädchen sorg dich nicht. Sie werden nicht verloren gehen.

Bis zum Schluss blieb sie bei Anna. Sie hielt ihre Hand und strich darüber, als wolle sie mit jeder Berührung um Verzeihung bitten.

Wieder vergingen zehn Jahre.

Helena heiratete.

Sabine und Katrin kamen, älter, leiser. Keine von beiden hatte Kinder. Auch Martin erschien. Von Beate war er längst getrennt, er trank, sah aufgedunsen und müde aus. Als er Helena im Brautkleid sah, lächelte er plötzlich stolz.

— Was für eine Tochter ich habe.

Helena nahm Georgs Arm.

— Papa, kommst du? Der Fotograf wartet.

Martin wurde dunkel im Gesicht.

Später stellte er Helga zur Rede.

— Du hast einen fremden Mann meinen Platz nehmen lassen. Ich bin ihr Vater.

Helga war alt geworden, aber ihre Stimme blieb fest.

— Nein, Sohn. Vater ist nicht, wer ein Kind zeugt und geht. Vater ist, wer bleibt. Wer Fieber misst, Schuhe kauft, Hausaufgaben erklärt und Tränen trocknet. Georg war ihr Vater. Du warst eine Lücke.

— Mutter…

— Ich sagte dir damals, du seist nur eine Hose. Die Jahre sind vergangen, aber in einen Mann bist du nie hineingewachsen.

Martin verließ die Feier.

Helena bekam später einen Sohn und nannte ihn Georg, nach dem Mann, der sie großgezogen hatte.

Helga wurde neben Anna begraben.

Schwiegermutter und Schwiegertochter.

Zwei Frauen, die als Feindinnen begannen und als Familie endeten.

Im Frühling wuchs zwischen ihren Gräbern eine kleine Birke. Niemand hatte sie gepflanzt. Sie war einfach da. Dünn, hell, eigensinnig.

Die Leute sagten, der Wind habe den Samen gebracht.

Helena aber dachte, vielleicht sei es Anna, die noch einmal Danke sagte.

Oder Helga, die endlich flüsterte:

— Vergib mir, mein Kind. Ich habe dich spät geliebt, aber ganz.

 

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