Der Kater weckte sie jeden Sonntag um sieben. Genau dann ging ihr Mann angeblich angeln
Sonntagmorgen kennt zwei Arten von Menschen.
Die einen stehen um sechs auf, weil der Tag „genutzt“ werden muss: Markt, Wäsche, Kuchen, Keller, noch schnell dies und das.
Die anderen sollte man vor neun nicht ansprechen, es sei denn, man möchte einen Blick erhalten, der kleine Tiere erschrecken könnte.
Katzen gehören zu keiner Gruppe.
Katzen kennen kein Wochenende. Sie kennen Hunger, Türen, Langeweile und Menschen, die unverschämt lange liegen.
Aber auch Katzen haben Gewohnheiten. Wenn ein Kater jahrelang sonntags bis neun schläft und dann plötzlich Punkt sieben das Schlafzimmer in Alarmbereitschaft versetzt, geht es nicht immer um Futter.
Manchmal geht es um das, was der Mensch nicht sehen will.
Die Frau, die in meine Praxis in Leipzig kam, hieß Sandra. Sie war Ende dreißig, trug eine dicke Jacke, hatte die Haare streng zusammengebunden und Augenringe, die keine Kosmetik mehr diskutieren wollte.
Sie stellte die Transportbox auf den Tisch.
— Herr Doktor, kann man einen Kater sonntags abschalten?
— Abschalten nicht, sagte ich. — Verstehen vielleicht.
Aus der Box kam ein großer schwarz-weißer Kater. Oskar. Er trat heraus, als gehöre die Praxis bereits ihm, setzte sich und musterte mich mit professioneller Enttäuschung.
— Er macht mich fertig, sagte Sandra. — Jeden Sonntag. Sieben Uhr. Er springt aufs Bett, miaut, wirft mein Handy runter, kratzt an der Decke, drückt mir die Pfote ins Gesicht. Wenn ich aufstehe und Futter gebe, frisst er zwei Bissen und schreit dann an der Wohnungstür.
Oskar blinzelte langsam.
— Seit wann?
— Drei oder vier Monate.
— Was passiert sonntags um diese Zeit bei Ihnen?
— Mein Mann fährt angeln. Mit Freunden. Das macht er seit Jahren.
— Und früher hat Oskar nicht reagiert?
— Nein. Früher war das sogar lustig. Jens packte am Vorabend Ruten, Stiefel, Köder, Thermoskanne. Morgens klingelte der Wecker, er polterte herum, ich meckerte unter der Decke, Oskar saß am Fenster. Alles normal.
— Und jetzt?
Sandra wurde still.
— Jetzt ist er leise. Jens, meine ich. Er legt die Kleidung ins Bad. Handy auf lautlos. Keine Angelruten. Keine Kühlbox. Er geht fast geräuschlos.
— Und wenn er zurückkommt?
Sie sah auf ihre Hände.
— Er riecht nicht nach Fisch.
— Sondern?
— Nach Parfum.
Oskar sprang vom Tisch und rieb sich an ihrem Bein.
So machen Katzen das manchmal. Nicht dramatisch. Nicht vorwurfsvoll. Als wollten sie sagen: Endlich hat der Mensch verstanden, warum wir schreien mussten.
— Ich will darüber nicht reden, sagte Sandra schnell. — Ich bin wegen Oskar hier. Ich will sonntags schlafen.
— Vielleicht will Oskar, dass Sie aufwachen.
Sie sah mich scharf an.
— Das ist sehr poetisch für einen Tierarzt.
— Tiere sind selten poetisch. Aber oft genau.
Ich gab ihr keinen Medikamentenplan. Ich gab ihr eine Aufgabe.
Am nächsten Sonntag aufstehen. Nicht diskutieren. Nicht rufen. Nur beobachten.
Am Montag rief sie an.
— Oskar ist kein Problem, sagte sie. — Jens ist das Problem.
Sonntag um 6:58 hatte Oskar begonnen. Sandra stand auf. Barfuß, im Schlafshirt, ging sie in den Flur. Jens stand an der Tür. Hemd. Gute Jacke. Kleine Tasche. Kein Angelzeug.
Sie sah aus dem Küchenfenster.
Unten wartete ein Auto. Eine Frau stieg aus. Jens ging zu ihr, sah kurz zum Haus hoch und küsste sie.
Sandra sagte später, in diesem Moment sei es in ihr ganz still geworden.
Oskar saß neben ihr. Er miaute nicht mehr.
Am Abend kam Jens zurück.
— Und? fragte Sandra. — Haben die Fische gebissen?
— Ach, kaum.
Sie legte das Foto auf den Tisch.
— Sie aber schon?
Jens wurde erst wütend. Dann beleidigt. Dann traurig. Dann sagte er, es sei “kompliziert”.
— Du hast mich für verrückt erklärt, sagte Sandra. — Drei Monate lang hat mein Kater versucht, mir zu zeigen, wann du gehst. Und du hast gehofft, ich schlafe weiter.
Das traf ihn mehr als das Foto.
Es folgten Wochen voller Gespräche, Tränen, Ausflüchte und Anwaltstermine. Sandra sagte einmal zu mir:
— Das Schlimmste war nicht die andere Frau. Das Schlimmste war, wie sehr ich mir selbst nicht mehr geglaubt habe.
Oskar hörte auf, sie sonntags zu wecken.
Nach Jens’ Auszug schlief Sandra an einem Sonntag bis halb zehn. Als sie aufwachte, lag Oskar zusammengerollt an ihrem Bauch und schnurrte. Kein Alarm. Keine Krallen. Keine Tür.
Nur Frieden.
Später schickte sie mir ein Bild. Oskar am Fenster, Sandra mit Kaffee daneben.
Darunter stand:
“Er wollte nicht mein Wochenende ruinieren. Er wollte mein Leben retten, bevor ich mich noch tiefer in die Lüge kuschle.”
Ich weiß nicht, ob Katzen Wahrheit verstehen.
Aber ich weiß, dass sie Veränderung spüren.
Und manchmal miauen sie nicht, weil sie Hunger haben.
Sondern weil ein Mensch im Haus endlich aufstehen muss.
