Herbert stand um halb sechs auf. Ohne Wecker – der Körper wusste es einfach. Das war seit vierzig Jahren so, und seit Elsbeth nicht mehr da war, hielt er an dieser Stunde fest wie an einem Geländer im Dunkeln. Frühstück um Punkt sieben, danach der Spaziergang durch den Stadtpark, dieselbe Bank an der kleinen Brücke, zurück um kurz vor neun. Die Wohnung in der Isestraße verlangte nach keiner Überraschung. Im Nebenzimmer, das früher Elsbeths Nähstube gewesen war, stand die alte Standuhr ihres Großvaters. Seit drei Jahren rührte sie niemand mehr an. Die Zeiger standen auf zwanzig nach vier, und das war in Ordnung so. Wer Ordnung hat, verschwindet nicht, dachte Herbert oft, ohne es je auszusprechen.
An einem Freitag im Juli stand seine Enkelin Lina vor der Tür. Sie war neunzehn, braun gebrannt aus dem Urlaub und trug ein viel zu großes Leinenhemd. In der Hand eine Transportbox, aus der es verdächtig raschelte.
„Opa“, sagte sie noch im Treppenhausflur, bevor er überhaupt den Mund aufmachen konnte, „das ist Herr Schröder. Der ist total lieb. Wirklich. Und ich hab niemanden, bei dem ich ihn lassen kann, nur für drei Wochen, bitte, bitte, Opa, du hast doch früher auch mal einen Hund gehabt?“
Herbert blickte in die Box. Ein kleiner, brauner Dackelkopf schob sich aus der Gittertür, musterte ihn mit einer Mischung aus Neugier und völliger Unbeeindrucktheit und zog sich dann wieder zurück.
„Ein Hund? Das ist ein Dackel. Und warum heißt der Schröder?“
Lina stellte die Box im Flur ab. „Weil er so guckt. Wie ein Steuerberater. Oder ein Kanzler. Ist doch egal. Nur drei Wochen, ich schwör’s dir, am ersten August bin ich wieder da und hole ihn ab, und du wirst ihn nicht mal bemerkt haben, Opa, bitte.“
„Auf den Balkon“, sagte Herbert. „Da kann er wohnen. Keine Diskussion. Und wenn er bellt, schläft er im Kellerabteil. Das hab ich der Genossenschaft versprochen, dass hier nichts bellt. Auf den Balkon, sonst nichts. Und du bringst das Futter mit, ich hab keine Ahnung, was so ein Tier frisst, und kaufen tu ich das sowieso nicht. Das ist nur für drei Wochen. Nur. Drei. Wochen. Verstanden?“
Lina nickte eifrig und umarmte ihn kurz. Zu kurz, um ihn wirklich zu stören, aber lang genug, dass er das Weichspüleraroma ihres Hemds roch und kurz lächeln musste. „Danke, Opa, du bist der Beste.“ Und weg war sie, die Treppe hinunter, mit einem „Schick mir Fotos!“ über die Schulter.
Herr Schröder saß indessen bereits nicht mehr in der Box. Er hatte den Flur beschnüffelt, war in die Wohnstube getapst und hatte sich mitten auf den guten Perserteppich gesetzt, den Elsbeth von ihrer Tante aus Hameln geerbt hatte. Er sah Herbert direkt an. Kein Zögern, keine Angst, einfach nur eine Art gelassenes Interesse.
„Balkon“, sagte Herbert deutlich.
Herr Schröder gähnte. Lang und genüsslich, die Zunge rollte sich in der Schnauze. Dann legte er sich langsam auf die Vorderpfoten nieder und blinzelte.
Herbert stand da in seinem eigenen Wohnzimmer, einem Raum, in dem seit drei Jahren kein einziges Möbelstück verrückt worden war, in dem jede Vase und jeder Aschenbecher einem gottgegebenen Platz folgte, und blickte auf einen braunen Dackel, der nicht im Geringsten daran dachte, auf den Balkon zu gehen.
Am nächsten Morgen um Punkt sieben, beim Frühstück, saß Herr Schröder neben Herberts Sessel. Er hatte die Nacht dann doch auf dem Balkon verbracht – der Karton mit einer alten Wolldecke war überraschend gut angenommen worden – aber jetzt, als Herbert die Brötchenhälfte mit Butter bestrich, war der Hund einfach drinnen, ohne Erlaubnis, still und ordentlich und mit einer so aufmerksamen Kopfhaltung, dass es fast wie eine Einladung zum Gespräch aussah.
Herbert seufzte und schob ihm ein winziges Stückchen Käserinde hin. Keine Widerrede, dachte er. Ist ja nur für drei Wochen. Nur drei Wochen. Dann zog er die Morgenpost aus dem Flur – hauptsächlich Reklame, aber auch die neue Quartalsrechnung von den Stadtwerken – und las sie laut vor. Er hatte sich angewöhnt, allein zu lesen, aber während er die Zahlen und den Verbrauchswert vor sich hin murmelte, blieb Herr Schröder sitzen, den Kopf leicht nach rechts gelegt, als verfolge er den komplizierten Tarifvergleich mit echter Anteilnahme.
„Ein Unding, diese Preise“, brummte Herbert und ließ das Schreiben sinken. „Fast zweiundvierzig Cent die Kilowattstunde. Weißt du, was das früher gekostet hat? Weißt du’s?“
Herr Schröder gab ein kurzes, fast tonloses Bellen von sich, einmal nur.
„Findest du auch? Na also. Ein Skandal, jawohl.“ Und damit begann das, was Herbert später nicht einmal als Gespräch bezeichnen wollte – und doch tat er es Tag für Tag.
Die zweite Woche kam, und die dritte nahte. Am Mittwoch traf er im Schanzenpark, auf dem Weg zur Kastanienallee, Herrn Brehme, der zwei Straßen weiter wohnte und immer mit seinem schwarzen Labrador unterwegs war. Brehme war siebenundachtzig, sprach gern über die Inflation von 1923 und nannte seinen Hund Lady, obwohl es ein Rüde war.
„Na, Herbert, jetzt auch mit einem Hund unterwegs?“
„Nur für kurze Zeit. Von der Enkelin. Der gehört nicht mir, ich pass nur auf, das ist so ein Gefallen, mehr nicht. In einer Woche holt sie ihn wieder ab. Ich bin doch nicht verrückt, so ein Tier dauerhaft zu halten. Die Haare, die Arbeit, das Futter – nein, nein, das ist nichts für mich. Für mich nicht. Ausdrücklich nicht. Aber sie hatte niemanden, und was soll man machen, man kann doch nicht nein sagen zu seinem eigenen Fleisch und Blut, oder doch, aber nicht bei so was, das ist ja nur vorübergehend, wirklich nur vorübergehend, und dann ist wieder Ruhe. Vollkommene Ruhe. Endlich wieder Ruhe. Ja. So ist es. Ganz genau so.“
Brehme sah ihn an, den Stock auf beide Hände gestützt, und sagte nichts. Herbert redete immer ein bisschen zu viel, wenn er sich ertappt fühlte, und er fühlte sich ertappt, weil Herr Schröder in diesem Moment einen Grashalm von seiner Schuhspitze leckte und Herbert automatisch das Knie beugte, um ihm den Kopf zu kraulen.
„Der bleibt nicht“, setzte er nach, eher zu sich selbst. „Freitag holt Lina ihn ab. Da ist dann wieder Ordnung. So wie immer. Ordnung. Ganz einfach. So war’s früher auch, bevor diese ganze Sache anfing, und so wird’s danach auch sein. Ruhe und Ordnung. Kein Hund, der morgens um sechs an der Bettkante steht und rauswill. Kein Fell auf dem Teppich. Kein Geklapper mit der Futterdose. Kein Schwanzwedeln, wenn man nach Hause kommt. Nichts davon. Nur Ruhe. Kein Kraulen hinter den Ohren, kein Bellen, wenn die Türklingel geht, kein warmer Körper auf den Füßen abends beim Fernseher. Kein Blick, der einen morgens fragt: Na, was machen wir heute?“
Er verstummte mitten im Satz und spürte, wie ihm kalt wurde, obwohl die Julisonne auf die Bank schien.
Am Donnerstagabend kam Lina, um Herrn Schröder abzuholen. Sie hatte zwei schwere Tüten mit komischen Teesorten aus dem Ausland und trug wieder dieses weite Leinenhemd, das nach fremden Waschpulvern roch. Der Dackel begrüßte sie mit wedelndem Schwanz, lief dann aber sofort zurück zu Herberts Sessel und legte sich dort hin, als wäre der Sessel sein Eigentum und Lina nur Besuch.
Herbert stand in der Küche und machte Tee. Er hörte Lina lachen, dann Schritte. Sie blieb in der Tür stehen.
„Opa, ich kann ihn morgen früh holen, oder? Ich bin heute total müde, und der Flug war so lang. Kann Herr Schröder noch eine Nacht hierbleiben? Nur eine Nacht. Nur eine einzige, wirklich, ganz kurz, dann bin ich ihn los, ich versprech’s dir hoch und heilig, ich hol ihn ganz früh, vor dem Frühstück sogar, du musst ihn nie wieder sehen. Oder willst du ihn gar nicht hergeben?“ Sie grinste dabei, aber in ihren Augen stand eine ganz andere Frage.
Herbert goss das kochende Wasser langsam in die Kanne, sah zu, wie die Kräuterblätter an die Oberfläche stiegen, und wartete einen Moment zu lang mit der Antwort.
„Weißt du was?“, sagte er dann, und seine Stimme klang belegt, aber fest. „Lass ihn hier. Ich kümmer mich drum. Er ist ein ordentlicher Kerl, und er mag das Lammfleischfutter – das billige rührt er kaum an. Wer soll mir denn sonst beim Stromrechnung-Schimpfen helfen? Aber du rufst an. Richtig anrufen, mit Stimme, nicht so ein Getippe. Und grüß deine Mutter von mir. So, genug. Gute Nacht, Lina. Mach’s gut, Kind. Wir müssen noch mal vor die Tür, der Herr Schröder. Komm, Schröder, Fuß.“
Lina umarmte ihn kurz, diesmal etwas fester, und als sie die Tür hinter sich zuzog, klickte das Schloss so leise, dass es fast nicht zu hören war. Herbert stand einen Moment im Flur, den Dackel dicht neben seinem Fuß, und lauschte dem nachhallenden Schweigen.
Er ging nicht sofort mit dem Hund auf die Straße. Stattdessen öffnete er die Tür zum Nebenzimmer – die Tür, die er seit drei Jahren morgens und abends nur mit einem flüchtigen Blick streifte. Herr Schröder tapste hinter ihm her. Drinnen war es dämmrig, die schweren Vorhänge hingen ruhig. Die Standuhr ragte an der gegenüberliegenden Wand, unangetastet, mit abgelaufenem Werk. Herbert öffnete die Glastür, griff nach dem kleinen Schlüssel auf dem Sims und zog das Federhaus langsam auf, Zug für Zug, bis er einen leichten Widerstand spürte. Er stellte die Zeiger auf die richtige Zeit, einfach so, und gab dem Pendel einen sanften Stoß.
Es begann zu schwingen. Das Ticken setzte ein, leise und verlässlich, wie ein Herzschlag, der sich in die Stille zurücktastet.
Zurück im Wohnzimmer ließ er sich in seinen Sessel sinken. Herr Schröder sprang ohne zu zögern auf den Perserteppich, drehte sich einmal um sich selbst und rollte sich zusammen, die Schnauze auf den Vorderpfoten, den Blick auf Herbert gerichtet. Die Uhr im Nebenzimmer tickte. Es war nicht laut, aber es füllte die Wohnung auf eine Weise, die Herbert vergessen hatte.
Er beugte sich ein wenig hinunter, kraulte den Dackel hinter den Ohren und sagte leise: „Morgen kaufen wir das Lammfleisch.“
