Die letzte Rose im Garten

Ich stand im Flur. Wintermantel bis obenhin zugeknöpft. Handtasche über der Schulter.

„Wofür brauchst du das Geld, Mama? Du hast doch alles bei uns."

Mein Sohn Stefan sagte das. Ohne aufzublicken. Er saß am Küchentisch und scrollte durch sein Tablet. Eine Kaffeetasse daneben. Der Löffel, mit dem er umrührte, war aus dem Set meiner Mutter. Feine Silberarbeit. 1968 zur Hochzeit bekommen.

Ich hatte um dreißig Euro gebeten. Für eine Fahrkarte nach Bremerhaven. Zu meiner Schwester Margot.

Stefan lächelte. Dieses Lächeln. Genau dasselbe wie damals, als er acht war und heimlich die Weihnachtsplätzchen vom Schrank stibitzte. Nur dass ich jetzt darin etwas anderes sah. Etwas, wofür ich noch kein Wort hatte.

Ich stellte die Tasche auf die Kommode. Knöpfte den Mantel wieder auf. Rückwärts durch die Tür. In mein Zimmer. Ich saß dann lange auf der Bettkante, während im Radio jemand über Rhododendrondünger sprach und ich versuchte zu begreifen, was eigentlich passiert war.

Weil ich doch Buchhalterin war.

Zweiunddreißig Jahre Lohn und Gehalt. Erst bei der AOK in Hannover, dann zwanzig Jahre im Städtischen Krankenhaus Halle. Zahlen waren mein Leben. Wenn eine Bilanz nicht stimmte, sah ich das in drei Sekunden. Aber an diesem Nachmittag im Januar saß ich in einem Reihenhaus in Freiburg, 68 Jahre alt, und besaß keinen einzigen Cent, über den ich selbst bestimmen konnte.

Angefangen hatte alles im Sommer. Beim Einkaufen im Lidl wurde mir plötzlich schwarz vor Augen. Nichts Ernstes. Kreislauf. Das Wetter war schwül, ich hatte zu wenig getrunken. Der Rettungswagen kam, sie maßen meinen Blutdruck, dann konnte ich heim.

Am Abend stand Stefan mit seiner Frau Nadine vor der Tür. Er setzte sich an meinen Küchentisch, legte die Hände flach auf die Tischdecke und sagte mit dieser Stimme, die eins zu eins klang wie mein verstorbener Mann Dieter, wenn er etwas beschlossen hatte: „Mama, du kannst nicht alleine wohnen. Stell dir vor, du stürzt im Bad."

„Mir geht's gut, Stefan."

„Jetzt ja. Und morgen?"

Nadine goss Tee nach und nickte. Sie nickte immer an den richtigen Stellen. Manchmal dachte ich, sie nickte wie eine dieser Wackelfiguren im Auto. Man wusste nie, ob dahinter echte Zustimmung steckte oder nur der Reflex einer gut erzogenen Schwiegertochter.

Im September zog ich zu ihnen. Freiburg, ruhiges Wohnviertel. Ihr Haus war groß, die Tochter studierte in Heidelberg, das Zimmer stand leer. Stefan hängte Vorhänge mit Sonnenblumenmuster auf. Ich packte meine Sachen aus. Fotoalben. Die Wolldecke. Das Radio. Meine Zwei-Zimmer-Wohnung in Halle sollte vermietet werden. „Das Geld legen wir für dich an", sagte Stefan.

Die ersten Wochen waren schön. Gemeinsame Abendessen, Fernsehabende, mein Enkel Leon kam aus der Schule und wir spielten Mensch-ärgere-dich-nicht. Ich buk Apfelkuchen. Ich war wieder wer. Dachte ich.

Dann kam der Oktober.

Stefan legte mir an einem Sonntag einen Zettel hin. Draußen wurde es dunkel, die Blätter lagen nass auf der Terrasse, im Kamin prasselte Feuer. Es war so gemütlich, dass ich nicht richtig hinsah.

„Nur eine Formalität, Mama. Deine Rente geht aufs Gemeinschaftskonto. Dann bezahle ich alle Rechnungen. Du musst dich um nichts mehr kümmern. Kein Stress mit Überweisungen."

Ich hab unterschrieben.

Buchhalterin. Zweiunddreißig Jahre.

November war still. Dezember idyllisch. Rinderrouladen zu Weihnachten, mein Rezept, obwohl Nadine sie machte. Ich saß am festlich gedeckten Tisch und kam mir vor wie eine Statue, die man zum Essen hingesetzt hat.

Im Januar rief Margot an. Mein Knie, sagte sie. Es macht mir zu schaffen. Das Wetter, du weißt schon. Und mir ist so langweilig nach den Feiertagen. Wann kommst du?

Ich rief den Bahn-Navigator auf. Dreißig Euro. Sparpreis.

„Stefan, ich brauche Geld für eine Fahrkarte."

Er rührte in seinem Kaffee. Der silberne Löffel meiner Mutter klirrte leise gegen die Tasse. Dann sah er auf. Lächelte.

„Wofür brauchst du das Geld, Mama? Du hast doch alles bei uns."

Und scrollte weiter.

Am nächsten Tag versuchte ich es noch einmal. Nadine war in der Küche, Stefan packte seine Laptoptasche fürs Büro. Ich sagte: „Ich möchte zu Margot. Nur für ein paar Tage."

Nadine sah Stefan an. Stefan sah Nadine an. Es war ein winziger Blick. Vielleicht eine Sekunde. Aber ich habe ihn gesehen. In diesem Blick lag ein ganzes Drehbuch. Abgesprochen. Eingeübt.

„Mama, nächste Woche fahre ich dich. Jetzt ist es viel zu glatt auf den Straßen."

Nächste Woche kam nicht. Und die übernächste auch nicht.

Margot rief wieder an. Ich stammelte Ausreden. Sie schwieg am anderen Ende. Dann fragte sie: „Gisela — hast du überhaupt eigenes Geld?"

Diese Frage traf mich tiefer als alles, was Stefan hätte sagen können. Weil die Antwort so simpel war und so brutal.

Nein.

Meine Rente. Eintausendsiebenhundertdreiundvierzig Euro achtundfünfzig jeden Monat. Ein Leben lang gearbeitet. Kind allein großgezogen, als Dieter starb. Stefan das Studium finanziert. Und jetzt floss das Geld auf ein Konto, dessen PIN ich nicht kannte.

Ich begann zu rechnen. Buchhalterin im Ruhestand, aber das Hirn tickte noch.

Rente plus Mieteinnahmen aus Halle. Machte ungefähr zweitausendfünfhundert Euro im Monat. Davon gingen ab: meine Medikamente — vielleicht sechzig Euro. Mein Kaffee im Sonderangebot. Ab und zu ein Buch vom Flohmarkt.

Der Rest verschwand. In ihrer Hypothek. In Leons Klassenfahrt nach London. In die neue Küche, die Nadine im Dezember hatte einbauen lassen und bei der sie zu mir sagte: „Ist sie nicht wunderschön, Gisela? Jetzt können wir alle viel mehr Zeit miteinander verbringen."

Ich war eine Investition gewesen, die sich selbst finanzierte.

In der Nacht, als alle schliefen, ging ich barfuß ins Arbeitszimmer. Das schwache Licht der Straßenlaterne fiel durchs Fenster. Ich öffnete die unterste Schublade von Stefans Schreibtisch. Das Schloss kannte ich seit Jahren — man musste nur den Schlüsselbund vom Haken in der Speisekammer nehmen.

Ordner. Kontoauszüge. Ich schlug Januar auf.

Gutschrift Rente. 1.743,58 €.

Mieteinnahme Halle. 580,00 €.

Dauerauftrag Hypothek. 950,00 €.

Abbuchung Autohaus Süd. Leasingrate Audi. 430,00 €.

Zahlung an Reisebüro Sonnenschein. Teneriffa, zwei Personen. 1.890,00 €.

Sie waren im Januar auf Teneriffa gewesen. Eine Woche. Leon war bei einem Schulfreund untergebracht. Ich hatte das Haus gehütet und den Briefkasten geleert.

Ich blätterte Februar. März. Kein einziger Posten mit meinem Namen. Kein Taschengeld, kein Fahrkartengeld, nichts.

Irgendwann hörte ich Stefans Schritte auf der Treppe. Das leise Knarzen der vierten Stufe von oben. Ich schob die Ordner zurück. Das Licht ging nicht an. Er war nur auf Toilette. Durch die Wand hörte ich Wasser rauschen.

Zurück in meinem Zimmer saß ich auf dem Bett und meine Hände zitterten. Nicht vor Wut. Sondern vor Scham.

Weil dieser Mann mein Sohn war. Der Junge, für den ich Piratenkostüme genäht hatte. Der weinend an Dieters Grab gestanden und gesagt hatte: „Mama, ich kümmere mich um dich."

Und er kümmerte sich ja.

Nur dass Fürsorge anders aussieht, wenn der Mensch, um den man sich kümmert, so viel zu sagen hat wie eine Topfpflanze.

Am nächsten Morgen, Stefan war im Büro, Nadine beim Yoga, ging ich ins Wohnzimmer. Das Festnetztelefon stand auf dem Sideboard. Hörer in der Hand. Zögerte. Dann wählte ich Margots Nummer.

Sie meldete sich nach dem zweiten Klingeln.

„Ich komme", sagte ich. „Aber ich brauche deine Hilfe."

Ich erzählte ihr alles. Das Gemeinschaftskonto. Die fehlende Karte. Die Blicke zwischen Stefan und Nadine. Die dreißig Euro.

Margot schwieg einen Moment. Ich hörte sie atmen. Dann sagte sie: „Morgen früh um acht steht Hannes vor deiner Tür. Mein Nachbar. Er muss eh nach Freiburg wegen seiner Tochter. Der nimmt dich mit."

„Margot, ich kann dir das Benzingeld nicht —"

„Gisela. Halt den Mund."

Wir lachten beide. Es war das erste Lachen seit Monaten.

In dieser Nacht schlief ich nicht. Ich lag wach und hörte das Haus. Das Brummen der Heizung, das Ticken der alten Kuckucksuhr im Flur, das ferne Rauschen der Autobahn. Ich überlegte, ob ich Stefan einen Zettel schreiben sollte. Dann verwarf ich es. Worte auf Papier kann man falten, weglegen, vergessen. Man kann sich damit rausreden.

Ich packte meine Reisetasche. Dieselbe, mit der ich im September gekommen war. Die Wolldecke. Die Fotoalben. Meine Zahnbürste aus dem Bad geholt, während alle schliefen. Das Radio ganz unten, damit es nicht kaputtgeht.

Um halb acht stand ich im Flur. Mantel an. Handtasche über der Schulter.

Stefan kam die Treppe herunter, noch im Schlafanzug. Sein Haar war zerzaust. Er sah mich, sah die Tasche, und sein Gesicht veränderte sich. Wie eine Maske, die verrutscht.

„Mama? Was ist los? Wohin willst du?"

„Zu Margot."

„Das haben wir doch besprochen —"

„Stefan." Meine Stimme war ruhiger, als ich dachte. „Wir haben gar nichts besprochen. Du hast entschieden."

Er trat einen Schritt näher. Barfuß auf den kalten Fliesen. „Mama, setz dich. Lass uns reden. Ich mach uns einen Kaffee."

In diesem Moment hupte draußen ein Auto. Ein alter silberner Passat. Hannes.

Nadine erschien oben an der Treppe. Ihr Gesicht eine perfekte Mischung aus Überraschung und Besorgnis. „Gisela?" Mehr sagte sie nicht. Weil sie nicht wusste, welches Drehbuch jetzt galt.

Ich nahm meine Tasche. Griff zur Türklinke. Stefan machte noch einen Schritt.

„Mama, bitte."

Er sagte es leise. Und in diesem einen Wort lag alles. Angst. Schuld. Die Erkenntnis, dass er vielleicht zu weit gegangen war. Dass man eine Mutter nicht einfach auf ein Gemeinschaftskonto setzen kann wie einen Dauerauftrag.

Ich öffnete die Tür. Kalte Januarluft schlug mir entgegen. Der Himmel war grau, es roch nach Schnee.

Im Türrahmen drehte ich mich noch einmal um. Stefan stand da. Barfuß. Schlafanzug. Und sah genauso aus wie mit sechs, als er mich das erste Mal an der Schultür loslassen musste.

„Mama…"

Ich trat hinaus. Schob die Tür ins Schloss. Sie fiel nicht laut zu. Sie machte nur ein leises Klicken. Wie ein Punkt am Ende eines Satzes, von dem man noch nicht weiß, ob ein neuer kommt.

Jetzt sitze ich bei Margot in Bremerhaven. Aus ihrem Küchenfenster sieht man den Hafen, das Grau des Wassers, Kräne, die sich im Nebel verlieren. Wir trinken Tee mit Zitrone. Sie hat nichts gesagt, als ich ankam. Hat mich nur angesehen, genickt und den Wasserkocher angestellt.

Gestern war ich bei der Bank. Heute bei der Rentenversicherung. Morgen hole ich meine Wohnung in Halle zurück. Ich werde nicht mehr unterschreiben, was ich nicht verstehe. Und ich verstehe alles.

Stefan hat dreimal angerufen. Beim ersten Mal hat Margot abgenommen und gesagt: „Sie möchte im Moment nicht sprechen." Klick. Beim zweiten Mal war es Nadine. Ihre Stimme klang dünn und gepresst. „Das ist alles ein Missverständnis." Beim dritten Mal ließen wir es klingeln.

Ich weiß noch nicht, was ich ihm sagen werde. Ob ich etwas sagen werde. Ob das, was zwischen uns kaputtgegangen ist, jemals wieder ganz wird.

Ich weiß nur: Ich stehe nicht mehr im Flur und bitte um Geld für eine Fahrkarte.

Und draußen, in Margots Garten, blüht eine einzige Rose. Im Januar. Gegen jede Wahrscheinlichkeit.

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Odissea
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