Der Kater, der den ganzen Wagen prüfte

Der Zug nach Hamburg war müde, noch bevor er richtig dunkel wurde.

Menschen lagen auf ihren Plätzen, schoben Taschen unter Sitze, öffneten Thermoskannen. Ich saß am Fenster und dachte an nichts Besonderes, bis an einem kleinen Bahnhof ein junges Paar einstieg.

Sie hatten zu viele Taschen und zu wenig Kraft. Aus einer Transporttasche kam ein klägliches Miauen.

Der Zugbegleiter hörte es sofort.

— Haben Sie ein Tier dabei?

Der junge Mann nickte nach kurzem Zögern.

— Ja. Einen Kater. Wir wurden heute aus der Wohnung gesetzt. Wir fahren zu Verwandten. Bitte, er macht nichts.

— Ohne Anmeldung geht das nicht.

Das Mädchen fing an zu weinen.

— Wir konnten ihn doch nicht zurücklassen.

Einige Fahrgäste murrten. Andere sahen weg. Wegsehen ist die bequemste Art, nicht entscheiden zu müssen.

Dann entkam der Kater.

Rot, groß, schneller als jede Vorschrift. Er rannte durch den Gang, sprang über Schuhe und landete schließlich bei einem Mann, der die ganze Zeit reglos gelegen hatte.

Der Mann öffnete die Augen.

Der Kater legte sich an seine Seite.

— Er erinnert mich an Paul — sagte der Mann leise. — Der Kater meiner Schwester. Sie ist vor zwei Monaten gestorben. Seitdem habe ich mit niemandem darüber gesprochen.

Niemand lachte mehr.

Der Zugbegleiter hielt sein Klemmbrett fest, als wäre es plötzlich sehr schwer.

— Regeln sind Regeln — sagte er, aber die Worte klangen nicht mehr hart.

— Dann lassen Sie uns zusammen eine Lösung finden — sagte eine Frau.

Und das taten wir.

Ein Schal wurde zum Sicherheitsband. Ein Kind spendete seine kleine Wasserschale vom Reiseproviant. Der Mann bot an, den Kater bei sich liegen zu lassen. Jemand zahlte den Zuschlag.

Der Rest der Nacht verlief ruhig. Der Kater schlief. Der Mann weinte einmal, leise, mit dem Gesicht zum Fenster. Das Mädchen bemerkte es und sagte nichts. Das war ihre Art, freundlich zu sein.

Am Morgen stieg der Mann aus. Vorher gab er dem Paar seine Nummer.

— Falls er irgendwann ein Zuhause braucht: Ich habe Platz. Und offenbar hat er mich schon geprüft.

Der Zugbegleiter half beim Aussteigen.

— Nächstes Mal vorher anmelden — sagte er.

Dann beugte er sich zur Tasche.

— Und du bleibst drin, kleiner Kontrolleur.

Alle lächelten.

Denn manchmal prüft nicht der Schaffner die Fahrgäste.

Manchmal tut es ein roter Kater.

 

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Odissea
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