Der Sonnenstuhl auf Balkon 4

Die heiße Kokosnuss-Marinade traf mich zuerst an der Schulter, dann lief sie mir wie flüssiges Feuer über den Nacken. Ich schrie und stürzte gegen die Anrichte, während mein Mann zusah und lächelte.

„Vielleicht verstehst du es jetzt", sagte Tobias.

Seine Mutter, Ingrid, hielt noch immer die Pfanne, aus der Dampf aufstieg. Ihr Gesicht zeigte kein Entsetzen, nur Verärgerung, als hätte ich ihr gerade den Boden verschmutzt.

Seit acht Monaten in unserem Reihenhaus in Bad Homburg verlangten die beiden, ich solle die drei Gewerbeimmobilien in Wiesbaden verkaufen, die mir mein Vater vererbt hatte, und das Geld in Tobias' Bauträgerfirma stecken, die kurz vor der Insolvenz stand. Ich hatte jedes Mal abgelehnt.

„Das Erbe ist als Sondervermögen eingetragen", hatte ich an jenem Abend noch gesagt, während draußen der Rasensprenger der Nachbarin lief und irgendwo ein Hund bellte. „Es haftet nicht für eure Schulden."

Ingrids Mund wurde schmal. Dann hob sie die Pfanne.

Der Schmerz löschte den Raum aus. Ich erinnere mich an versengten Stoff, an die kalten Fliesen unter meiner Wange, an Tobias' Schuhe, die wenige Zentimeter vor meinem Gesicht stehenblieben. Er ging in die Hocke.

„Ich lasse mich scheiden", flüsterte er. „Ich lebe nicht länger mit diesem hässlichen Monster zusammen."

Ingrid lachte. Auf dem Küchenradio lief noch die Verkehrsdurchsage vom Sender, als hätte sich nichts verändert in der Welt.

Sie dachten, ich sei hilflos, weil ich zitterte. Sie dachten, die Frau, die da am Boden schrie, sei dieselbe Frau, die sie immer als still und „von Aktenordnern besessen" verspottet hatten. Sie wussten nicht, dass genau diese Aktenordner der Grund waren, warum ich sie am Ende vernichten würde.

Als Tobias endlich den Rettungsdienst rief, behauptete er, ich hätte mir das heiße Öl selbst über die Schulter gekippt. Ingrid wischte die Pfanne aus, zog eine frische Bluse an und übte ihre Version der Geschichte, bevor die Sanitäter eintrafen.

Im Klinikum Darmstadt sagte mir der behandelnde Arzt, die Verbrennungen würden Narben an Hals, Schulter und Brust hinterlassen. Tobias stand nahe der Tür und spielte den Verzweifelten. Kaum hatte die Pflegerin das Zimmer verlassen, beugte er sich zu mir.

„Unterschreib die Eigentumsübertragung, dann sorge ich dafür, dass du die beste Behandlung bekommst."

Ich drehte mein bandagiertes Gesicht zu ihm.

„Nein."

Seine Augen wurden hart. „Du bist erledigt, Clarissa."

Am nächsten Morgen legte er die Scheidungspapiere neben mein Bett. Was er übersah, war das kleine rote Lämpchen an meiner Handtasche, die auf dem Nachttisch stand.

Drei Jahre zuvor, nachdem Tobias meine Unterschrift unter einem Kreditantrag gefälscht und das Ganze als „Missverständnis" abgetan hatte, hatte ich angefangen, ein sprachaktiviertes Aufnahmegerät bei mir zu tragen. Es hatte Ingrids Drohung aufgezeichnet, Tobias' Gelächter – und jedes Wort an meinem Krankenbett. Es hatte auch etwas Schlimmeres eingefangen. Bevor Ingrid das Öl über mich goss, hatte sie geschrien: „Nach allem, was wir getan haben, damit die Bauaufsicht seine Projekte durchwinkt, willst du uns immer noch nicht retten?"

Unter den weißen Verbänden drückte ich den Klingelknopf. Als die Pflegerin kam, bat ich um die Polizei. Dann rief ich den Familienanwalt an, den Tobias immer als „nutzlosen alten Sack" verspottet hatte.

„Herr Brenner", sagte ich mit rissigen Lippen, „aktivieren Sie den Treuhandschutz. Sperren Sie alles."

Seine Stimme wurde hart wie Stahl. „Betrachten Sie es als erledigt."

Die Wochen im Krankenhaus vergingen langsam. Auf dem Nachttisch stapelten sich Genesungskarten, die niemand außer der Krankenschwester geschickt hatte – eine Frau namens Petra, die jeden Morgen kam, um die Verbände zu wechseln, und dabei leise vor sich hin summte, weil das Radio im Zimmer kaputt war. Sie fragte nie nach Tobias. Das war mir aufgefallen.

Die Polizei nahm meine Aussage noch im Krankenbett auf, gestützt durch die Aufnahmen. Herr Brenner brachte am dritten Tag einen Stapel Unterlagen mit: Kontoauszüge, die zeigten, dass Tobias über Jahre hinweg Gelder aus einer gemeinsamen Treuhand für „Bearbeitungsgebühren" an Bauamtsmitarbeiter in Wiesbaden abgezweigt hatte – Bestechung, fein säuberlich als Beratungshonorare verbucht. Ingrids Unterschrift stand auf drei der Überweisungsbelege.

„Das reicht für eine Anklage wegen Bestechung im Wirtschaftsverkehr", sagte Brenner und legte die Mappe auf meine Bettdecke. „Zusätzlich zur schweren Körperverletzung."

Ich strich mit der unverbrannten Hand über die Blätter. Vierhunderttausend Euro. So viel hatten sie in elf Jahren aus meinem Vermögen und aus Bestechungsgeldern verschoben, ohne dass ich es je bemerkt hatte – bis zu dem Abend, an dem ich anfing, jede Zahlung zu fotografieren und in einem eigenen Ordner abzulegen, den ich „Steuerunterlagen" nannte, weil Tobias nie in Steuerunterlagen blätterte.

Die Verhandlung fand im Frühjahr am Landgericht Frankfurt statt. Ich trug einen hochgeschlossenen Blazer, der die Narbe am Hals nicht verdeckte, sondern zeigte. Mein Anwalt hatte mir geraten, sie sichtbar zu lassen.

„Die Richter sehen viele Aktenordner", hatte er gesagt. „Aber eine Narbe vergessen sie nicht."

Tobias saß auf der Anklagebank neben seiner Mutter, in einem Anzug, der ihm zu groß geworden war – die Firma hatte längst Insolvenz angemeldet, seine Konten waren gesperrt. Ingrid drehte unentwegt einen Ehering am Finger, der ihr inzwischen zu weit war.

Als die Staatsanwältin die Tonaufnahme abspielte, im Saal war es so still, dass man das Rauschen der Klimaanlage hörte, hörte ich Ingrids eigene Stimme, wie sie von den Bauamtsbeamten sprach, die man „geschmiert" hatte. Ich sah, wie zwei Geschworene die Köpfe zu ihr drehten. Ingrid starrte auf ihre Hände.

Tobias drehte sich zu mir um, mitten im Saal, und formte mit den Lippen ein Wort, das ich nicht verstand und auch nicht verstehen wollte.

Das Urteil kam sechs Wochen später: Ingrid erhielt dreieinhalb Jahre Haft wegen gefährlicher Körperverletzung und Bestechung, Tobias zwei Jahre auf Bewährung wegen Urkundenfälschung und Beihilfe – zu wenig, dachte ich, aber genug, um seinen Namen aus jedem Grundbuch in Hessen zu streichen. Die Scheidung war da längst rechtskräftig, mit einer Regelung, die ihm nicht einen Quadratmeter meiner Immobilien in Wiesbaden ließ.

An dem Nachmittag, an dem alles unterschrieben war, fuhr ich nicht nach Hause. Ich fuhr zu dem Gewerbehof an der Rheinstraße, dem ersten Gebäude, das mein Vater gekauft hatte, damals noch mit einer Currywurstbude an der Ecke, die es heute noch gibt. Ich stand vor der Tür mit dem Ordner unterm Arm – dem echten, dem mit allen Verträgen – und wechselte eigenhändig das Schloss am Haupteingang aus, während der Hausmeister mit dem Schraubenzieher danebenstand und mir zusah, ohne etwas zu sagen.

Dann rief ich Petra an, die Krankenschwester, die nie nach Tobias gefragt hatte. Sie hatte mir einmal erzählt, sie wolle sich irgendwann selbstständig machen, eine ambulante Pflegepraxis eröffnen, habe aber keine passenden Räume gefunden.

„Kommen Sie vorbei", sagte ich. „Ich habe da was frei."

Den Mietvertrag unterschrieb ich noch am selben Abend, an meinem eigenen Küchentisch, unter der Lampe, die seit dem Vorfall neu über der Anrichte hing. Draußen fuhr die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbei, wie jeden Abend um diese Zeit. Ich legte den Stift weg, faltete den Vertrag zusammen und steckte ihn in den Ordner, zwischen all die anderen Papiere, die man nie richtig gelesen hatte – bis sie am Ende alles entschieden.

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Odissea
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