Der leere Stuhl am Kaffeetisch in Lindenhof

Jeden Morgen um Viertel nach sechs stelle ich zwei Tassen auf den Tisch, bevor mir einfällt, dass ich nur eine brauche. Das Radio läuft dann schon, der Verkehrsfunk für die A81, und draußen bringt Herr Brummel von nebenan seine Mülltonne raus, obwohl heute gar kein Abholtag ist. Kleine Gewohnheiten, die keiner braucht außer mir.

Ich heiße Karin Vogler, bin achtundfünfzig, und seit elf Monaten und sechs Tagen fehlt mir meine Schwester Renate. Wir haben zusammen in diesem Reihenhaus in Lindenhof gewohnt, seit unsere Eltern gestorben sind — sie oben, ich unten, ein Treppenhaus, das wir uns geteilt haben wie früher das Kinderzimmer. Renate war zwei Jahre älter, hat bei der Sparkasse gearbeitet, bis sie in Rente ging, und konnte einen Streuselkuchen backen, für den die Nachbarn extra vorbeikamen.

Man sagt, die Zeit heilt Wunden. Ich glaube das nicht mehr. Die Zeit bringt einem bei, mit der Wunde zu laufen, ohne ständig hinzuschauen — mehr nicht. Die Sehnsucht wird nicht kleiner. Sie zieht nur um, von der Oberfläche tiefer nach innen, und wohnt dann da, ganz still, auch wenn ich beim Bäcker lache oder mit der Kassiererin im Netto über das Wetter rede.

Am schlimmsten trifft es mich in den gewöhnlichsten Momenten. Wenn im Autoradio zufällig dieses alte Lied von Peter Maffay kommt, das sie immer laut mitgesungen hat, viel zu laut, mit falschem Text. Für eine Sekunde denke ich dann, ich müsste sie anrufen und ihr davon erzählen — und erst danach fällt mir wieder ein, dass die Nummer noch in meinem Handy steht, aber niemand mehr rangeht.

Manche Tage sind schwerer als andere. Der Muttertag im Mai war so einer, obwohl wir keine Mütter waren, nur Schwestern, die sich gegenseitig Blumen geschenkt haben, weil sonst niemand da war, der es tat. Ihr Geburtstag im August war noch schlimmer. Ich habe den Streuselkuchen gebacken, nach ihrem Rezept, mit der Karteikarte, auf der ihre Handschrift schon etwas verblasst ist. Gegessen habe ich davon fast nichts.

Was mich am meisten quält, ist nicht der große Verlust, sondern das Fehlen der kleinen Dinge. Dass ich ihr nicht mehr erzählen kann, was der Nachbar Herr Brummel wieder für einen Unsinn gebaut hat. Dass niemand mehr meinen Namen so ausspricht, wie nur sie es konnte, mit diesem leichten Ziehen auf der ersten Silbe, das seit unserer Kindheit geblieben war.

Es gibt Tage, an denen dieser Schmerz länger bleibt, als mir lieb ist. Denn die Trauer um sie ist längst kein Gefühl mehr, das nur gelegentlich vorbeikommt. Sie ist Teil meines Alltags geworden, so wie der Kaffeeduft in der Küche oder das Quietschen der dritten Treppenstufe. Sie sitzt in jeder Jahreszeit, in den wichtigen Momenten genauso wie in den ganz gewöhnlichen. In Räumen, die früher von ihrer Anwesenheit ausgefüllt waren und in denen heute nur die Stille geblieben ist.

Die Welt dreht sich weiter, das habe ich gemerkt. Die Nachbarschaft plant schon das nächste Straßenfest, der Kirschbaum im Garten hat wieder Früchte getragen, mein Enkel hat in der dritten Klasse eine Eins in Mathe geschrieben. Alles geht weiter, außer diesem einen Teil von mir, der bei ihr geblieben ist.

Vor drei Wochen kam Post von unserem Notar in Esslingen, Herr Dr. Brenner. Renate hatte ihre Hälfte des Hauses testamentarisch unserem Neffen Tobias vermacht, dem Sohn unseres verstorbenen Bruders — eine alte Abmachung, die ich respektiere, auch wenn Tobias seit dem Begräbnis kein einziges Mal angerufen hat. Stattdessen kam letzte Woche ein Brief von seinem Anwalt: Er wolle seinen Anteil auszahlen lassen, siebenunddreißigtausend Euro, sofort, und das Haus solle verkauft werden, ich hätte ja schließlich meine eigene Hälfte und könne mir etwas Kleineres suchen.

Ich habe drei Tage gebraucht, um zu verstehen, was in mir mehr wog — der Verlust des Hauses oder der Umstand, dass ein Mensch, der nie zu Renates Grab gekommen ist, jetzt über ihre Küche, ihre Treppenstufe, ihren Kirschbaum verfügen wollte, als wären es Zahlen auf einem Kontoauszug.

Gestern bin ich zu Herrn Dr. Brenner gefahren, mit dem Ordner unter dem Arm, in dem Renates Testament, die Grundbuchunterlagen und mein eigenes Sparbuch lagen. Ich habe ihm gesagt, dass ich die siebenunddreißigtausend Euro selbst aufbringen werde, aus meiner Altersvorsorge und dem, was ich von unseren Eltern noch übrig habe, damit Tobias seinen Anteil ausgezahlt bekommt und das Haus in meinem alleinigen Eigentum bleibt. Herr Dr. Brenner hat die Papiere geprüft, genickt und gesagt, das sei in vier Wochen erledigt.

Heute Morgen hat Tobias angerufen, zum ersten Mal seit dem Begräbnis. Er wollte wissen, ob ich es mir nicht anders überlegen könnte, ob ein Verkauf nicht doch schneller und einfacher wäre für alle. Ich saß am Küchentisch, vor mir die zwei Tassen, die ich schon wieder aus Gewohnheit hingestellt hatte, und habe ihm gesagt, dass die Entscheidung gefallen ist und der Notartermin für den vierundzwanzigsten Oktober steht. Dann habe ich aufgelegt, die zweite Tasse zurück in den Schrank gestellt, und für Renates Kuchenrezept an der Pinnwand einen neuen, festeren Nagel eingeschlagen, damit die Karteikarte nicht mehr herunterfällt, wenn die Haustür zuschlägt.

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Odissea
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