Markus Reiner klappte den Frisörumhang mit einem Ruck auf, so dass ein Windzug über den kalten Kaffee auf der Ablage strich. Dienstagnachmittag, halb vier, draußen an der Sandstraße in Dortmund regnete es in diesem dünnen November-Nieselgrau, das an den Scheiben klebt statt runterzulaufen. Der Kunde auf dem Stuhl war Herr Bogner, Deutschlehrer am Reinoldus-Gymnasium seit siebenundzwanzig Jahren, jeden zweiten Dienstag hier, immer der gleiche Termin, seit Markus den Laden 2019 von seinem Onkel übernommen hatte.
"Sagen Sie mal ehrlich, Herr Bogner." Markus zog den Kamm durch die grauen Strähnen am Hinterkopf. "Warum geht das mit der Bildung bei uns eigentlich nur noch bergab? Mein Neffe, vierte Klasse, kann kaum noch richtig schreiben, aber ein Formular ausfüllen — das kann er."
Bogner, der gerade die letzte Seite der Ruhr Nachrichten faltete, ließ die Zeitung auf seinen Schoß sinken. "Wollen Sie das wirklich wissen, Markus, oder ist das eine von diesen Fragen, bei denen Sie eigentlich nur zuschneiden wollen?"
"Ich will's wissen. Ich hab Zeit, sehen Sie doch, außer Ihnen ist heute keiner mehr gekommen."
Bogner schwieg einen Moment, dann fing er an, fast beiläufig, während er im Spiegel die eigenen Augenbrauen musterte. "Stellen Sie sich vor, Sie müssten vor jedem Haarschnitt ein Konzept einreichen. Für jede Schere, für jeden Kamm einzeln. Zwölf Seiten Arbeitsplan, mit Zeittabelle — wie viele Minuten für den Nacken, wie viele für den Pony. Und dann müssten Sie begründen, warum Sie ausgerechnet dieses Shampoo nehmen und nicht ein anderes, und was Sie sich beim Conditioner gedacht haben."
Markus hielt kurz inne, die Schere in der Luft. "Klingt anstrengend."
"Und Ihr Gehalt", fuhr Bogner fort, "würde nicht mehr davon abhängen, ob die Frisur gut sitzt. Sondern davon, wie oft Sie auf Fortbildungen waren. Zum Beispiel: Das Auslichten von Kurzhaarschnitten im Kontext gesellschaftlicher Umbrüche seit 1990 — zwei Tage, Wochenende, auf eigene Kosten, versteht sich. Oder wie viele Fachartikel Sie über Haarwäsche veröffentlicht haben. Oder wie viele Vorher-Nachher-Fotos mit Kunden Sie auf Instagram gepostet haben, mit den richtigen Hashtags."
"Ich hab kein Instagram."
"Dann kriegen Sie eben weniger Punkte." Bogner grinste schmal. "Und alle paar Wochen kommt jemand vom Landesamt, unangekündigt, und prüft, ob Sie nach dem aktuellen pädagogischen Standard schneiden. Von oben, aus Düsseldorf, kommt dann irgendwann die Verordnung: Scheren mit spitzer Klinge sind ab sofort verboten, Verletzungsgefahr. Sie schneiden fortan mit stumpfer Spitze, viel Erfolg."
Markus lachte auf, kurz, ungläubig. "Und dann?"
"Dann müssen Sie nachweisen, dass Ihre Kunden — und deren Nachbarn übrigens auch — ihre Stromrechnung bezahlt haben. Sonst dürfen Sie nicht schneiden. Und manchmal müssen Sie bei den Leuten zu Hause vorbeischauen, nachsehen, wie das Haar nachwächst, ob vielleicht eine psychologische Betreuung nötig wäre, weil der Ansatz so ungleichmäßig ist. Und zwei-, dreimal im Monat sind Sie 'freiwillig verpflichtet', die Bürgersteige zu fegen und die Bordsteinkanten neu zu streichen. Unbezahlt, versteht sich, aber im Sinne der Schule."
Markus hatte aufgehört zu schneiden. Der Kamm hing schief in seiner Hand, ein paar graue Härchen klebten noch daran. Draußen fuhr die 47er Straßenbahn vorbei, das Quietschen der Bremsen drang gedämpft durch die Scheibe.
"Moment", sagte Markus. "Und wann, verdammt noch mal, soll ich dann überhaupt noch Haare schneiden?"
Bogner drehte sich auf dem Stuhl halb zu ihm um, so dass der Umhang raschelte. "Na sehen Sie. Da haben Sie Ihre Antwort, warum es mit der Bildung bei uns bergab geht."
Für ein paar Sekunden sagte keiner was. Nur die Uhr über der Kasse tickte, eine alte Kienzle, die schon bei Markus' Onkel gehangen hatte, und aus der Ecke lief leise der Lokalsender, jemand redete über die BVB-Aufstellung fürs Wochenende.
Markus setzte den Kamm wieder an, schnitt zwei, drei Strähnen zurecht, dann legte er ihn weg. Er ging zur Ablage, wo neben dem Rechnungsblock ein loser Stapel Flyer lag — Werbung für einen Frisörkurs, den er selbst im Frühjahr hatte besuchen wollen, Balayage-Technik, Wochenendseminar in Essen, 340 Euro. Er hatte die Anmeldung dreimal angefangen und nie abgeschickt, weil ihm dann zwei Samstage im Laden gefehlt hätten und die Stammkunden nicht warten.
"Wissen Sie was", sagte er und schob die Flyer in die Schublade unter der Kasse, "ich schick die Anmeldung heute noch ab. Zwei Samstage zu, Punkt. Wer wiederkommen will, kommt wieder. Der Rest kriegt halt woanders die Haare geschnitten."
Bogner hob die Augenbrauen. "Das war jetzt nicht ganz meine Pointe."
"Vielleicht nicht Ihre. Aber meine." Markus nahm die Schere wieder auf, drehte den Stuhl ein Stück, damit das Licht besser fiel. "Sie erzählen mir seit fünf Jahren, wie viel Papierkram Sie von der Arbeit abhält, die eigentlich zählt. Ich hab dieselbe Schublade voll Ausreden. Heute wird die leer."
Er schnitt zu Ende, in gut zwölf Minuten, wie immer dienstags um diese Zeit. Bogner zahlte die zwölf Euro fünfzig, ließ wie üblich fünfzig Cent Trinkgeld in der kleinen Keramikschale liegen, in der schon ein paar Cent-Stücke und ein Knopf lagen. An der Tür blieb er noch einmal stehen, den Schal schon um den Hals gewickelt.
"In zwei Wochen dasselbe Terminfenster?"
"Dasselbe Terminfenster", sagte Markus. "Und dann erzählen Sie mir, was bei Ihnen in der Schublade liegt."
Die Tür fiel zu, die Glocke darüber schlug zweimal an. Markus stand einen Moment allein im Laden, wischte sich die Hände am Umhang ab und griff nach dem Handy, um die Kursanmeldung endlich abzuschicken.
