— Lena, ich stehe vor der Wohnung unserer Eltern. Mein Schlüssel passt nicht. Ist etwas mit dem Schloss?
Lena stand in ihrer Küche in Leipzig und schloss für einen Moment die Augen. Die Stimme ihres Bruders klang ungeduldig, fast beleidigt. Nicht traurig. Nicht vorsichtig. Nur genervt, weil eine Tür nicht aufging.
— Mit dem Schloss ist alles in Ordnung, Markus. Ich habe es austauschen lassen.
— Du hast was?
— Das Schloss gewechselt.
Sie hörte ihn scharf ausatmen.
— Das ist nicht dein Ernst.
— Doch.
Acht Jahre hatte Markus kaum angerufen. Er war nach Hamburg gegangen, „um richtig Geld zu verdienen”. Anfangs erzählte er von Projekten, Kontakten, Chancen. Später nur noch von Stress. Als ihre Mutter krank wurde, hatte er keine Zeit. Als die Diagnose Krebs kam, hatte er „gerade eine wichtige Phase”. Als Lena Medikamente besorgte, Termine machte, ihren Vater stützte und nachts im Krankenhausflur saß, schickte Markus Nachrichten: „Ich melde mich.” Er meldete sich nicht.
Ihre Mutter starb an einem Montagmorgen.
Markus kam nicht zur Beerdigung.
Ihr Vater, Karl-Heinz, lebte danach noch ein Jahr. Aber eigentlich, dachte Lena oft, war ein Teil von ihm mit seiner Frau gegangen. Er saß am Fenster, hielt ihre Strickjacke auf dem Schoß und fragte manchmal:
— Hat Markus angerufen?
Lena sagte dann:
— Bestimmt bald.
Es war eine Lüge aus Liebe.
Einige Monate vor seinem Tod bat Karl-Heinz sie, ihn zum Notar zu fahren. Er übertrug ihr die Wohnung, die Garage und den alten Wagen.
— Papa, das musst du nicht.
— Doch. Ich will nicht, dass du nach meinem Tod mit jemandem kämpfen musst, der im Leben nicht kämpfen wollte.
Nach seinem Tod schickte Markus zuerst einen knappen Satz: „Mein Beileid.” Dann: „Wann sprechen wir über die Erbschaft?”
Nun stand er vor der Wohnung.
— Mach auf, sagte er. Ich will rein.
— Nein.
— Das ist auch mein Elternhaus.
— Es war eines. Du hast es verlassen, lange bevor Papa starb.
Am Abend stand Markus vor Lenas eigener Wohnung. Eleganter Mantel, teure Schuhe, kalter Blick. Lena ließ ihn nicht hinein. Sie trat ins Treppenhaus und zog die Tür hinter sich zu.
— Du hast ihn beeinflusst, sagte Markus.
— Ich habe ihn gepflegt.
— Ich bin sein Sohn.
— Dann hättest du dich wie einer benehmen können.
Er drohte mit Gericht.
Und er ging vor Gericht.
Dort sprach er von Rechten, Gleichbehandlung und einer Schwester, die die Schwäche des Vaters ausgenutzt habe. Lena hörte zu. Dann hörte das Gericht andere Stimmen. Den Arzt. Die Nachbarin. Den Notar. Alle bestätigten, dass Karl-Heinz klar entschieden hatte.
Zum Schluss wurde ein Brief vorgelesen:
„Markus, wenn du das hörst, bin ich nicht mehr da. Ich habe lange auf dich gewartet. Deine Mutter auch. Lena bekommt nicht mehr, weil ich dich weniger liebe. Sie bekommt es, weil sie da war, als Liebe Arbeit wurde.”
Markus verlor.
Vor dem Gericht sagte er:
— Du hättest teilen können.
Lena sah ihn müde an.
— Du hättest kommen können.
Mehr sagte sie nicht.
Die Wohnung verkaufte sie erst im nächsten Frühjahr. Vorher nahm sie die Kaffeetassen ihrer Mutter, die Uhr ihres Vaters und das Foto vom letzten gemeinsamen Weihnachten mit.
Der neue Schlüssel blieb an ihrem Bund.
Er erinnerte sie nicht an Besitz.
Er erinnerte sie daran, dass manche Türen sich nicht wegen eines Schlosses schließen, sondern wegen jahrelanger Abwesenheit.
