Der Toast auf die neue Matratze

Man sagt, wenn man mit vierundfünfzig noch einen Ehemann und eine beste Freundin hat, ist man nicht schlecht durchs Leben gekommen.

Ich glaubte das auch.

Bis ich in der Manteltasche meines Mannes eine Rechnung fand.

Ich wollte seinen Wintermantel zur Reinigung bringen. Kleingeld, alte Quittungen, Pfefferminzbonbons. Dann ein gefaltetes Blatt von einem Möbelhaus in Köln. Orthopädische Matratze, teuer. Lieferadresse: die Wohnung meiner besten Freundin Sabine.

Sabine, mit der ich Marmelade kochte, Krankheiten besprach, über Männer lachte und über das Älterwerden schwieg.

Ich faltete das Papier zusammen und legte es zurück. Dann ging ich in die Küche und rührte die Suppe um.

Mit Rolf war ich seit 1995 verheiratet. Wir hatten wenig Geld, ein Kind, Kredite, Krankheiten und Jahre voller Gewohnheiten geteilt. Ich dachte, wer so lange zusammenlebt, verrät einander nicht mehr. Man ist vielleicht müde, aber nicht falsch.

Sabine kam nach ihrer Scheidung in mein Leben. Sie war allein, verletzt, ständig kurz vor Tränen. Ich nahm sie auf, fütterte sie, hörte ihr zu.

Rolf beschwerte sich zuerst.

— Kommt die schon wieder?

Später sagte er nichts mehr.

Ich hielt das für Reife.

Die ersten Zeichen waren klein. Rolf streckte beim Fernsehen die Hand nach der Fernbedienung aus, ohne hinzusehen, und Sabine legte sie ihm hinein, als sei es ihr Zuhause. Auf einer Feier legte er ihr seine Jacke um die Schultern. Eine Kollegin sagte mir:

— Monika, du siehst doch, was alle sehen.

Ja. Ich sah es.

Aber ich wartete.

An meinem Geburtstag kamen fünfzehn Gäste. Sabine half in der Küche und sagte:

— In unserem Alter muss man einen Mann festhalten. Sonst bleibt man allein.

In dem Moment kam Rolf herein, suchte Salz und strich mit seiner Hand über ihre Hüfte. Schnell. Gewohnt.

Ich blieb ruhig.

Beim Dessert stand ich auf.

— Ich möchte auf meinen Mann Rolf und meine beste Freundin Sabine anstoßen. Auf Treue, Nähe und gesunden Schlaf. Besonders auf der neuen orthopädischen Matratze, die am vierzehnten in die Severinstraße geliefert wurde.

Stille.

Sabine starrte auf ihren Teller. Rolf wurde dunkelrot.

— Monika, du machst dich lächerlich.

— Nein. Damit wart ihr schon beschäftigt. Ich mache es nur sichtbar.

Seine Tasche stand im Flur.

— Du hast schon ein Bett. Geh.

Er ging. Sabine folgte ihm, kleiner als sonst.

Die Scheidung kam schnell. Ich kaufte mir eine helle Wohnung, eine Kaffeemaschine und später einen Kater namens Otto. Er schnarcht, aber er lügt nicht.

Mein Sohn fragte:

— Warum vor allen?

Ich sagte:

— Weil sie mich vor allen zur Ahnungslosen gemacht haben. Ich wollte nicht länger die einzige sein, die die Wahrheit trägt.

Heute trinke ich morgens Kaffee am Fenster.

Ich habe weniger Möbel als früher, weniger Menschen auch.

Aber endlich gehört mein Bett nur noch meinem Schlaf.

 

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Odissea
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