Der Sonnenschirm auf der Poolterrasse in Grünwald

Als der Champagner aus meinem Glas auf den Marmorboden tropfte, hörte ich Konstantin oben im Ankleidezimmer telefonieren. Nicht mit mir. Mit seiner Assistentin, die seit einem Jahr mehr Zeit in seinem Kalender hatte als ich in seinem Bett.

„Du würdest mich nur blamieren in diesem Kleid."

Der Satz kam von der Galerie herunter, während ich vor dem Spiegel stand und mit den Fingern an einem losen Faden am Ärmel zupfte, bis er sich löste. Draußen wartete der Fahrer schon neben dem Maybach, und Konstantin Reiser kam die Treppe herunter, im maßgeschneiderten Anzug, glattrasiert, nach Vetiver duftend – als ginge er zu seiner eigenen Ehrung und nicht dazu, mir zum wiederholten Mal etwas wegzunehmen, das ich nicht mehr benennen konnte. Unsere Haushälterin, Frau Brenner, fragte leise, ob sie mir noch beim Reißverschluss helfen solle. Er sah gar nicht erst zu ihr hin.

„Nicht nötig. Ich gehe mit Vanessa."

Ich trug das einzige Abendkleid, das ich noch besaß – ein dunkelblaues Modell aus der Zeit vor unserer Hochzeit, gekauft in einem kleinen Laden in der Maximilianstraße, als ich noch mein eigenes Geld verdiente. Der Saum war ausgefranst, die Naht am Rücken hatte ich selbst zweimal genäht, mit dem falschen Garn, weil ich das passende nicht mehr fand. Sieben Jahre Ehe, und ich hatte nie nach einem neuen Kleid gefragt, nie nach seinem Konto, nie erzählt, wessen Tochter ich eigentlich bin. Meinen Namen hatte ich klein gehalten wie eine Rechnung, die man nicht offenlegen will, weil man Angst hat, was sie über einen selbst sagt.

Auf der Treppe klapperten Absätze. Vanessa Lehmann kam herunter in einem champagnerfarbenen Kleid, ein Collier um den Hals, das mehr gekostet haben musste als das Jahresgehalt unserer Gärtnerin. Sie hakte sich bei Konstantin unter, als wäre das ihr angestammter Platz. Er legte ihr die Hand ins Kreuz, kurz, wie man das bei etwas tut, das einem gehört.

Ich ging trotzdem hinunter, den Reißverschluss auf halber Höhe offen, weil niemand ihn mir zugezogen hatte. Er zog die Augenbrauen zusammen, als wäre ich ein Fleck auf seinem frisch polierten Boden. Vanessa musterte mein Kleid von oben bis unten, dann wandte sie sich an Konstantin, als wäre ich gar nicht im Raum.

„Der Ball der Industrie- und Handelskammer ist zu wichtig für so etwas. Vorstände, Politiker, internationale Investoren. Sie bleibt besser zu Hause, Schatz, sonst verdirbst du dir noch den Abend."

Sein Schweigen tat mehr weh als jede Beleidigung, die sie sich hätte ausdenken können. Ich sah meinen Mann an und wartete auf ein einziges Wort zu meiner Verteidigung. Er zupfte stattdessen an seiner Manschette, prüfte den Sitz im Flurspiegel und bot Vanessa den Arm.

Ich blieb in der Diele stehen, bis das Motorengeräusch in der Nacht verschwunden war. Erst dann kam Frau Brenner mit einem Tablett, auf dem eine Tasse Kamillentee stand, die längst nicht mehr dampfte, weil sie so lange in der Küche gewartet hatte, bis sie sich traute, hereinzukommen.

Ich ging nach oben, ließ die Tür offen und setzte mich auf die Fensterbank, von der aus man, wenn man den Kopf schräg hielt, die Lichter Richtung Prinzregentenstraße sah, wo im „Vier Jahreszeiten" gerade der Ball begann. Draußen bellte der Nachbarshund, wie jeden Abend um diese Zeit, und unten lief noch der Fernseher – die Tagesschau-Wiederholung, die niemand ausgeschaltet hatte. Mein Handy vibrierte. Eine Nachricht von Vanessa, dieselbe Nummer, die sie seit Monaten benutzte, wenn sie mir schrieb, ich solle Konstantins Hemden früher aus der Reinigung holen oder seine Termine nicht durcheinanderbringen. Diesmal ein Foto vom Rücksitz des Maybachs, sie mit Victory-Zeichen, Konstantins Profil im Fensterglas gespiegelt. Dazu ein Satz: „Heute Abend gehört er ganz mir. Viel Spaß beim Warten."

Ich legte das Handy auf die Kommode, öffnete die unterste Schublade und holte eine alte Zigarrenkiste hervor, die dort seit sieben Jahren unberührt gelegen hatte, mit einer Staubschicht, die ich mit dem Handballen wegwischte. Darin: eine SIM-Karte, eingeschweißt noch in der Plastikhülle. Ich brach sie auf, die Ecke schnitt mir in den Daumen, und steckte sie ein. Ein einziger Kontakt erschien auf dem Display.

Meine Hand zitterte, als ich auf den grünen Hörer tippte, so sehr, dass ich zweimal daneben tippte, bevor die Verbindung stand. Es klingelte dreimal, dann meldete sich eine tiefe Stimme, rau, als hätte sie seit Jahren nicht mehr in diesem Tonfall gesprochen.

„Iris? Bist du das wirklich?"

Mein Vater, Dietmar Falkner, einer der einflussreichsten Reeder des Landes, mit Kontor in Hamburg und Beteiligungen quer durch halb Europa, schwieg lange, bevor er weitersprach.

„Ich hatte gehofft, dass du niemals anrufen musst. Aber sag mir, was er dir angetan hat."

Ich erzählte alles, stockend, mit Pausen, in denen ich nach Luft schnappte, weil sich manche Sätze zum ersten Mal laut anhörten. Als ich fertig war, sagte er nur: „Gib mir bis morgen früh."

Nach dem Gespräch saß ich lange auf der Bettkante, die Zigarrenkiste im Schoß, und drehte die SIM-Kartenhülle zwischen den Fingern, bis die Kanten sich in die Haut drückten. Vor sieben Jahren hatte ich das Haus meines Vaters verlassen, überzeugt, dass Konstantins Liebe mehr wert sei als mein Nachname. Er hatte mich damals gewarnt: Wenn ich diesen Weg gehe, solle ich nicht weinend zurückkommen. Ich war nicht zurückgekommen. Ich hatte nur angerufen.

Das Handy vibrierte erneut. Ein Video diesmal: der Kristalllüster im Spiegelsaal, Konstantin im Gespräch mit drei Vorstandsvorsitzenden, Vanessa, die ihm die Krawatte zurechtzupfte und dabei in die Kamera blickte, lautlos zwei Worte formend. Ich musste sie nicht hören, um sie zu verstehen.

Ich blickte auf meine linke Hand, wo der helle Streifen vom Ehering noch zu sehen war – Konstantin hatte mich vor drei Tagen gebeten, ihn abzulegen, weil er, wie er sagte, nicht mehr zu seinem Image passe. Am nächsten Tag glänzte an Vanessas Finger ein Solitär.

Es klopfte an der Tür.

„Frau Reiser", sagte Frau Brenner, „unten steht ein Herr, der sagt, er kommt für Sie."

Ich ging hinunter in dem alten blauen Kleid, den Reißverschluss immer noch offen, ohne mich umzuziehen. Mein Vater stand in der Eingangshalle, den grauen Mantel noch über den Schultern, das Gesicht härter geworden, die Hände genauso groß, wie ich sie in Erinnerung hatte. Neben ihm Dr. Albrecht Wenzel, sein Justiziar seit über zwanzig Jahren, eine schwarze Aktenmappe unter dem Arm, die er wie ein Gewicht hielt, das er endlich abgeben durfte.

„Ich habe nicht bis morgen gewartet", sagte mein Vater. „Ich habe angefangen zu handeln."

Auf der Fahrt zum „Vier Jahreszeiten" erklärte er, was in den letzten Stunden in Bewegung gesetzt worden war. Die Falkner-Reederei hielt, über eine Holding in Luxemburg, seit vier Jahren zweiundzwanzig Prozent der Anteile an Konstantins Baukonzern – eine stille Beteiligung, eingegangen lange bevor ich überhaupt wusste, dass mein Vater sie hielt, als Absicherung, falls ich sie jemals brauchen würde. Zusätzlich bürgte die Reederei für einen Kredit von vierzig Millionen Euro, mit dem Konstantin sein Bauprojekt am Tegernsee finanzierte. Der Kreditvertrag enthielt eine Klausel, die eine sofortige Kündigung bei Gesellschafterwechsel oder Vertrauensverlust erlaubte – Dr. Wenzel hatte sie selbst mitverhandelt, Jahre zuvor, ohne zu wissen, wofür sie einmal gebraucht würde. Das Kündigungsschreiben war unterschriftsreif, als wir losfuhren. Die Abberufung als Vorstandsvorsitzender ließ sich nicht in einer Nacht vollziehen, das sagte mein Vater ganz offen im Wagen – aber der Antrag auf die außerordentliche Gesellschafterversammlung konnte noch heute Abend eingereicht werden, mit sofortiger Wirkung ab Zustellung, und jeder im Saal, der etwas von Kapitalmärkten verstand, würde wissen, was das bedeutete, sobald das Schreiben auf dem Tisch lag.

Wir betraten den Spiegelsaal, als Konstantin gerade sein Glas hob, um auf „die Zukunft des Unternehmens" anzustoßen. Das Gemurmel brach ab, als mein Vater mit Dr. Wenzel an seiner Seite durch die Menge ging. Vanessa hielt ihr Sektglas so fest, dass sich ihre Fingerknöchel weiß färbten.

„Und du bist also die Ehefrau", sagte sie, aber die Sicherheit in ihrer Stimme kippte auf halbem Weg, als ihr Blick von mir zu meinem Vater wanderte und sie begriff, wessen Hand da neben mir lag.

„Herr Falkner", stammelte Konstantin, „was für eine – Überraschung."

„Für Sie vielleicht", sagte mein Vater. „Für mich ist es eine Korrektur." Er nickte Dr. Wenzel zu, der eine Mappe öffnete und Konstantin ein Schreiben reichte. „Der Kreditrahmen über vierzig Millionen ist mit sofortiger Wirkung gekündigt. Und der Antrag auf Ihre Abberufung als Vorstandsvorsitzender liegt seit einer halben Stunde beim Aufsichtsrat. Die außerordentliche Versammlung findet übermorgen, neun Uhr, statt. Bis dahin, Herr Reiser, würde ich an Ihrer Stelle keine weiteren Verträge unterschreiben."

Konstantin griff nach Vanessas Arm, als suche er Halt, aber sie war schon einen halben Schritt zurückgewichen, das Glas in ihrer Hand leicht schwappend.

Ich trat vor, öffnete meine Handtasche und legte den goldenen Ehering, den ich drei Tage zuvor auf seine Bitte abgelegt hatte, auf das weiße Tischtuch neben sein Sektglas. Er rollte einmal um die eigene Achse und blieb liegen.

„Du hattest recht", sagte ich, „ich hätte dich blamiert. Aber nicht mit dem Kleid."

Ich drehte mich um und ging, mein Vater neben mir, durch den Saal, in dem plötzlich niemand mehr auf Konstantin Reiser sah.

Drei Wochen später unterschrieb ich in der Kanzlei von Dr. Wenzel die Scheidungsvereinbarung. Ich verzichtete auf jeden Unterhalt und verlangte nur eines: das kleine Ferienhaus am Tegernsee, das auf meinen Namen eingetragen war, weil mein Vater es mir schon vor der Hochzeit geschenkt hatte, ohne dass Konstantin je davon wusste.

Am ersten Wochenende dort fand ich im Gartenschuppen den alten, verblichenen Sonnenschirm wieder, den Frau Brenner mir nachgeschickt hatte. Ich schleppte ihn über den Rasen, kämpfte mit dem verrosteten Gelenk, bis er sich mit einem Ruck aufstellte, schief, aber stehend. Mein Vater kam am Nachmittag vorbei, ein Kartenspiel unter dem Arm, setzte sich unter den Schirm, klopfte auf den freien Stuhl neben sich und begann zu mischen, ohne ein Wort darüber zu verlieren, wie lange der Tisch schon leer gestanden hatte.

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Odissea
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