Ich heiße Jonas Brenner, ich bin zweiunddreißig, und ich habe meiner Mutter drei Wochen lang nicht geschrieben. Das muss man erst mal sagen, bevor man den Rest versteht.
Meine Mutter heißt Karin. Sie wohnt in Rottweil, in der alten Doppelhaushälfte am Neckar, in der ich aufgewachsen bin. Meine Schwester Leonie, fünfunddreißig, wohnt fünf Straßen weiter, mit ihrem Mann und den beiden Kindern. Meine kleine Schwester Pia, achtundzwanzig, hat gerade ihr Studium fertig und jobbt noch, bis was Festes kommt. Ich sitze zweihundert Kilometer entfernt in Frankfurt, in einer Einzimmerwohnung mit Blick auf einen Hinterhof, in dem jemand jeden Sommer Tauben füttert und der ganze Aufgang danach riecht.
Der Garten, um den es geht, lag draußen bei Oberndorf, ein Grundstück mit Streuobstwiese, das mein Großvater in den Achtzigern gekauft hatte. Er hat dort eine Laube gebaut, meine Großmutter hat jedes Frühjahr Johannisbeeren gepflanzt. Als Kinder waren wir jedes zweite Wochenende dort, Leonie und ich zuerst, später auch Pia. Nach dem Tod meines Großvaters vor fünf Jahren ist meine Großmutter kaum noch hingefahren. Sie sagte, ohne ihn ergebe das Ganze keinen Sinn mehr. Das Grundstück verwilderte, die Laube fing an zu schimmeln. Im Januar ist meine Großmutter im Schlaf gestorben, als hätte sie sich das selbst so ausgesucht.
Nach der Beerdigung musste geklärt werden, was mit dem Grundstück passiert. Meine Tante, Mamas Schwester, lebt seit Jahren in Lyon und hat auf ihren Anteil komplett verzichtet – sie brauche das nicht, sagte sie. Also blieb alles an Mama hängen. Wir drei Kinder hatten nie eine besondere Bindung zu dem Grundstück, für uns war das immer Mücken, kein Netz fürs Handy, Langeweile. „Verkauf's einfach, Mama, und teil's gerecht durch drei", hat Leonie gesagt, ohne zu zögern, und Pia und ich haben zugestimmt.
Mama hat es für hundertzwanzigtausend Euro verkauft. Ein fairer Preis für die Lage, sagte der Makler: großes Grundstück, aber keine Erschließung, nur über einen Feldweg erreichbar. Sie hat es in drei exakt gleiche Teile geteilt, vierzigtausend Euro für jeden von uns. Alle drei Überweisungen am selben Tag, damit keiner sagen konnte, er hätte das Geld später bekommen als die anderen. Sogar der Verwendungszweck war bei allen dreien identisch: „Grundstück – dein Anteil". Sie war richtig stolz auf sich.
Leonie hat mit ihren vierzigtausend die Fenster in der Wohnung ausgetauscht und das Bad komplett neu machen lassen. Pia hat das Geld brav auf ein Tagesgeldkonto gelegt. Und ich?
Ich habe nichts gesagt. Wochenlang. Das war kein Trotz, auch wenn es von außen so ausgesehen haben muss. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon Schulden bei zwei verschiedenen Ratenkrediten, die ich seit der Scheidung von Melanie vor anderthalb Jahren mit mir herumschleppe. Mein Job im Lager in Frankfurt-Ost zahlt nicht besonders gut, die Miete für die Einzimmerwohnung frisst fast ein Drittel, und dann ist da noch der Unterhalt für meinen Sohn Finn, den ich nur noch alle zwei Wochenenden sehe, weil Melanie die Übergaben inzwischen so knapp wie möglich hält. Ich wollte Mama nicht damit belasten. Ich dachte, ich krieg das allein hin.
Ich habe es nicht hingekriegt. Das Geld war weg, verteilt auf Mahngebühren, eine Nachzahlung beim Finanzamt, eine kaputte Kupplung am Auto, ohne das ich nicht zur Arbeit komme. Und dann rief ich Mama an. „Mama, kann ich Samstag vorbeikommen? Ich wollte mal in Ruhe mit dir reden." Ich hörte, wie erfreut sie war. Ich rufe selten an, das weiß ich. Seit der Scheidung habe ich mich ziemlich zurückgezogen, als würde ich der ganzen Welt die Schuld geben wollen, dass Melanie gegangen ist.
Sie hat eine Kartoffelsuppe gekocht und einen Zwetschgenkuchen gebacken, extra für mich. Die Wohnung roch, als ich reinkam, nach Zimt und nach dem Fensterputzmittel, das sie immer benutzt. Auf dem Tisch lag die bestickte Decke, die meine Großmutter selbst gemacht hatte. Ich hatte abgenommen, kaum geschlafen, und die Ringe unter meinen Augen waren dunkler als sonst. Ich habe die Suppe fast wortlos gegessen. Erst beim Kaffee habe ich angefangen zu reden.
„Mama, ich hab ein echtes Problem. Ich brauch von dir Geld geliehen."
„Wie viel brauchst du?", fragte sie. Was hätte sie auch sonst sagen sollen.
Ich habe die Kaffeetasse auf den Tisch gestellt und dann genau die Summe genannt, die ich zwei Monate vorher bekommen hatte. Vierzigtausend. Kein Euro mehr, keiner weniger.
Sie sagte nichts. Sie stand auf, ging zum Kühlschrank, öffnete ihn, obwohl nichts dort zu holen war, und schloss ihn wieder. Erst dann drehte sie sich um.
„Jonas, was ist eigentlich mit dem Geld vom Grundstück passiert?"
„Ich hatte Schulden. Die hab ich damit bezahlt."
„Was für Schulden?"
„Verschiedenes. Ratenkredite. Nach der Scheidung musste ich irgendwie klarkommen, du weißt ja, wie das lief."
Sie wusste es nur ungefähr. Sie wusste vom niedrigen Lohn, von der Miete, vom Unterhalt. Aber von den konkreten Krediten wusste sie nichts, weil ich es ihr nie erzählt hatte – ich mochte es noch nie, wenn sie mir zu viele Fragen stellt.
„Jonas, ich habe keine vierzigtausend Euro übrig. Nicht mal die Hälfte davon."
„Und Leonie?", sagte ich, mit einem anderen Ton, viel schärfer als vorher. „Leonie hat sich für das Geld die ganze Wohnung renoviert. Bad, alle Fenster. Das kostet locker mehr als vierzigtausend. Woher hat sie den Rest, sag mir das mal?"
„Von ihren eigenen Ersparnissen. Von einem Kredit, denke ich. Ich hab sie ehrlich gesagt nie gefragt."
„Oder von dir."
Es entstand eine Pause, bei der man förmlich spürte, wie die Luft im Raum dicker wurde.
„Jonas, jeder von euch dreien hat exakt denselben Betrag bekommen. Auf den Cent genau, das schwöre ich dir."
„Ja, aber Leonie wohnt hier in Rottweil, fünf Minuten von dir. Du bringst ihre Kinder jeden Tag zur Schule, passt nachmittags auf sie auf, kochst für sie. Weißt du eigentlich, was das wert ist? Was sie für eine Tagesmutter bezahlen müsste, die dasselbe macht wie du?"
Ich wusste in dem Moment nicht, was ich darauf sagen sollte, weil ich zum Teil recht hatte. Sie half Leonie wirklich fast jeden Tag. Seit Jahren. Aber das hatte sie nie als Geld betrachtet. Das war einfach das, was Großmütter tun, weil sie es wollen, weil sie ihre Enkel lieben.
„Das ist nicht dasselbe", sagte sie leise.
„Für mich schon, Mama."
Ich bin noch am selben Tag gegangen, ohne mich richtig zu verabschieden. Den Zwetschgenkuchen habe ich nicht mal angerührt. An der Tür habe ich mich umgedreht und den Satz gesagt, den sie mir bis heute nicht verzeiht, wenn ich ehrlich bin: „Du sagst immer, du teilst alles gleich unter uns auf. Aber gleich teilen ist nicht dasselbe wie gerecht teilen, Mama."
Ich habe drei Wochen lang nicht angerufen. Sie hat mich dreimal versucht zu erreichen, ich bin nicht rangegangen. Beim vierten Mal kam direkt die Mailbox. Sie hat mir geschrieben: „Jonas, lass uns in Ruhe reden. Ich hab dich sehr lieb." Ich habe zwei Tage später knapp geantwortet: „Ich weiß, Mama. Das ändert nichts an dem, was ich neulich gesagt hab."
Was ich damals nicht gesagt habe: dass ich mich in dieser leeren Einzimmerwohnung in Frankfurt jedes zweite Wochenende hinsetze, wenn Finn nicht da ist, und höre, wie die Nachbarn feiern, und mir denke, dass niemand zweihundert Kilometer für mich fährt. Dass ich Leonie beneide, nicht um das Geld, sondern darum, dass Mama jeden Mittwoch bei ihr auf der Couch sitzt und Kaffee trinkt. Das ist schwer zuzugeben, auch mir selbst gegenüber.
Der Anruf kam an einem Donnerstagabend Ende August. Mama hatte mich zu sich gebeten, alle drei, zum ersten Mal seit dem Streit an einem Tisch. Leonie kam mit hochrotem Kopf, sie hatte gehört, was ich am Telefon zu Pia gesagt hatte, dass Mama mich „wie einen Fremden behandelt". Pia saß dazwischen, wie immer, versuchte zu vermitteln und ärgerte damit im Grunde beide Seiten.
Mama hatte eine Mappe auf dem Tisch liegen, aus dem alten Sekretär im Flur, in dem sie ihre wichtigen Papiere aufbewahrt. Sie hat sie aufgeklappt, ohne große Ankündigung. Darin lag ein Kontoauszug ihres Sparkontos bei der Kreissparkasse Rottweil, ein zweites Blatt mit Zahlen, handschriftlich, und ein Überweisungsträger, schon ausgefüllt.
„Ich hab die letzten drei Wochen gerechnet", sagte sie. „Wie viele Stunden ich seit fünf Jahren auf Leonies Kinder aufpasse. Was eine Tagesmutter in Rottweil dafür verlangen würde, ungefähr elf Euro die Stunde. Es kommt eine Summe raus, die ich hier nicht laut vorlesen muss, ihr könnt es selbst lesen." Sie schob das Blatt zu Leonie rüber. „Das ist Geld, das ich in den letzten Jahren de facto in eure Familie gesteckt habe, ohne dass es je auf dem Papier stand. Und ich hab entschieden, dass ich davon zwölftausend Euro von meinem eigenen Erspartem nehme – nicht von dem Grundstücksgeld, das ist längst verteilt und bleibt so, wie es ist – und sie Jonas überweise. Als das, was es eigentlich schon lange hätte sein sollen: ein Ausgleich für die Zeit, die er nicht bekommen hat, weil er zweihundert Kilometer weit weg wohnt und niemand ihm dafür je eine Rechnung gestellt hat."
Leonie wollte protestieren, ich sah es ihr an, aber Mama hob nur die Hand. „Das ist kein Vorwurf an dich, Leonie. Du hast nie darum gebeten, dass ich komme. Ich hab's angeboten, weil ich's wollte."
Sie hat den Überweisungsträger vor mich hingelegt, mit ihrer Unterschrift schon drauf, nur das Datum fehlte noch. Zwölftausend Euro, keine vierzigtausend – sie hat klar gesagt, dass sie sich nicht verschulden wird, um mir das Grundstücksgeld doppelt zu geben, das wäre nicht gerecht gegenüber den anderen beiden.
Ich hab die Kupplung im Auto trotzdem noch drei Monate abbezahlt. Aber ich fahre jetzt jeden zweiten Mittwoch nach Rottweil, nicht nur an Feiertagen. Mama hat einen Zweitschlüssel für mich nachmachen lassen, den echten, nicht symbolisch gemeint – für die Doppelhaushälfte, in der ich aufgewachsen bin. Als ich ihn das erste Mal in der Hand hatte, schwer, mit dem alten Anhänger von Opa dran, hab ich nichts Großes dazu gesagt. Ich hab ihn einfach an meinen Schlüsselbund gehängt, neben den vom Lager in Frankfurt-Ost, und bin zum Auto gegangen.
