Die Ernte gehörte nicht nur den Papieren

 

— Den ganzen Sommer habe ich hier allein geschuftet, und ihr kommt genau dann, wenn die Ernte reif ist?

Maren stand zwischen den Beeten im Gartenhaus ihrer Großmutter in Brandenburg. In der Hand hielt sie eine Hacke, an den Knien klebte Erde. Ihre Schwester Claudia stand am Gartentor, sauber gekleidet, daneben ihr Mann Jens mit einer Tasche voller Äpfel und Tomaten.

— Maren, bitte — sagte Claudia. — Das Grundstück gehört uns beiden. Oma hat es so gewollt.

Oma Hilde war im Winter gestorben. Maren hatte Beerdigung, Unterlagen, Rechnungen und das alte Haus geregelt. Claudia war zur Trauerfeier gekommen und später auf der Veranda hatte sie gesagt:

— Gartenarbeit ist nichts für mich. Wenn du willst, mach du. Ich halte mich raus.

Maren machte.

Im Mai war der Garten verwildert. Die Himbeeren wuchsen kreuz und quer, die Beete waren verschwunden, die Apfelbäume ungepflegt. Die Nachbarn, Frau Lenz und Herr Bock, sahen sie oft im Morgengrauen mit Gießkannen laufen.

Maren arbeitete den ganzen Sommer. Sie grub, pflanzte, jätete, band Tomaten hoch, schnitt Bäume, sammelte Käfer ab und kochte abends Marmelade, obwohl ihr Rücken brannte.

Claudia kam einmal im Juni. Trank Kaffee und sagte:

— Wenn es dir Spaß macht.

Jetzt machte es ihr offenbar Spaß, zu ernten.

Jens zog an einem Ast, bis unreife Äpfel fielen.

— Nicht so! — rief Maren.

Claudia verschränkte die Arme.

— Du tust ja, als würden wir dich bestehlen.

— Ihr nehmt etwas, das ihr nicht gepflegt habt.

— Das ist auch meine Hälfte.

Da trat Frau Lenz an den Zaun.

— Die Hälfte vom Grundbuch vielleicht. Aber nicht die Hälfte von ihren Schwielen.

Claudia fuhr herum.

— Das ist Familiensache.

Herr Bock kam dazu.

— Familie sieht man auch im Mai, wenn Unkraut wächst. Nicht nur im September mit Einkaufstaschen.

Jens stellte die Tasche langsam ab.

— Wir hätten fragen sollen.

— Ihr hättet helfen sollen, sagte Maren.

Claudia wurde rot.

— Dann behalt doch alles.

Maren atmete aus.

— Ich teile. Aber nicht mit Menschen, die meine Arbeit unsichtbar machen. Komm im Frühjahr. Zieh alte Schuhe an. Dann reden wir über fair.

Claudia ging wütend zum Auto. Jens sagte leise Entschuldigung und ließ die Tasche stehen.

Maren setzte sich auf die Stufen und weinte. Frau Lenz legte ihr eine Hand auf die Schulter.

— Manchmal sind Nachbarn näher als Verwandte.

Am Abend tranken sie Tee auf der Veranda. Der Garten war beschädigt, aber er stand. So wie Maren.

Zwei Wochen später schrieb Claudia:

„Kann ich Samstag kommen und lernen, was zu tun ist?”

Maren antwortete:

„Bring Handschuhe mit.”

Denn Erbe ist nicht nur das, was man bekommt.

Es ist auch das, wofür man bereit ist, sich die Hände schmutzig zu machen.

 

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