Die Gurken, die keiner mehr retten wollte

— Lena, Paul, kommt mal her! rief meine Schwiegermutter von der Terrasse. Ich habe euch Gurken eingepackt. Aus dem eigenen Garten, ganz ohne Chemie!

Auf dem Holztisch stand eine riesige Plastikschüssel. Darin lagen Gurken, die ihre beste Zeit nicht nur verpasst, sondern längst hinter sich gelassen hatten. Groß, gelblich, mit harter Schale. Eher Keulen als Gemüse.

— Mama, schon wieder? seufzte Paul. Wir sind zu zweit.

— Und? Ihr müsst doch essen! In der Stadt kauft ihr bestimmt nur wässrigen Supermarktkram.

Seit drei Jahren ging das so. Die kleinen knackigen Gurken legte Helga selbst ein. Die schönen Tomaten verschenkte sie an Nachbarn. Wir bekamen die Riesen, die sie nicht wegwerfen wollte. Und jedes Mal mussten wir dankbar tun, als wäre uns etwas Kostbares überreicht worden.

An diesem heißen Julitag war meine Geduld am Ende. Ich hatte eine anstrengende Woche hinter mir, zu Hause war die Klimaanlage kaputt, und nun stand wieder diese Schüssel da.

— Danke, Helga, aber wir nehmen keine mit.

Sie erstarrte.

— Wie bitte?

— Wir nehmen sie nicht mit.

— Man gibt euch gutes Gemüse, und ihr seid euch zu fein?

Ich atmete langsam ein.

— Was soll ich damit machen? Für Salat sind sie hart. Zum Einlegen zu groß. Innen sind fast nur Kerne. Wir haben keine Tiere, und in unserer Wohnung im sechsten Stock brauche ich keinen Futtervorrat.

Helga kniff die Augen zusammen.

— Eine gute Hausfrau findet für alles Verwendung. Suppe, Schmorgurken, Relish. Man darf nur nicht zu bequem sein.

Da riss mir der Geduldsfaden.

— Eine gute Gärtnerin erntet Gurken aber auch rechtzeitig, bevor sie niemand mehr essen will.

Paul sah aus, als würde er gern im Boden verschwinden.

Helga wurde rot.

— In meinem Garten willst du mich belehren? Paul! Hörst du deine Frau?

Paul schwieg einen Moment. Dann sagte er:

— Ja. Und sie hat recht.

Helga starrte ihn an.

— Du auch noch?

— Mama, du gibst uns nicht deine besten Gurken. Du gibst uns die, die du selbst nicht verarbeiten willst. Und wenn Lena Nein sagt, machst du sie schlecht.

Helga setzte sich. Ihre Wut bekam Risse.

— Ich kann Lebensmittel nicht wegwerfen.

— Das verstehe ich, sagte ich. Aber dann sag es so. Frag, ob wir sie brauchen. Und wenn nicht, ist das auch in Ordnung.

Wir fuhren ohne Gurken nach Hause. Zwei Wochen herrschte Funkstille.

Beim nächsten Besuch stand auf dem Tisch ein kleiner Korb. Vier junge Gurken, Tomaten, Dill.

— Wenn ihr mögt, sagte Helga knapp.

— Mögen wir, antwortete ich. Danke.

Seitdem fragt sie. Manchmal nehme ich etwas. Manchmal nicht. Und die Riesengurken landen beim Nachbarn mit den Kaninchen.

Es ging nie nur um Gemüse.

Es ging darum, dass ein Geschenk kein Geschenk ist, wenn man es nicht ablehnen darf.

 

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Odissea
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