Die Tasse im Müll und die Kur, die plötzlich abgesagt war

 

— In anständigen Familien trinkt man nicht aus so etwas.

Meine Schwiegermutter hielt die kleine Porzellantasse zwischen zwei Fingern, als wäre sie schmutzig. Zarte Rosen, verblasst vom Alter, ein schmaler Goldrand, an manchen Stellen abgerieben. Für Brigitte war es Kitsch. Für mich war es das Service meiner Großmutter.

Sie ließ die Tasse fallen.

Das Knirschen auf den Küchenfliesen klang endgültig.

Ich stand mit Einkaufstaschen in der Tür. Nachtschicht in der Apotheke, schwere Beine, müde Augen. In der Spüle glänzte alles. Zu ordentlich. Dann sah ich in den Mülleimer: Scherben, meine teure Gesichtsmaske, das Serum, Vitamine. Alles zwischen Kartoffelschalen und Kaffeefiltern.

— Was machen Sie da?

— Ich räume auf, Jana. Eure neue Wohnung soll doch nicht aussehen wie ein Flohmarkt.

Mein Mann Lukas stand im Flur. Arbeitslos seit vier Monaten. Angeblich in einer kreativen Neuorientierung. Praktisch bedeutete das: Ich zahlte Kredit, Hausgeld, Lebensmittel, Strom. Die Wohnung lief auf meinen Namen. Er spielte Konsole und erklärte, dass die richtige Chance bald käme.

Gestern war Brigittes Geburtstag gewesen. Auf Lukas’ Drängen hatte ich ihr eine Kurwoche in Bad Kissingen geschenkt. Ich hatte dafür meine Prämie verwendet. Der Umschlag lag noch auf dem Tisch.

— Das Service war von meiner Oma, sagte ich.

Brigitte hob die Schultern.

— Alte Dinge muss man loslassen. Sonst bleibt das Leben stehen.

Plötzlich wurde ich ganz ruhig.

Ich nahm den Umschlag.

— Jana, was soll das? fragte Lukas.

— Loslassen.

Brigitte wurde blass.

— Wage es nicht.

Ich rief das Kurhotel an. Stornierte die Buchung. Bat um Rückzahlung auf meine Karte.

Lukas flüsterte, ich solle keinen Skandal machen. Brigitte sprach von Respekt und Undankbarkeit.

Als ich auflegte, sagte ich:

— Sie haben recht. Man muss Dinge entfernen, die einem Zuhause nicht guttun. Heute entferne ich die Vorstellung, dass Sie meine Sachen zerstören und dafür noch Urlaub auf meine Kosten machen.

— Das ist das Zuhause meines Sohnes!

— Nein. Es ist meine Wohnung. Sein Name steht weder im Kreditvertrag noch auf den Überweisungen.

Lukas schwieg.

Am Abend legte ich ihm die Kontoauszüge hin.

— Einen Monat. Entweder du arbeitest und beteiligst dich, oder du ziehst zu deiner Mutter. Ich bezahle nicht länger für einen Mann, der zusieht, wie ich in meiner eigenen Wohnung beleidigt werde.

Er war zuerst wütend. Dann still. Dann fand er eine Stelle in einem Sanitätshaus. Nicht sein Traum. Aber echt.

Brigitte kam sechs Wochen nicht. Dann klingelte sie. Nicht mit dem Schlüssel. Sie klingelte. In der Hand eine kleine Schachtel.

— Eine ähnliche Tasse, sagte sie. Vom Antikmarkt.

Ich nahm sie.

— Danke. Und hier entscheidet niemand außer mir, was zu meinem Leben gehört.

Seitdem blieb mein Badezimmerschrank unberührt. Lukas zahlte seinen Anteil. Und die übrigen Tassen meiner Großmutter stehen heute sichtbar in einer kleinen Vitrine.

Nicht weil sie wertvoll sind.

Sondern weil ich es bin.

 

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