Im Bus zum Hauptbahnhof war nur noch ein Platz frei — am Fenster, neben einem älteren Herrn in einem abgetragenen Mantel. Der Kragen war abgeschabt, die Schuhe alt, doch auf seinen Knien lag ein Strauß weißer Chrysanthemen, sorgfältig mit einer einfachen Schnur gebunden.
Sabine setzte sich neben ihn. Sie war Anfang vierzig, müde von der Arbeit, die Tasche voller Unterlagen, der Kopf voller Zahlen, Beschwerden und Dinge, die bis morgen angeblich dringend waren.
Der Mann neben ihr zog ihren Blick trotzdem an.
Er saß sehr gerade. Immer wieder sah er auf seine alte Uhr, deren Glas einen Sprung hatte, und ordnete dann die Blumen.
— Für einen besonderen Anlass? fragte Sabine.
Er lächelte verlegen.
— Für eine Frau, die ich seit fünfzig Jahren nicht gesehen habe.
Er hieß Heinrich. Er erzählte langsam, als müsse er jedes Wort erst aus einem verschlossenen Zimmer holen. In seiner Jugend hatte er Elisabeth geliebt. Sie wohnten in derselben Kleinstadt bei Hannover, gingen zusammen zur Schule, saßen oft am Fluss. Er brachte ihr Gänseblümchen, sie steckte ihm Zettel in die Jackentasche.
Dann kam die Bundeswehr. Sie schrieben einander. Erst jede Woche. Dann hörten die Briefe auf.
— Ich dachte, sie hätte mich vergessen, sagte Heinrich. — Als ich zurückkam, war sie weg. Ihre Mutter war mit ihr nach Bremen gezogen. Man sagte, sie sei verheiratet.
Heinrich heiratete später ebenfalls. Seine Frau war gut, freundlich, zuverlässig. Er ehrte dieses Leben. Aber irgendwo in ihm blieb ein Name, den er nie ganz fortlegen konnte.
Vor einer Woche hatte ihn ein ehemaliger Mitschüler im Internet gefunden.
Elisabeth sei Witwe. Und sie habe geglaubt, Heinrich hätte aufgehört zu schreiben. Ihre Mutter hatte damals die Briefe abgefangen, weil sie ihre Tochter nicht an einen einfachen Soldaten verlieren wollte.
Heute fuhr Elisabeth durch die Stadt. Ihr Zug hielt nur zwölf Minuten am Hauptbahnhof. Heinrich wollte nur dort sein. Nur sehen, ob die Zeit wirklich ein Gesicht behalten konnte.
Dann blieb der Bus im Stau stehen.
Die Stimme des Fahrers knackte aus dem Lautsprecher:
— Wegen eines Unfalls wird die Strecke umgeleitet. Es kommt zu einer Verzögerung.
Heinrich wurde blass.
— Ich schaffe es nicht. Sie wird wieder denken, ich sei nicht gekommen.
Sabine sah nach vorn. Nichts bewegte sich. Dann sah sie auf die Blumen.
Sie stand auf.
— Kommen Sie.
— Wohin?
— Zu Elisabeth.
Vorne bat sie den Fahrer, die Tür zu öffnen. Er sprach von Vorschriften, von Haltestellen, von Gefahr. Sabine sagte nur:
— Dieser Mann wartet seit fünfzig Jahren. Lassen Sie ihn nicht an einer roten Ampel scheitern.
Der Fahrer schaute in den Spiegel, sah den alten Herrn und öffnete.
Sabine rief ein Taxi. Sie half Heinrich hinein.
— Hauptbahnhof. Bitte schnell.
Heinrich wollte ihre Adresse, ihre Kontonummer, irgendeine Möglichkeit, etwas zurückzugeben.
— Geben Sie ihr die Blumen rechtzeitig, sagte Sabine.
Sie kam zu spät ins Büro. Ihr Mantel war nass, ihre Schuhe auch. Aber es war das erste Mal seit Monaten, dass ihr eine Verspätung richtig vorkam.
Mittags erhielt sie eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
Auf dem Foto standen zwei alte Menschen auf einem Bahnsteig. Elisabeth hielt die weißen Chrysanthemen. Heinrich hatte eine Hand an ihrer Schulter, vorsichtig, als berühre er etwas, das ein halbes Leben lang nur Erinnerung gewesen war.
Darunter stand:
„Ich war rechtzeitig da. Sie sagte: ‘Heinrich, ich habe dich nie verlassen.’ Morgen trinken wir zusammen Kaffee. Danke, Sabine. Sie haben nicht eine Taxifahrt bezahlt. Sie haben einem alten Missverständnis die Macht genommen, unser Ende zu schreiben.”
Sabine las die Nachricht zweimal. Dann noch einmal.
Im Büro stritten Menschen über Tabellen. Sabine lächelte und dachte, dass manchmal ein ganzer Roman neben uns im Bus sitzt.
Mit Blumen auf den Knien.
Und Angst, zu spät zu kommen.
