Die Werkbank hinter dem Kino

Elf Tage nach der Scheidung erhielt Beate Seidel eine Rechnung über sechzig Euro. Absender war eine Garagengemeinschaft in Dresden-Pieschen. Als Verwendungszweck stand dort:

„Monatsmiete Werkstatt, Platz 4“.

Beate dachte zuerst an einen Irrtum.

Sie hatte nie eine Werkstatt gemietet.

Der Vorsitzende erklärte ihr am Telefon, ein älterer Herr habe den Platz seit zwei Jahren für sie bezahlt. Sein Name war Klaus Seidel, der Vater ihres ehemaligen Mannes.

Beate hatte siebenundzwanzig Jahre als Bühnenmalerin am Theater gearbeitet. Nach einer Umstrukturierung war ihre Stelle gestrichen worden. Seitdem reparierte sie zu Hause alte Lampen und kleinere Möbelstücke.

Ihr Mann Rainer fand diese Arbeit peinlich.

— Du kannst doch nicht mit sechzig anfangen, auf Flohmärkten Kram zu verkaufen.

Als er wegen einer anderen Frau auszog, bestand er darauf, die Doppelgarage zu behalten. Beates Werkzeuge verschwanden in Kartons. Einige Tage später behauptete Rainer, er habe alles entsorgt, weil die Wohnung verkauft werden müsse.

Platz 4 lag hinter einem alten Programmkino. In dem Raum standen ihre Werkzeuge ordentlich an der Wand.

Auf der Werkbank lagen Lampenschirme, Holzrahmen, Schraubzwingen und eine Dose mit den Pinseln, die sie seit ihrer Ausbildung besaß.

Klaus wartete draußen.

— Rainer sagte, du hättest das aufgegeben.

— Und Sie haben ihm geglaubt?

— Nein.

Er hatte die Sachen aus der Garage geholt, bevor sein Sohn sie wegwerfen konnte. Die Werkstatt mietete er, weil er dachte, Beate würde irgendwann wieder arbeiten wollen.

— Warum haben Sie mir nichts gesagt?

Klaus zog die Schultern hoch.

— Solange ihr verheiratet wart, wollte ich mich nicht einmischen.

Beate lachte kurz.

— Jetzt mischen Sie sich ein.

— Jetzt ist mein Schweigen nicht mehr neutral.

Dieser Satz blieb ihr im Kopf.

Klaus war kein herzlicher Schwiegervater gewesen. Er reparierte tropfende Wasserhähne und brachte Kartoffeln aus dem Garten, aber über Gefühle sprach er nie. Wenn Rainer seine Frau vor anderen kleinmachte, schaute Klaus auf den Tisch.

Beate wollte die Werkstatt nicht als Almosen annehmen. Sie bezahlte die nächste Monatsmiete selbst und gab Klaus das Geld für die bereits gezahlten Monate zurück. Er nahm nur die Hälfte.

Zunächst restaurierte sie eine Stehlampe. Dann einen kleinen Schreibtisch. Der Kinobetreiber stellte zwei ihrer Arbeiten im Foyer aus. Gäste fragten nach Preisen.

Beate begann, jeden Samstag zu öffnen.

Rainer erfuhr davon, als eine Bekannte ein Foto im Internet teilte. Er kam unangemeldet.

— Das sind teilweise Sachen aus unserer Garage.

— Es waren meine Werkzeuge.

— Wir waren verheiratet. Da gehört nicht plötzlich alles dir.

Beate wischte sich den Staub von den Händen.

— Interessant. Bei der Garage galt das Wort „unser“ nicht mehr, sobald du sie behalten wolltest.

Rainer sagte, sein Vater lasse sich gegen ihn aufbringen. Klaus, der gerade eine Kiste Schrauben sortierte, antwortete:

— Nein. Ich höre nur auf, für dich zu schweigen.

Rainer wurde rot.

— Du stellst dich wegen dieser Frau gegen deinen Sohn?

Beate erwartete, dass Klaus zurückweichen würde.

Stattdessen schloss er die Kiste.

— Diese Frau war siebenundzwanzig Jahre Teil unserer Familie. Du kannst nicht so tun, als hätte sie nie etwas aufgebaut.

Rainer ging.

Später setzte sich Klaus auf einen Hocker und starrte auf den Boden.

— Das hätte ich früher sagen müssen.

— Ja.

Beate sagte es ohne Trost.

Ein Jahr später konnte sie von den Aufträgen noch nicht vollständig leben, aber sie verdiente genug, um ihre kleine Wohnung zu bezahlen. Zweimal im Monat gab sie Kurse für Menschen über fünfzig, die handwerklich neu anfangen wollten.

Klaus kam weiterhin mittwochs. Nicht als Aufpasser, sondern weil er gern alte Radiogehäuse reparierte.

Über der Werkbank hing ein Schild:

„Nichts ist wertlos, nur weil jemand beschlossen hat, es wegzustellen.“

Rainer sah es nie.

Beate hingegen las es jeden Morgen, bevor sie das Licht einschaltete.

 

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