Der Schatten und das kleine graue Tier

Vor dem kleinen Imbiss in der Hamburger Schanzenstraße stand eine Menschenschlange, die sich bis zur Ampel zog. Nur drei durften gleichzeitig rein, wegen der immer noch geltenden Auflagen. Es nieselte, dieser feine, hartnäckige Sprühregen, der einem unter die Jacke kriecht. Die meisten trugen bunte Regenschirme über die Köpfe, nur der Mann direkt vor mir nicht. Ihm schien das Wasser völlig egal zu sein.

Er überragte alle um mindestens einen Kopf, war so breit wie ein Kleiderschrank und trug eine dicke Lederjacke mit unzähligen Aufnähern. Die schwarzen Lederhosen spannten über den Oberschenkeln, in den Cowboystiefeln mit schiefen Absätzen steckten riesige Füße. Sein Haar war ein einziges Flammenmeer, kupferrot und wild, und der Bart loderte fast genauso. Neben ihm parkte ein Motorrad, das aussah, als wäre es direkt aus einem Film gerollt: eine Harley mit hochgezogenem Lenker, riesigem Vorderrad und einem Heck so breit wie ein kleines Sofa. Chrom blitzte an jeder Kante, obwohl der Himmel grau war. Ich kenne mich null aus, aber dass dieses Ding mehr gekostet hatte als mein zehn Jahre alter Opel, war mir sofort klar.

Hinter mir tuschelten zwei Frauen, ungefähr in meinem Alter. Die eine stieß die andere an und hauchte: „Gott, was für ein imposanter Mann. Einfach umwerfend.“ Ihre Begleiterin seufzte zustimmend.

Aus der Einfahrt neben dem Imbiss schlich eine graue Katze heran. Kein junges Tier mehr, mit hängendem Bauch, der von mehreren Würfen zeugte. Die Rippen zeichneten sich unter dem stumpfen Fell ab. Immer wenn jemand mit einer dampfenden Pappbox aus der Tür trat, zuckte sie zusammen und wich zurück, obwohl ihr die Leute bereitwillig kleine Stücke Backfisch hinwarfen. Die Katze maunzte kläglich und traute sich nicht näher. Die Schlange wurde unruhig, man hörte besorgtes Gemurmel, ein Typ mit Basecap rief: „Die braucht doch was Richtiges, die Arme.“ Aber niemand tat etwas. Ich auch nicht.

Der rothaarige Riese war inzwischen an der Reihe gewesen und betrat den Laden. Die Türglocke bimmelte. Als er herauskam, balancierte er zwei geschlossene Kartons und eine Flasche Wasser. Einen kurzen Moment verharrten seine Augen an der Einfahrt, als suchten sie etwas. Dann setzte er sich auf den nassen Bordstein direkt auf das teure Leder. Die Schlange sog hörbar die Luft ein. Die Frau hinter mir stöhnte auf: „Nein… nicht auf den Boden. Das gibt riesige Flecken.“ Ihre Freundin fügte leise hinzu: „Und ich dachte, er hätte Stil.“

Der Biker machte die erste Box auf und begann, mit einer Gabel gebratene Hähnchenstücke zu essen, ganz ruhig, als säße er in einem Restaurant. Die zweite Box klappte er nur einen Spalt auf, legte sie vorsichtig ein Stück von sich entfernt an die Hauswand. Der Duft von warmem Fleisch zog durch die feuchte Luft.

In diesem Moment tauchte die graue Katze wieder auf, die Nase zitternd, die Ohren aufgestellt. Sie machte einen Schritt nach vorn, zögerte und duckte sich. Ein älterer Herr aus der Schlange hob drohend seinen Schirm. „Weg da, streunendes Vieh!“ Der Biker richtete sich ein wenig auf und ließ ein tiefes Brummen hören, das nicht laut, aber von einer Frequenz war, die selbst einen Boxer hätte innehalten lassen. Der Alte ließ den Schirm sinken. Die Schlange trat unwillkürlich zurück. Die Katze rannte nicht weg; sie sah zu dem Biker hoch, als hätte sie verstanden.

Die Frau hinter mir rief empört: „Was für ein Rüpel! Knurrt er uns doch glatt an. Unglaublich.“ Ich beobachtete den Biker genauer. Er schob sich ein Stück Hähnchen in den Mund und sprach halblaut vor sich hin: „Immer diese Zimperlichkeit. Meine drei zu Hause sind genauso wählerisch, verwöhnte Bande. Einer isst nur Hühnchen, der andere nur Rind. Und die Kleine da…“ Ein rascher Husch seiner Augen zur Einfahrt, ein anerkennendes Schnauben, „…wartet, bis die Luft rein ist. Kenne sie schon länger, schleicht hier jede Woche rum.“ Dann vertiefte er sich wieder in sein Essen.

Die Katze schlich bis auf einen halben Meter an die Box heran. Sie streckte eine Pfote aus und angelte sich ein Fleischstück. Mit ihrer Beute rannte sie in die Einfahrt, verschlang sie, kam zurück. Das Spiel wiederholte sich. Der Mann beachtete sie nicht weiter, kaute nur und schaute irgendwann nach oben in den Sprühregen, als wäre er allein auf der Welt. Nach fünf Minuten saß die Katze kaum eine Armlänge von seinem Knie entfernt und leckte sich genüsslich die Schnauze. Kein Zögern mehr.

Er legte die Gabel in seine leere Box, klappte sie zu und stand auf. Mit einer fast zärtlichen Bewegung schob er die halbleere Box an der Wand noch ein Stück zu dem Tier hin. „Lass es dir schmecken, Grauchen. Morgen bring ich dir was mit, was noch besser rutscht, weich und ohne Gräten.“ Seine Stimme klang ganz weich. Er drehte sich um und schritt zu seinem Motorrad. Die Frau hinter mir rief ihm nach: „Sie haben Ihre Box vergessen!“ Ihr Ton war jetzt weniger scharf. Er winkte kurz ab, ohne sich umzudrehen: „Die ist für sie. Ich hab satt gegessen.“ Eine ältere Dame unter einem durchsichtigen Regenschirm rief mit brüchiger Stimme: „Gott segne Sie, junger Mann.“ Der Biker hob kurz die Hand.

Er schnallte seinen Helm fest, schwang sich auf die Maschine. Die Harley erwachte mit einem satten, tiefen Blubbern. Noch einmal sah der große Mann zu der Katze hinüber, die jetzt mit geschlossenen Augen ein weiteres Stück Fleisch zermalmte. Er schien kurz zu zögern, als überlegte er, ob er sie einfach mitnehmen sollte. Dann setzte er den Blinker, zog auf die nasse Straße und verschwand hinter der kleinen Kirche am Ende der Gasse.

Die Schlange löste sich allmählich auf, jeder kaufte, was er brauchte. Die Katze saß noch immer an der Wand, die Box war fast leer. Eine dicke Möwe landete, musterte die Reste und flog gleich wieder auf, als die Katze leise fauchte.

Ich holte mir mein Backfischbrötchen und trat ins Freie. Der Nieselregen hatte aufgehört, durch die Wolkenritzen schob sich ein blasses Nachmittagslicht. Auf dem Bordstein, genau dort, wo der Mann gesessen hatte, lag etwas Kleines, Weißes: ein zusammengefalteter Papierschnipsel. Ich hob ihn auf. Auf der Innenseite stand in ordentlicher Kugelschreiberhandschrift: *„Fundkatze, kastriert im Mai, frisst nur weiches Futter.“* Darunter war eine Handynummer notiert, von der ich nur noch die ersten fünf Ziffern erkennen konnte, der Regen hatte die Tinte verwischt.

Ich schaute zu der Katze, die zufrieden döste. Wenn der Zettel ihm gehörte, dann wusste er Bescheid. Vielleicht hatte er ihn verloren. Ich tippte die lesbaren Ziffern in mein Handy, überlegte, ob ich die restlichen durchprobieren sollte. In dem Moment hörte ich das tiefe Blubbern der Harley zurückkehren. Der Biker bog wieder in die Gasse ein, parkte neben dem Imbiss und stieg ab. Sein Gesicht wirkte ernst, die Augen suchten den Boden ab. Ich trat zu ihm. „Suchen Sie das hier?“ Ich reichte ihm den Zettel. Er nahm ihn und strich das feuchte Papier glatt. Ein kurzer Laut, halb Lachen, halb Aufseufzen. „Mein Zettel. Wollte ihn einer Nachbarin geben, die eine ruhige Katze sucht. Hab die Kleine im Mai einfangen und kastrieren lassen. Sie hatte schon mehrere Würfe – der Hängebauch kommt davon.“ Er deutete mit dem Kopf zu der Katze. „Aber jetzt ist die Nummer unbrauchbar. Und ich hab kein Foto von ihr.“ Seine Kiefer mahlten. Dann zuckte er die Schultern. „Dann nehm ich sie eben selbst. Auf drei kommt’s auch nicht mehr an.“ Er grinste schief.

Die Katze hob den Kopf, als hätte sie ihn erkannt. Der Biker hockte sich hin, streckte die Hand aus, und sie schnupperte kurz, bevor sie sich gegen seine Lederjacke drückte. Behutsam hob er sie hoch. Ich half, die halbleere Box zu entsorgen und machte ihm die Satteltasche der Harley auf. Er bettete die Katze in seine zusammengelegte Jacke, die darin lag, und schloss die Tasche nur halb, damit Luft hereinkam. „Sie bleibt ruhig, solang sie das Brummen spürt“, sagte er, als er den Motor startete. Ich reichte ihm meine Visitenkarte – falls er noch Hilfe brauchte. Er steckte sie ein, hob grüßend die Hand und fuhr davon. Diesmal wirklich.

Die Sonne brach jetzt ganz durch und tauchte die leere Gasse in goldenes Licht. Ich steckte die Hände in die Taschen und fühlte den leeren Platz in der Brusttasche. Vielleicht würde ich bei meinem nächsten Imbiss-Besuch Ausschau nach ihm halten – und nach einem grauen Schatten auf dem Soziussitz.

Like this post? Please share to your friends:
Odissea
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: