Nie hätte ich gedacht, dass ein Mann mit grauen Schläfen und einer kaputten Kaffeemaschine noch einmal vor den Standesbeamten tritt. Und doch stand ich da, an einem verregneten Dienstag im Mai, und schob ihr den Ring über den Finger. Derselbe Finger, an dem vor über vier Jahrzehnten mein erster Liebesbrief kleben blieb, den sie mir in der Pause heimlich aufs Federmäppchen legte. Nur hieß sie damals noch anders. Jetzt unterschrieb sie mit einem Lächeln, das ich fast vergessen hatte. Aber das war nur der Anfang.
Die Sache ist: man gewöhnt sich an Einsamkeit, bis sie zu einem Geruch in der Wohnung wird. Meine Frau starb vor zehn Jahren, der Krebs fraß sich durch ihre Lunge, während ich danebensaß und dachte, so etwas überlebt man nicht. Die Kinder zogen nach Stuttgart und Hannover, die Enkelkinder tauchen in Videotelefonaten auf, und die Küche roch irgendwann nur noch nach kaltem Kaffee. Ich, Heinz, ehemaliger Heizungsmonteur aus Lüneburg, hatte mich mit zwei Zimmertüren und einem Fernseher abgefunden, der mir die Fußball-Bundesliga in eine leere Stube brüllte. Mein Nachbar, ein alter Dachdecker mit einem Dackel namens Wotan, klopfte jeden Samstag und brachte Bier – das war mein verbindlichster Sozialkontakt.
Bis zu dem Abend, als meine ehemalige Deutschlehrerin ein Klassentreffen ansetzte. Irgendjemand postete die Einladung in die Abitur-Gruppe auf dieser einen Plattform, die man nur aus Versehen öffnet. Ich fuhr hin, weil die Alternative war, allein in der Wohnung zu sitzen und den tropfenden Wasserhahn zu verfluchen. Im Hinterzimmer des Restaurants am Stintmarkt, zwischen den Fotos von alten Fischkuttern, stand sie: Margot. Meine Banknachbarin aus der 10b, die immer den Radiergummi teilte und so lachte, dass die halbe Klasse einstimmte. Jetzt hatte sie kurze, weiße Locken und eine Brille mit roter Kette, aber die Art, wie sie den Kopf neigte, war dieselbe.
Die groben Fakten kamen schnell: Sie war vor sieben Jahren Witwe geworden, arbeitete bis zur Rente in einer kleinen Praxis für Allgemeinmedizin in der Innenstadt, und ihr Sohn lebte jetzt in Sydney. Ihre Tochter, eine Architektin, war nach Berlin gezogen. Wir redeten zuerst über Lehrertypen und wer von den alten Mitschülern Glatze und wer Bürgermeister geworden war. Dann, am Nebentisch bei lauwarmem Sekt, beugte sie sich vor und sagte: „Weißt du noch, wie wir am Tag der Zeugnisausgabe hinter der Turnhalle standen und du mir versprochen hast, du würdest mal eine eigene Werkstatt aufmachen?“ Ich lachte, weil ich genau das tat, bis ich in Rente ging. Ich fragte, ob sie noch immer auf dem Klavier den „Tanz der Zuckerfee“ falsch spielt. Das brachte uns beide zum Schweigen, und dann platzte es aus ihr heraus: „Ich hab es nie wieder probiert, nachdem ich von zu Hause auszog.“ Diese eine Bemerkung, die wie eine Türklinke in der Hand lag, drehte alles.
Wir trafen uns danach jede Woche. Nicht auf irgendwelche besonderen Weisen: Ich holte sie freitags vom Wochenmarkt ab, wo sie ihren Ziegenkäse und einen Bund Möhren kaufte, und wir setzten uns auf eine Bank an der Ilmenau, wo die Möwen nicht ganz so frech waren. Manchmal steckte ich ihr eine Tüte gebrannte Mandeln zu, die sie so heimlich knabberte, als wäre es verbotene Ware. Ihr Gesicht, wenn sie in den Fluss sah, hatte plötzlich etwas von diesem Teenager von damals, aber ich wusste, dahinter lag anderes. Als ich einmal vorschlug, bei ihr zu kochen (einfach nur Spaghetti mit Tomatensoße), zuckte sie zusammen und erfand schnell einen Termin. Ich drängelte nicht. Nach drei Monaten, an einem Novembernachmittag mit so einem gelben, kümmerlichen Licht, setzte sie sich an mich heran und sagte: „Du bist der erste Mensch seit Ewigkeiten, bei dem ich nicht den Reflex habe, das Weite zu suchen.“ Ich nahm ihre Hand – die einzige Bewegung, die an dem Tag passierte – und wir schwiegen, bis die Kirchturmuhr von St. Johannis schlug.
Das mit dem Heiraten kam später. Es war im Januar, die Kälte biss in die Wangen, wir standen am Salzhaus und warteten auf den Bus, der nicht kam. Da machte ich diesen verunglückten Scherz: „Soll ich dich nicht einfach heiraten? Dann können wir wenigstens gemeinsam frieren, bis wir alt sind.“ Sie musterte mich lange, und dann sah ich, wie sich ihre Lippen bewegten, bevor die Worte überhaupt hörbar waren. „Ja“, sagte sie, so tonlos, dass ich fast dachte, es sei ein Irrtum. Aber sie wiederholte es noch zwei Mal. Drei Monate später holten wir den Trauschein ab.
Die Feier fand in einem kleinen Lokal am Alten Hafen statt, nur die Kinder, ein paar Nachbarn, Wotan mit einem Fliegen-Doggen-Abzeichen an seinem Halsband. Margot trug ein champagnerfarbenes Kleid mit langen Ärmeln, das ihr bis zu den Knöcheln reichte. Sie war so aufgeregt, dass sie ihren Rosenstrauß zweimal fallen ließ und einmal nach dem kleinen Brautstrauß ihres Enkels griff, weil sie es für ihren eigenen hielt. Alle klopften auf Tische und prosteten mit Lüneburger Pils, und ich dachte, so viel Glück hält ein Mensch wie unser einer nicht aus.
Als der letzte Gast gegen zehn Uhr in der Tür stand, umarmte Margot ihre Tochter so lange, dass ich schon die Blumen zusammensuchte. Dann schloss ich die Altbauwohnung auf, die seit dem Auszug meiner Frau kaum verändert war bis auf ein schmaleres Bett und eine neue Kaffeepad-Maschine. Ich hatte den Flur mit einer Lichterkette geschmückt, die ich noch aus dem Schrank meiner Enkelin kannte, und die Lampe über dem Esszimmertisch funktionierte immer noch nicht. Margot kicherte leise, als ihr Absatz auf der losen Diele klackerte.
Ich bot ihr an, aus der Minibar ein Glas Wasser zu holen, und sie setzte sich auf die Bettkante, die Hände im Schoß gefaltet. Plötzlich lag da eine Schwere in der Luft, dicker als das Parfüm, das sie aufgetragen hatte. Ich dachte zuerst an die übliche Nervosität, an das, was man eine „Brautnacht“ nennt, aber mein Herz klopfte völlig anders – als würde jemand gehetzt die Treppe hinunterpoltern. Dann sagte Margot ohne jede Vorrede: „Heinz, ich muss dir etwas zeigen. Ich will nicht, dass du es siehst und gleich einen Schreck bekommst. Hör einfach zu. Bitte.“
Ich stellte das Glas ab und blieb vor ihr stehen. Keine Ahnung, was ich erwartete, aber nicht das, was kam. Sie zog zuerst die Jacke aus, dann schälte sie den linken Ärmel hoch. Auf ihrem Unterarm, dicht unter dem Ellenbogen, zog sich eine blasse, gezackte Linie wie ein verheilter Schnitt. Dann drehte sie sich um und ließ das Kleid über die Schultern gleiten. Es raschelte auf den Parkettboden, und ich sah, was ich bis dahin nicht hatte sehen sollen. Über ihren gesamten Rücken spannte sich ein Mosaik aus Narben. Manche schmal und weiß, andere erhaben und rötlich, als wäre ein Eisen daraufgedrückt worden. Zwischen den Schulterblättern eine runde, abgegrenzte Stelle, die aussah, als hätte etwas gebrannt. Eine Rippe, die etwas nach außen stand, verriet, dass sie wohl einmal gebrochen war.
Mir fuhr ein Ruck durch den Körper. Nicht aus Ekel – aus Wut und aus etwas, für das ich kein Wort finde. Meine Kehle war wie mit Sand verstopft. Ehe ich etwas sagen konnte, erzählte sie. Es sprudelte, fast ohne Punkt und Komma, als würde eine Schleuse aufgerissen.
Ihr Mann, den sie mit zwanzig heiratete, war ein angesehener Kölner Anwalt, ein Mensch, vor dem jeder den Hut zog. In den Akten war er ein Star, zu Hause ein anderes Wesen. Zuerst waren es nur einzelne Tritte, ein Stoß an den Kühlschrank, weil das Essen nicht rechtzeitig auf dem Tisch stand. Später lernte sie, bei geschlossenen Gardinen lautlos zu weinen, damit die kleine Tochter nicht wach wurde. Margot schaffte es, selbst im Hochsommer langärmlige Blusen zu tragen und zu erklären, sie vertrage die Sonne nicht. Die Schwangerschaft mit dem Sohn verschlimmerte alles: Er riss sie an den Haaren, wenn sie vor Müdigkeit einschlief, und schloss sie einmal den ganzen Nachmittag auf den unbeheizten Dachboden ein. Ihre Eltern in Osnabrück bekamen nur Sonntagsanrufe, in denen sie flunkerte, es gehe ihnen blendend. Arrogant zu fragen, ob sie nicht einfach abhauen konnte, wäre zu einfach gewesen: Er kontrollierte ihre Schlüssel, ihre Bankkarte, er zählte das Wechselgeld in ihrer Brieftasche nach und drohte, wenn sie abhaue, hole er die Kinder. Die Tochter haute mit 17 zu einer Freundin in Hamburg ab, der Sohn blieb und warf sich einmal als Junge schützend dazwischen; danach wurde er leise, und Margot sagte, sie habe nie wieder in seinen Augen gelesen, was er fühlte. Der Albtraum endete vor sechs Jahren. Ihr Mann kippte bei einer Mandantenfeier um: Schlaganfall, kurz und endgültig. Nach der Beerdigung holte sie Luft, als wäre sie unter Wasser gewesen.
Tränen liefen mir übers Gesicht, ich wischte sie nicht fort. Ich setzte mich neben sie, nicht zu schnell, nur dass die alte Matratze nachgab. Ich sagte nichts. Was soll ein Mensch auch sagen, der vorher dachte, Gerechtigkeit sei etwas, das man mit einer neuen Heizungstherme herbeiführen kann? Irgendwann hob ich die Hand und berührte mit den Fingerspitzen ganz sachte die kleine Brandnarbe auf ihrer Schulter. Ihre Haut war kühl, aber sie bebte nicht. Dann atmete sie aus, als hätte sie zum ersten Mal seit Jahren Luft in den untersten Lungenflügeln.
„Leg dich hin, Margot. Schlaf einfach. Ich bleibe hier. Keine Angst mehr.“ Mehr fiel mir nicht ein. Sie kroch unter die Decke, und ich setzte mich in den Sessel neben dem Bett, den ich noch mit dem Sommermantel meiner verstorbenen Frau drapiert hatte. Das Fenster stand einen Spalt offen, und vom Bleicherweg wehte das Quaken eines Entenpaars vom Mühlenteich herauf. Es dauerte nicht lange, und ihr Atem wurde gleichmäßig, tief, ohne dieses ruckartige Einsinken der Brust, das ich von meiner eigenen Schlaflosigkeit kannte. Sie schlief so ruhig, dass der Wecker daneben nicht einmal ticken wollte.
Die eigentliche Hochzeitsnacht, stellte ich fest, war nicht das, was man erwartet. Sie war nicht durchkreuzt, sie war anders. Der Moment, in dem wir wirklich heirateten, war der, als sie aufstand und mir ihr ganzes Elend ausbreitete, ohne die geringste Garantie, dass ich bleiben würde.
Heute, mehr als ein Jahr später, steht ihre Kaffeetasse neben meiner in der Spülmaschine, und wir haben einen gemeinsamen Kalender am Kühlschrank, vollgekritzelt mit Terminen bei Hautärzten und Physiotherapeuten. Margot hat angefangen, sich um den kleinen Kräuterbalkon zu kümmern, und neulich brachte sie einen Efeu aus dem Baumarkt mit, der nun die ganze Südwand hochklettert. Wenn sie nachmittags in der Sonne sitzt und die Augen zufallen, ziehe ich ihr manchmal leise die Strickjacke über die Schultern. Sie schmunzelt dann, und manchmal zeigt sie auf den alten Nachbarshund Wotan und sagt: „Der hat einen besseren Anzug als du zur Trauung.“ Wir kichern blöd, und nichts fühlt sich schwer an.
Ich habe gelernt, dass Zuneigung oft darin besteht, einen Menschen nicht zu verändern, sondern einfach danebenzusitzen, wenn er den Panzer ablegt. Und der Blick, den sie mir beim Frühstück zuwirft, ruhig und ohne den kleinsten Schatten, reicht für den ganzen Tag.
