Er stand in unserer Einfahrt in Kiel und wuchtete einen Koffer in den Kofferraum seines alten Volvo, und es hätte fast komisch ausgesehen, weil es an einem Dienstagmorgen geschah, Punkt acht, als wäre er ein Paketbote. Ich lehnte am Türrahmen, den Bademantel noch um, und sah zu, wie er die Reisetasche mit den Hemden hinterherschob. Er hatte sie selbst gefaltet. Nicht ich. Das war das erste Mal seit siebzehn Jahren, dass er ein Hemd nicht als verschwitzten Ball in die Wäschetonne stopfte.
„Die Unterlagen vom Carport liegen noch auf dem Dachboden“, sagte er. „Ich komme die Woche noch mal vorbei und hole sie.“
„Ist gut.“
„Und die Angelausrüstung von Papa. Die steht noch im Keller.“
„Mach einfach, wie du denkst, Markus."
Er richtete sich auf und schloss den Kofferraum. Sein Kinn war ein bisschen vorgeschoben, wie bei jemandem, der einen Preis entgegennimmt. Dann sagte er den Satz, den er offensichtlich geübt hatte: „Anna, ich muss dir was sagen. Ich habe jemanden kennengelernt. Und… ich fühle zum ersten Mal, dass ich wirklich lebe. Es tut mir nicht leid, denn es ist das einzig Wahre, was mir je passiert ist. Du warst immer stark und perfekt. Aber deswegen bist du auch nicht… weich."
Nicht weich. Ich hatte für ihn siebzehn Jahre lang das Essen gekocht, die Kinder zu den Ärzten geschleppt, seine Weiterbildung zum Steuerfachangestellten finanziert, während er abends auf dem Sofa Motorradmagazine las. Ich hatte ihn nach einer Gürtelrose zwei Monate lang eincremt, während er jammerte, und die Überstunden für die Anzahlung unseres Hauses geschuftet. Er hatte also recht. Ich war wirklich nicht weich. Weich war etwas anderes.
„Sie heißt Tamara. Wir machen zusammen ein Projekt auf. Eine Art Studio für energetische Körperarbeit."
Ich starrte auf den Riss im Beton der Auffahrt.
„Anna? Sag doch was."
Ich zog den Bademantel fester. Ein Schiff tutete unten am Hafen, es klang wie immer um diese Zeit.
„Wann holst du die Sachen aus dem Keller?"
Das war’s. Er stieg ein und fuhr los. Einfach so.
Die ersten Tage tat ich gar nichts. Ich saß nur rum. Den Müll brachte ich runter und am dritten Tag kochte ich einen Topf Rote-Bete-Suppe. Dann noch einen. Meine Nachbarin Isa rief vom Balkon rüber, sie bräuchte dringend Zucker. Ich gab ihr Zucker, und dann auch noch ein Glas von der Suppe. Sie starrte die Gläser an, sah mich an und sagte nichts. Man riecht das ja, wenn bei jemandem das Leben gerade in Scherben liegt. Es riecht nach zu viel gekochtem Essen und zu viel Stille.
Am fünften Tag klingelte meine Tochter Luisa. Sie studiert in Hamburg Medienwissenschaften.
„Mama, Papa hat mir auf Instagram geschrieben.“
„So?“
„Er postet jetzt Videos in so ganz weiten weißen Hosen. Er sitzt im Schneidersitz und hält die Handflächen nach oben. Da stehen Sachen drunter wie ‚Dankbar für die Schwingungen des Lebens‘ und lauter solche Sprüche."
Ich musste lachen, ein Geräusch wie eine kaputte Türklingel.
„Papa? Der Mann, der nicht mal auf dem Teppich sitzen konnte, weil er Rücken hatte?"
„Ja. Und der jetzt barfuß durch den Regen läuft und schreibt: ‚Die Feuchtigkeit küsst meine Seele‘."
Wir kicherten.
„Mama, geht’s dir gut?“
Ich sah auf den Stapel Tupperdosen vor mir.
„Ach, alles bestens. Ich koche mich durch die Apokalypse. Heute gab’s Linseneintopf."
Luisa schwieg kurz. Dann: „Welche Farbe haben die Linsen?“
„Rot, glaub ich."
„Rote Linsen. Okay. Ist also Stufe sechs von zehn."
Luisa kennt mich. Als Markus damals die Abfindung nicht bekam, hatte ich drei verschiedene Sorten Marmorkuchen in einer Woche gebacken. Das ganze Haus roch nach Vanille, und Markus fragte nach drei Tagen, ob wir ein Café eröffnen würden. Nein, wir eröffneten kein Café. Wir begruben nur still den letzten Rest Hoffnung auf ein ehrliches Leben mit vollem Kühlschrank.
Eine Woche nach seinem Auszug löschte Markus alle Fotos, die mit mir zu tun hatten. Unser Sommerurlaub in Dänemark, Luisas Einschulung, seine eigene Geburtstagsfeier, wo ich den Kuchen in Form einer Gitarre gebacken hatte, weil er mal kurz in einer Coverband spielte. Irgendwann in den Jahren danach hatte ich aufgehört, aufzuzählen, was ich alles gebacken und organisiert hatte.
Dafür erschienen neue Bilder. Markus in einer Leinenhose vor einem Traumfänger. Markus mit geschlossenen Augen, einen Rosenquarz auf dem Herzen, darunter stand: „Ich vergebe mir selbst. Und allen, die mich in alten Mustern hielten." Alte Muster. Das war ich. Siebzehn Jahre.
Meine Freundin Silke, eine Krankenschwester mit null Geduld für Selbsterfahrungskram, schickte mir den Screenshot direkt mit zwei Kürbissymbolen dahinter.
„Der Mann, der einmal einen Weinkrampf bekam, weil der Wasserhahn tropfte und er den falschen Imbussschlüssel gekauft hatte?"
„Genau der.“
„Und der jetzt ‚in seine Kraft kommen‘ will?“
Sie gab ein Geräusch von sich, das man nicht buchstabieren kann.
In der Praxis war zum Glück genug zu tun. Ich bin Physiotherapeutin, eigenes Praxisräumchen im Stadtteil Schreventeich, und dieses Jahr gab es so viele Kassenanträge und Abrechnungen, dass ich kaum zum Luft holen kam. Das war gut so. In der Mittagspause saß ich auf der Bank am Wilhelmplatz, aß eine Fischsemmel und dachte an den Tag zurück, als meine Mutter kurz nach Papas Tod zu mir gesagt hatte: „Ein Mann, der dich verlässt, ist kein Mann, der dir fehlen sollte." Ich war vierzehn und verstand es nicht. Heute verstand ich es, und es schmeckte trotzdem bitter.
Der Anruf kam an einem Sonntagmorgen um viertel nach sieben. Ich war gerade mit dem Kaffee zurück im Bett, ein seltener Luxus. Mein Handy summte, und der Name „Ex-Mann" leuchtete auf. Ich hatte ihn nach der Scheidung nie geändert, vielleicht aus purer Faulheit.
„Anna?“
„Guten Morgen, Markus."
„Stör ich?“
„Es ist Viertel nach sieben."
Er räusperte sich. Im Hintergrund plärrte eine dieser Meditationsmusik-Schleifen, wo alle zwei Minuten ein Gong ertönt.
„Ich muss dich was fragen. Tamara hat ein unglaubliches Angebot bekommen. Ein Loft in der Innenstadt, perfekt für ihr Zentrum. Aber die Kaution und der erste Mietteil… ihr fehlen noch zwanzigtausend Euro."
„Zwanzigtausend", wiederholte ich.
„Nur als kurzfristiges Darlehen. Wir reden von sechs Monaten, dann ist das Ding refinanziert. Ich weiß, du hast was auf der hohen Kante."
Ich stellte die Kaffeetasse auf dem Nachttisch ab, genau neben den Stapel ungelesener Abrechnungen. Der Wind drückte gegen die Fensterfront, irgendwo unten klapperte eine lose Mülltonne.
„Markus, du hast mich verlassen, weil du das Gefühl hattest, ich würde dein Leben in Beton gießen."
„Anna, das hat doch nichts…"
„Du hast geschrieben, ich hielte dich in alten Mustern. Du hast ein Video gepostet, auf dem du ein rohes Ei über deinem Kopf zerschlägst und es runterlaufen lässt, weil das ‚Schlacken löst‘."
Er schwieg beschämt.
„Und jetzt, drei Wochen später, rufst du mich an und willst zwanzigtausend Euro für die Miete der Frau, die dir beigebracht hat, Eier auf dem Kopf zu zerschlagen?"
„Die Energie zwischen uns war einfach…"
„Markus. Du kriegst keine zwanzigtausend Euro von mir. Rühr deinen Rosenquarz an und frag das Universum, ob es dir ein Darlehen gibt. Und jetzt entschuldige mich, mein Kaffee wird kalt."
Ich legte auf. Der Gong im Hintergrund verhallte in meinem Ohr wie ein schlechter Scherz. Mein Kaffee dampfte noch, und als ich ihn trank, war er genau richtig. Stark und ein kleines bisschen zu bitter.
Zwei Stunden später rief Luisa an.
„Mama, hat Papa dich auch angerufen?“
„Ja. Wollte zwanzigtausend."
„Bei mir waren es fünftausend. Von meinem Bafög, Mama. Von meinem Bafög!"
„Was hast du gesagt?“
„Ich hab gesagt: Papa, dass du dich umbenennst und die Haare mit Henna färbst, ist deine Sache. Aber mein Bafög kriegst du nicht, um die Wohnung von dieser Schamanin zu bezahlen. Dann hat er was von ‚fehlender Familienenergie‘ gefaselt und aufgelegt."
Ich saß auf der Bettkante und sah auf den Hafen hinaus, wo die Fähre gerade ablegte. Wasser war immer gut, um den Kopf frei zu kriegen. Vielleicht sollte ich heute ins Schwimmbad gehen.
Die Info kam nicht von Luisa und nicht von Silke. Sie kam von einer Frau namens Katrin, die sich am Montag in meiner Praxis auf die Matte legte. Eigentlich war sie wegen ihrer Halswirbelsäule da, aber als sie meinen Namen auf dem Kittel las, zuckte sie zusammen.
„Schade, dass Sie nicht mehr verheiratet sind. Ihr Mann… Exmann… war in meinem Yogakurs. Der mit dem schwarzen Volvo, oder?“
Ich hielt kurz inne, die Hände an ihren Schultern.
„Ja. Kann sein, der mit dem schwarzen Volvo."
„Die Tamara hat ihn richtig in die Mangel genommen. Er hat drei Einzelstunden die Woche gebucht, jede Stunde kostet neunzig Euro. Plus Kristallanalysen. Ein Typ mit Goldrandbrille vor ihm hat vor einem halben Jahr den gleichen Zirkus durchgemacht, danach war der einundzwanzigtausend Euro los und saß auf einem kaputten Konto."
„Mein Exmann saß nicht auf einem kaputten Konto", sagte ich langsam, während mein Finger den verspannten Muskel neben ihrem Wirbel fand.
„Aber bald, glauben Sie mir. Tamara ist berüchtigt. Die liest den Männern jeden Euro von den Rippen, und wenn nichts mehr da ist, sind sie plötzlich in ihrer ‚Energie blockiert‘ und werden aus dem Kurs geworfen."
Ich massierte ihren Nacken noch gründlicher als sonst. Sie stöhnte vor Erleichterung und redete weiter: „Der Erste hat seine Eigentumswohnung verkauft. Der Zweite seinen Oldtimer. Mal sehen, was Ihr Mann verkauft, wenn er anfängt zu betteln."
Meine Hände arbeiteten mechanisch weiter. Verkaufen. Das Haus in Schreventeich lief noch auf meinen Namen. Meine Oma hatte mir das Grundstück damals überschrieben, ich hatte den Kredit allein abbezahlt. Markus hatte nie etwas eingebracht, nicht mal die Notarkosten für den Eintrag im Grundbuch, weil „du das ja geerbt hast, es fühlt sich komisch an, wenn ich da mitbezahle."
Katrin setzte sich auf, reckte den Hals.
„Wow. Sie haben Zauberhände. Nichts gegen Tamara, aber bei der habe ich nur die Kraft des Feuers gespürt. Und den Druck meiner Kreditkarte."
Die Scheidung lief ohne Theater. Das Haus gehörte mir, unser gemeinsames Konto war eh fast leer gewesen, der Volvo stand auf seinen Namen. Als er die Papiere bekam, schickte er eine Nachricht, die ich in einem Rutsch las und sofort löschte:
„Du ziehst also in den Krieg. Ich bin in einer Transformationsphase und brauche Unterstützung von den Menschen, die ich liebe. Stattdessen bestrafst du mich. Das Universum wird es dir danken, und ich vergebe dir. Ich umarme dein Herz im violetten Licht."
Ich legte das Handy in den Küchenschrank und machte die Tür zu. Dann holte ich die übrig gebliebenen Linsen aus dem Kühlschrank und fing an, Gemüse für einen Auflauf zu schneiden. Die Zwiebeln brannten in meinen Augen und plötzlich liefen Tränen, und ich ließ sie laufen, während ich die Möhren raspelte und der Herd langsam heiß wurde. Meine Hände rochen nach Knoblauch und Thymian, ganz ehrlich und real, und das violette Licht konnte ihnen nichts anhaben.
Drei Monate später, im Februar, sah ich ihn wieder. Ich stand im Edeka in der Holtenauer Straße an der Kasse, hinter mir ein Typ mit zwei Dosen Bier und einer Packung Käse. Ich drehte mich um, und da stand Markus. Seine Henna-Haare waren rausgewachsen, die Wurzeln dunkel und fettig. Die weißen weiten Hosen trugen an den Knien Flecken. Er hielt nur eine Tiefkühlpizza und eine Rolle Klopapier in der Hand. Keinen Korb. Nur das, was in die Hände passte.
Er hob den Blick, erkannte mich und erstarrte. Sein Mund öffnete sich, als wollte er ein Wort formen, aber da war nichts. Nur der schale Geruch von kaltem Rauch und billigem Waschmittel, der von seiner alten Jacke ausging. Er wohnte wieder bei seinem Kumpel Jörg, das hatte Luisa erzählt. Tamara hatte ihn rausgeschmissen, als das Geld ausging. Das Studio in der Innenstadt war nie eröffnet worden, die Investorengelder angeblich auf einem Konto in Portugal verschwunden.
Ich legte meinen Joghurt und den Lachs aufs Band.
„Einmal Karte bitte", sagte ich zur Kassiererin.
Er trat einen Schritt vor, zögerlich wie ein Junge.
„Anna. Schön, dich zu sehen. Ich wollte wegen der Steuererklärung vom letzten Jahr noch…"
„Nicht, Markus."
Er blinzelte, und sein Kiefer mahlte. Er sah aus wie jemand, der seit Wochen auf einem Sofa schlief, das nicht seins war. Seine Hände zitterten ganz leicht. Einmal, vor vielen Jahren, hatten wir auf diesem Sofa gesessen, und er hatte meine Hand genommen und gesagt: „Wir sind ein gutes Team." Damals hatte ich es geglaubt.
Ich steckte die Karte ins Lesegerät, tippte meine PIN ein und nahm meine Einkaufstüte.
„Wegen der Steuererklärung schick mir eine E-Mail", sagte ich, und dann ging ich zum Ausgang.
Draußen pfiff der Wind um die Plattenbauten, und die Luft roch nach dem nahen Wasser der Förde. Ich blieb kurz stehen, um meinen Schal fester zu ziehen, dann lief ich nach Hause. An der Ecke kroch der Nachbarskater unter einem Auto hervor und strich mir um die Beine. Ich musste nicht mehr zählen, wie viele Tage es her war. Das Datum spielte keine Rolle mehr, nur dass ich heute noch einen Patienten hatte und danach mit Silke ein Glas Wein trinken würde. Den guten Grauburgunder, den ich mir neulich im Angebot gekauft hatte.
Zu Hause legte ich den Lachs in den Kühlschrank und machte das Fenster einen Spalt auf, um den Essensgeruch von gestern rauszulassen. Von irgendwoher wehte Musik herüber, jemand spielte Klavier. Es klang schief und schräg, aber irgendwie auch fröhlich, als würde jemand einfach aus Spaß auf die Tasten hauen. Ich wischte die Arbeitsplatte ab, summte leise mit und freute mich auf den Abend.
