Die Bratapfellüge

Es war einer dieser Dezemberabende, an denen sich die Kälte Ostberlins unter die Haut frisst. Der S-Bahnhof Lichtenberg war fast leer. Die Anzeigetafel flackerte. S7 – Ausfall. S75 – Ausfall. Routine im Berliner Winter. Ich rieb meine Hände aneinander und überlegte, ob ich mir für 22,40 das Taxi nach Hause leisten könnte.

Auf der Bank neben dem Fahrkartenautomaten saß eine alte Frau.

Sie hatte zwei dieser typischen blau karierten Einkaufstaschen neben sich stehen. Der Stoff war ausgebleicht und an den Henkeln geflickt. Sie starrte nicht auf ihr Handy wie alle anderen – sie schaute auf das Gleisbett, als würde ihre ganze Kraft in dieser reglosen Haltung liegen. Ihre Winterjacke war zu dünn für diese Temperaturen. Die Strickhandschuhe hatten Löcher am Zeigefinger.

Ich ging vorbei. Ich war müde. Acht Stunden Beratungsgespräche mit Klienten, die nicht wussten, was sie wollten, aber genau wussten, dass sie es sofort brauchten.

Ein paar Schritte weiter blieb ich stehen. So ein Ziehen im Magen. Nicht Mitleid – eher dieses merkwürdige Gefühl, dass man sich später Vorwürfe machen würde.

Ich drehte um.

„Entschuldigen Sie – warten Sie auf jemanden?“

Sie hob den Kopf, als hätte sie nicht mehr damit gerechnet, überhaupt angesprochen zu werden.

„Ach, wissen Sie … der letzte Bus nach Schöneiche ist schon weg. Ich war beim Arzt in der Charité. Die Untersuchung hat so lange gedauert.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Meine Tochter wohnt in Hamburg. Ich wollte sie nicht anrufen deswegen. Ist ja Unsinn, dass sie dreihundert Kilometer fährt wegen sowas.“

Ihre Stimme war leise, fast ein bisschen brüchig. Nicht weinerlich. Eher wie ein altes Radio, bei dem der Empfang schwankt.

Ich schaute auf die Uhr an meinem Handgelenk. 23:14. Die Heizstrahler am Bahnsteig waren längst aus.

„Ich rufe Ihnen ein Taxi, Frau …“

„Lorenz. Elfriede Lorenz.“ Sie richtete sich ein wenig auf. „Nein, Kind. Das ist viel zu teuer. Ein Taxi bis Schöneiche. Das kostet doch …“

„Ist mir egal. Um die Uhrzeit fährt nichts mehr, und hier können Sie nicht übernachten.“ Ich hatte die App schon offen. Free Now kam in vier Minuten. Achtzehn Euro – weniger als das morgendliche Frust-Croissant mit Latte macchiato im Büro.

Während der Fahrt redete sie.

Nicht viel. Aber das Wenige setzte sich sofort in mir fest. Ihr Mann – vor zwölf Jahren gestorben. Lungenkrebs. Die Tochter leitete eine Werbeagentur in Hamburg. Zweimal im Jahr zu Besuch, meistens nur für einen Nachmittag. Enkelkinder, die ihre sächsische Mundart nicht mehr verstanden und beim Abendessen nur noch auf ihre iPads schauten.

„Wissen Sie, was das Schlimmste ist am Altwerden?“, fragte sie und schaute aus dem Fenster. Die Plattenbauten von Marzahn zogen vorbei.

„Die Schmerzen?“, riet ich.

„Dass man den Leuten nicht unangenehm sein will. Keiner will zur Last fallen. Also fragt man nicht. Und irgendwann fragt einen selbst auch keiner mehr.“

Sie sagte das ganz sachlich. Ohne Vorwurf. Fast so, als würde sie mir erklären, wie man Kohlrouladen macht.

Ihr Haus in Schöneiche war klein. Ein Siedlungshaus aus den Dreißigern, der Putz an der Ostseite blätterte. Aber drinnen: blitzblanke Fensterbänke. Selbstgehäkelte Deckchen auf der Kommode. Geruch nach Kernseife und Äpfeln. Auf dem Küchentisch stand ein Teller mit Streuselkuchen unter Frischhaltefolie. Daneben ein Wasserglas mit Astern aus dem Garten – im Dezember.

„Setz dich, Kind. Ich mach uns Tee. Ist nur Pfefferminz, aber der ist von meiner Schwester aus dem Erzgebirge. Viel besser als diese Beutel aus dem Supermarkt. Ich bin dort aufgewachsen, in Ehrenfriedersdorf. Seit fünfundsechzig Jahren wohne ich nun in Brandenburg, aber die alten Berge vermisse ich immer noch, wenn ich den Tee aufbrühe.“ Sie stellte den Kessel auf den Herd – einen alten Gasherd, bei dem man die Flamme noch mit einem Zündholz anmachen musste. Ihre Hände zitterten leicht, als sie die Tassen aus dem Schrank nahm. Ich wollte aufstehen und helfen, aber irgendetwas hielt mich zurück. Eine innere Gewissheit, dass sie das selbst machen wollte. Dass das ihre Würde war.

Als ich ging, drückte sie mir ein Einmachglas in die Hand.

„Bratapfelmarmelade. Selbst gemacht. Von dem Baum hinten im Garten. Der trägt jeden Herbst so viel, dass ich gar nicht weiß wohin damit. Nimm. Bitte. Ich besteche dich ja nur, damit du wiederkommst.“ Sie lachte dabei, aber ich sah, dass sie eigentlich meinte, was sie sagte.

Ich versprach es nicht. Ich bin keine Freundin von leeren Versprechungen. Ich sagte nur: „Ich schaue mal am Wochenende vorbei, Frau Lorenz. Wenn ich in der Gegend bin.“

Ich wohne in Prenzlauer Berg. Schöneiche ist in keiner Gegend, in der ich je bin.

Fünf Tage später klingelte es an meiner Wohnungstür. Ich erwartete ein Paket. Aber es war ein Mann. Ende fünfzig, kurze graue Haare, teurer Mantel, Billig-Sneaker. Das Gesicht von jemandem, der zu wenig schläft und zu viel Kaffee trinkt.

„Frau Wagner?“

„Ja?“

„Ich bin Andreas, der Schwiegersohn von Elfriede Lorenz. Meine Frau – also, die Tochter – hat mir Ihre Adresse gegeben. Die Taxi-App hat die Fahrt gespeichert, und sie hat in Hamburg nachgehakt, was ihre Mutter da mitten in der Nacht mit einem Taxi …“ Er winkte ab. „Ach, ist nicht wichtig. Jedenfalls: Meine Schwiegermutter redet seit Tagen nur von Ihnen. Die junge Frau vom Bahnhof. Die mich nach Hause gebracht hat. Die sich nicht heimlich gedacht hat: ‚Wann hört die Alte endlich auf zu labern?‘“

Ich stand mit einem Fuß auf der Türschwelle und wusste nicht, wohin mit meinen Händen.

Er reichte mir eine kleine Papiertüte von Edeka. Kein Geschenkpapier.

„Das ist von ihr. Hat sie Ihnen gestrickt. Sie sitzt jeden Abend vor dem Fernseher und strickt. Sagt, das beruhigt sie. Aber in den letzten drei Tagen hat sie nichts anderes gemacht als das hier. Meine Frau ist fast verrückt geworden, weil sie ständig anrief und fragte, ob die Wolle auch weich genug sei für junge Leute.“

Ich schlug die Tüte auseinander. Ein Paar Socken. Pulswärmer. Dunkelblau, mit einem feinen grauen Rand. Am Knöchel ein kleines gesticktes W. Kein Wolle-Label, kein Markenname. Aber so weich, dass man sie am liebsten nie mehr ausziehen wollte.

Mein Daumen fuhr über das gestickte W. Eine Zeitlang stand ich einfach so, das Geschenk in beiden Händen. Als ich aufsah, war der Schwiegervater schon die Treppe hinunter, ohne ein weiteres Wort.

So fing es an.

Erst sonntags zum Kaffee. Dann mittwochs, weil Frau Lorenz mittwochs immer zum Einkaufen in den Netto ging und der Einkaufswagen so schwer war. Dann auch mal samstags, weil im Garten so viel Unkraut wuchs und sie nicht mehr richtig bücken konnte. Ihre Rosenstöcke sahen aus wie Dornengestrüpp, und ich, die in ihrem Leben noch nie einen Spaten angefasst hatte, stand da und grub Beete um, als hätte ich nie etwas anderes getan.

An einem dieser Nachmittage stieß mein Spaten auf eine dicke Wurzel. Ich blickte auf. Der Apfelbaum, den sie mir beim ersten Besuch gezeigt hatte, warf kaum noch Schatten. Dürre Äste ragten in den Himmel, eine Leiter lehnte nutzlos am Stamm. Ein paar vertrocknete Blätter hingen noch daran. Viel zu wenig für die Marmeladenmenge, aus der sie jedes Jahr zwei Dutzend Gläser kocht. Sie saß auf der Bank und sah mir zu, als wüsste sie genau, was ich dachte.

„Der alte Herr da hinten“, sagte sie und deutete mit dem Kinn auf den Baum, „ist schon länger krank. Aber er steht doch noch ganz anständig da, finden Sie nicht?“

Ich sagte nichts. Ich riss eine Handvoll Brennnesseln aus und tat so, als wäre mir die Wurzel gleichgültig.

Einmal, nach ungefähr einem halben Jahr, saß ich mit ihr auf der Bank vor ihrem Haus. Wir hatten die Stiefmütterchen gepflanzt. Es war einer dieser ersten warmen Märztage, an denen die Sonne schon Kraft hatte, aber der Wind noch biestig über die märkischen Felder pfiff. Neben uns auf der Schaukel saß der Nachbarskater, ein fetter roter Kerl, den alle nur den Dicken nannten.

Frau Lorenz sagte plötzlich: „Weißt du, meine Tochter ruft jetzt jeden Abend an. Jeden einzelnen Abend. Ich glaube, sie hat Angst, es könnte sonst jemand anderes meine Tochter werden.“ Ihre Finger zupften einen losen Faden von der Schürze. „Dabei will ich niemandem etwas wegnehmen. Ich will nur, dass überhaupt jemand da ist.“

Ich schob den Eimer mit Unkraut zur Seite. „Vielleicht ruft sie nicht aus Angst, sondern aus schlechtem Gewissen an. Und irgendwann sitzt sie selbst auf dieser Bank, das wäre doch was.“

Sie antwortete nicht. Aber sie griff nach meinem Handgelenk und drückte es kurz, als wolle sie sich an etwas festhalten, das nicht aus Worten bestand.

Vier Monate später lag ich selbst im Krankenhaus. Blinddarm. Keine große Sache, aber ich hatte es zwei Tage ignoriert, bis es fast zu spät war. Meine Eltern leben in Portugal, Algarve. Freunde schrieben WhatsApp: „Gute Besserung! Melde dich, wenn du was brauchst.“ Pusteblumensmiley, Herz, betende Hände.

Am zweiten Tag, nachmittags um drei, als die Visite längst vorbei war, ging die Tür zu meinem Krankenzimmer im Vivantes Klinikum auf.

Leise, fast zögerlich.

Da stand sie. Im dunkelblauen Mantel, den ich noch vom ersten Abend kannte. In der einen Hand einen Gehstock mit silbernem Knauf. In der anderen einen Weidenkorb mit einem Tuch darüber.

Hinter ihr: der Pfleger, den sie offensichtlich überredet hatte, sie trotz Besuchszeit vorbeizulassen. Er hob entschuldigend die Schultern.

„Kind.“ Sie atmete noch schwer vom Treppensteigen. „Jetzt komm ich dran. Hast du mich damals mit genommen, nehm ich dich jetzt mit.“ Sie stellte den Korb auf meinen Nachttisch neben das unberührte Krankenhausessen: Schnitzel mit Ananas und Käse überbacken, das nach nichts schmeckte. Puderzucker war das einzige Gewürz, das die Küche kannte.

Sie zog das Tuch weg. Zwei Gläser. Einmal Bratapfelmarmelade. Einmal selbst gemachter Kirschsaft, in den sie ausdrücklich mit Kugelschreiber „ohne Zuckerzusatz – für die junge Frau Wagner“ geschrieben hatte. Daneben ein Stück Bienenstich, also richtiger, mit dicker Sahnefüllung und knusprigen Mandeln oben drauf.

„Die richtige Medizin kommt nicht aus der Apotheke“, sagte sie und richtete die Marmeladengläser so aus, dass die Etiketten genau zu mir zeigten. „Die kommt aus dem Ofen. Und aus dem Glas. Und manchmal …“ – sie deutete mit dem Kinn auf das leere Tischchen gegenüber – „…aus einem zweiten Stuhl. Denn eine, die redet. Und eine, die zuhört. Mehr braucht’s nicht.“

Ich nahm ein Glas in die Hand und las den Aufkleber – ihre Schrift, noch mit einem feinen Filzstift. Es stand nicht auf dem Etikett, aber ich hörte sie wieder: Von dem Baum hinten im Garten. Ich drehte das Glas eine Weile in den Fingern, bis der Inhalt schwer und dunkel gegen das Glas drückte. Mehr brachte ich nicht über die Lippen als ein leises, heiseres „Danke“, das sich anhörte, als hätte ich seit Tagen nicht gesprochen.

Zehn Tage nach meiner Entlassung fuhr ich wieder nach Schöneiche. Nicht, weil ich musste. Weil ich sehen wollte, ob sie mit ihrem Stock noch die Stufen vor dem Haus bewältigte.

Im Garten stand der dicke Kater auf dem Kompost. Und neben dem Rosenbeet – ein frischer Stumpf. Der Apfelbaum war verschwunden. Nur ein paar Sägespäne lagen noch im Gras, als hätte jemand die Arbeit erst vor Kurzem beendet.

Frau Lorenz saß auf der Bank, als hätte sie auf mich gewartet. Sie sprach, noch ehe ich den Mund aufmachte.

„Er musste weg. Schon vor zwei Jahren. Der Sturm hat ihn halb umgerissen, und der Rest war morsch. Ich hab die Marmelade immer aus gekauften Äpfeln gemacht. Boskoop, vom Wochenmarkt. Dieselbe Sorte. Aber gekauft.“ Ihre Stimme war ganz ruhig, kein Zittern. „Ich wusste, wenn ich sage: Die ist aus meinem eigenen Garten, dann hat das Gewicht. Dann nimmst du sie mit. Und wer ein Glas mitnimmt, kommt vielleicht ein zweites Mal vorbei. Es war … eine kleine Lüge. Mehr nicht. Aber eine, die mich gerettet hat, Kind. Die uns gerettet hat, wenn ich ehrlich bin. Ohne diesen Baum hätte ich dich vielleicht nie wiedergesehen.“

Ich setzte mich neben sie. Zwischen uns auf der Bank lag die Stelle, an der immer ihr Schal gelegen hatte. Ich sagte nichts. Ich hakte meinen kleinen Finger in ihren, ganz vorsichtig, als könnte der Knochen brechen.

Nach einer Weile murmelte sie: „Ach, und meine Tochter kommt jetzt jedes zweite Wochenende. Sie hat sogar versucht, die Marmelade nach meinem Rezept zu kochen. Ist ihr nicht gelungen. Aber sie bringt jetzt immer Boskoop-Äpfel mit. Frag mich nicht, warum Äpfel aus Hamburg, aber sie bestehen darauf.“

Ein Rotkehlchen landete auf dem Stumpf. Pickte nach keinem Wurm, saß einfach da, als hätte der alte Baum ihm eine neue Bühne gebaut.

Die Socken von damals trage ich heute noch. Sie sind an den Fersen jetzt dünner geworden, fast durchgescheuert. Aber jedes Mal, wenn ich sie anziehe, spüre ich diesen Moment: eine zugige S-Bahn-Station, Dezemberkälte und eine alte Frau auf einer Bank mit zwei blau karierten Taschen.

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Odissea
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