Ich brachte die Kinder zu meiner Schwiegermutter mit Koffern, Einkaufstaschen und der festen Überzeugung, dass ich etwas völlig Normales tat.
Der Kindergarten in Dresden schloss wegen Renovierung für sechs Wochen. Mein Mann Stefan und ich konnten nicht so lange frei nehmen. Eine private Ferienbetreuung für zwei Kinder war unbezahlbar. Also blieb Oma.
Inge wohnte in einem Dorf bei Meißen. Ein kleines Haus, Garten, Johannisbeeren, ein alter Hund in der Nachbarschaft. Unser fünfjähriger Emil und die dreijährige Lotta liebten sie. Bei Oma gab es Pfannkuchen, Gartenschlauch im Sommer und Geschichten darüber, wie Stefan als Kind in den Hühnerstall gefallen war.
Als Inge das Gartentor öffnete, lächelte sie die Kinder an. Dann sah sie die Koffer.
— Wann holt ihr sie wieder?
— Wenn der Kindergarten öffnet, sagte ich.
— Inge runzelte die Stirn. Wann ist das?
— In sechs Wochen.
Sie sah Stefan an. Er sah weg.
Da begriff ich, dass mein Mann nicht das gesagt hatte, was er mir erzählt hatte.
— Stefan sagte, es ginge um ein paar Tage.
Ich spürte, wie mir heiß wurde.
— Aber es sind doch Ihre Enkel, sagte ich.
Inge blieb ruhig.
— Ja. Und gerade deshalb möchte ich sie nicht unter falschen Voraussetzungen bekommen.
Wir setzten uns in die Küche. Die Kinder tranken Saft. Emil wollte sofort in den Garten, Lotta klammerte sich an mein Bein. Inge faltete die Hände auf dem Tisch.
— Ich nehme sie gern am Wochenende. Zwei Tage. Mit Freude. Aber sechs Wochen mit zwei kleinen Kindern sind kein Besuch. Das ist Vollzeitbetreuung.
— Früher waren Kinder den ganzen Sommer bei den Großeltern, sagte ich.
— Früher haben viele Frauen Dinge getan, weil niemand sie gefragt hat.
Stefan gestand, dass er nur von „ein bisschen bleiben” gesprochen hatte. Er hatte Angst gehabt, seine Mutter würde sonst Nein sagen.
— Also wusstest du, dass es zu viel ist, sagte ich.
Er schwieg.
Wir fuhren mit den Kindern wieder nach Hause. Ich war wütend, aber später wurde aus Wut Scham. Ich hatte Inges Liebe für selbstverständlich gehalten. Nicht aus Bosheit. Aus Erschöpfung. Aber Erschöpfung macht Unrecht nicht gerecht.
Am Abend machten Stefan und ich einen echten Plan. Er nahm zwei Wochen Urlaub. Ich handelte Homeoffice aus. Wir fanden eine Tagesmutter für einzelne Nachmittage. Ein Teil der Zeit wurde durch ein günstiges Ferienprogramm abgedeckt. Inge nahm die Kinder schließlich für neun Tage — mit klaren Daten, Geld für Lebensmittel und Stefans Zusage, am Wochenende mitzuhelfen.
Beim zweiten Bringen hatte ich keine Koffer für sechs Wochen dabei. Nur eine Tasche, Blumen und den Mut, mich zu entschuldigen.
— Ich habe gedacht, Oma sein heißt, immer bereit zu sein.
Inge lächelte müde.
— Nein. Oma sein heißt lieben. Bereitschaft muss man trotzdem erfragen.
Seitdem planen wir anders. Früher. Ehrlicher. Wir fragen Inge nicht zwischen Tür und Angel, sondern richtig. Und wenn sie Nein sagt, ist das kein Drama mehr.
Die Kinder lieben ihre Oma nicht weniger.
Vielleicht sogar mehr, weil sie bei ihr nicht abgegeben werden, sondern willkommen sind.
