Marlene Brandt stellte den Wecker jeden Abend gegen halb elf ab, obwohl sie ihn längst nicht mehr brauchte. Seit fünf Wochen wachte in ihr etwas anderes auf – eine Unruhe, die pünktlich kam wie ein Bus, der nie hielt. Sie wohnte am Rand von Werder an der Havel, in einem Reihenhaus mit Garten, das sie vor dreißig Jahren mit ihrem Mann gebaut hatte. Er war seit sieben Jahren tot. Geblieben waren die Obstbäume, ein knarrender Gartenzaun und Certo, ein Mischlingsrüde mit einem weißen Ohr und einer schwarzen Linie über dem Rücken, als hätte jemand mit dem Pinsel darübergefahren.
Certo setzte sich jeden Abend nach zweiundzwanzig Uhr ans Törchen. Immer an dieselbe Stelle, den Kopf leicht erhoben, die Ohren nach vorn gerichtet, den Schwanz reglos wie ein liegendes Seil. Kein Bellen, keine Unruhe – nur dieses eine, geduldige Warten, das Marlene an Menschen auf dem Bahnsteig erinnerte, die auch eine halbe Stunde nach der angezeigten Ankunftszeit noch nicht gehen.
Sie war überzeugt, sie wisse genau, wen der Hund vermisste: ihren Sohn Jonas. Der war früher fast jedes Wochenende gekommen, mit Brötchen vom Bäcker in der Kirchstraße, manchmal mit einer Flasche Spreewälder Gurken, die sie sowieso selbst einlegte, aber er brachte sie trotzdem, als könne die Mutter das nicht mehr allein. Er rief schon von der Einfahrt: „Mama, bist du da?" – und das Haus wurde mit einem Schlag lauter, wärmer. Certo drehte dann durch, rutschte über den Fliesenboden im Flur, warf sich auf den Rücken vor die Tür und ließ sich den Bauch kraulen.
Dann heiratete Jonas Pia. Nicht, dass Marlene die Schwiegertochter nicht mochte – Pia war höflich, ordentlich, immer mit lackierten Nägeln und einem Seidentuch um den Hals, das nie ganz zu ihrem Alter passen wollte. Sie sagte „Mama Brandt" wie jemand, der eine geliehene Jacke trägt: Sie sitzt, aber irgendwie nicht richtig. Erst änderte sich nichts. Dann kamen die Ausreden. Renovierung. Piaeltern in Cottbus. Freunde mit Datscha am Schwielowsee. Ein anstrengender Monat im Büro. Aus jedem Wochenende wurde irgendwann jedes zweite, dann jedes dritte.
Am Donnerstag hielt Marlene es nicht mehr aus und rief an. Der Tee auf dem Küchentisch war schon kalt, ein halber Butterkeks lag unangerührt auf dem Teller. Draußen saß Certo, natürlich, am Zaun.
„Mama, ich hab nur zwei Minuten", sagte Jonas. Im Hintergrund hörte man Stimmen, eine Tür fiel zu.
„Du könntest kurz vorbeikommen. Nur für eine Stunde."
„Mama, ich hab bis Freitag einen Bericht fertig zu machen. Und Pia braucht Hilfe im Bad, da tropft schon wieder was."
Marlene schaute zum Fenster. Certos weißes Ohr leuchtete durch die Scheibe.
„Certo sitzt jede Nacht am Zaun", sagte sie.
Eine kurze Pause. Klein, aber Marlene spürte sie genau.
„Mama, das ist ein Hund. Der hört vielleicht Mäuse. Oder jagt Katzen."
„Er jagt niemanden, Jonas. Er wartet."
Ein Seufzer, müde, ein bisschen verlegen. Und in diesem Seufzer hörte Marlene das Unangenehmste heraus: Ihm war es unangenehm – aber nicht so unangenehm, dass er alles stehen und liegen ließ und kam.
„Ich versuch's nächste Woche, ehrlich", sagte er und legte auf.
„Versuchen" und „nächste Woche" – das waren inzwischen die Worte, mit denen jedes Gespräch endete.
Am Freitag beschloss Marlene, niemanden mehr anzurufen. Sie ging schon gegen neun in den Garten, setzte sich auf die Bank neben der Terrasse, eine Tüte Kürbiskerne in der Kofteltasche, und wartete. Auf was, wusste sie selbst nicht genau. Von den Apfelbäumen beim Nachbarn zog ein süßlicher Duft herüber, aus den Beeten roch es nach Dill und nassem Kraut, irgendwo brannte jemand Reisig, obwohl niemand zu sehen war, der etwas anzündete.
Um zweiundzwanzig Uhr vierzehn – Marlene sah extra auf die Uhr, als wäre die Zeit plötzlich ein Beweisstück – stand Certo auf. Streckte sich, schüttelte die Ohren, ging zum Zaun. Ohne Hektik, ohne Zögern. Ruhig, sicher, wie jemand, der jeden Tag denselben Arbeitsweg geht und ihn im Schlaf kennt.
Diesmal folgte Marlene ihm mit den Augen genauer. Und da bemerkte sie zum ersten Mal, wohin Certo eigentlich schaute. Nicht zur Straße, von der Jonas' Wagen sonst kam. Der Kopf war nach rechts gedreht. Zum Zaun zwischen den Grundstücken. Dorthin, wo das Haus von Hildegard Renner stand. Seit sechs Tagen dunkel.
Der Rettungswagen hatte Hildegard am Montag zuvor abgeholt. Marlene erinnerte sich genau: das blaue Blinklicht auf der nassen Straße, zwei Sanitäter, die Trage, von der immer wieder die Decke rutschte. Hildegard hatte etwas gesagt, aber Marlene hatte die Worte nicht verstanden. Sie war auf der eigenen Terrasse stehen geblieben, die Hand am Geländer, hatte über den Zaun geschaut. Nicht rausgegangen. Auf dem Herd kochte die Suppe über. Was hätte sie schon tun können, hatte sie sich damals gesagt. Nur im Weg stehen.
Hildegard lebte allein, leise, fast unsichtbar. Eine von den Nachbarn, von denen man jahrelang nur weiß, wann das Licht angeht und in welchem Monat sie die Baumstämme weißeln. Marlene grüßte sie morgens und abends über den Zaun, reichte manchmal ein Glas Gurken hinüber. Hildegard gab es zurück – gefüllt mit Kirschmarmelade, viel zu süß, als hätte sie beim Zucker nie gespart.
Marlene stand von der Bank auf, ging zu Certo. Der Hund saß, den Blick unverwandt auf das Nachbargrundstück gerichtet. Dunkle Fenster. Leerer Hof. Ein Schemel am Zaun, auf dem Hildegard abends gern gesessen hatte, in ihrer Steppjacke, den alten Gummistiefeln, das Kopftuch immer im Nacken verrutscht.
Am Fuß des Zauns, neben dem untersten Brett, entdeckte Marlene etwas Helles. Sie bückte sich. Brotkrümel, vermischt mit Erde. Manche schon aufgeweicht, manche frischer. Sie hatte sie schon einmal gesehen, am Mittwoch, beim Kehren – hatte sie einfach ins Gras gefegt, ohne nachzudenken. Zwischen den Brettern war eine Lücke, breit wie eine Handfläche.
Und plötzlich sah Marlene alles vor sich, so klar, als geschähe es gerade jetzt. Jeden Abend nach zweiundzwanzig Uhr, wenn Marlene schon vor dem Fernseher saß oder die Tasse spülte, ging Hildegard in ihren Hof hinaus. In der Steppjacke, mit einem halben Brot im Geschirrtuch. Setzte sich auf den Schemel, brach mit ihren rauen Fingern kleine, gleichmäßige Stücke ab und schob sie durch die Lücke. Und von dieser Seite kam Certo. Nahm das Brot vorsichtig, ohne Hast. Blieb dann liegen, die Nase an den Brettern, die Ohren auf die Stimme gerichtet. Und Hildegard erzählte ihm etwas. Vielleicht vom Tag. Vielleicht vom Blutdruck. Schimpfte über das Wetter, die Preise im Konsum. Egal, worüber – Hauptsache, sie sprach. Und Certo hörte zu.
Marlene setzte sich einfach in die feuchte Erde neben den Hund. Ihr wurde eigenartig unbehaglich zumute. Vor wem, wusste sie nicht. Vor Certo? Vor Hildegard? Vor sich selbst? Die ganze Zeit war sie sicher gewesen zu wissen, auf wen der Hund wartete. Hatte sich sogar ein wenig selbst bemitleidet wegen dieses Wartens. Und zwei Schritte weiter lief ein anderes Leben – leise, unauffällig, ohne Worte. Und sie hatte es nicht gesehen.
Vor einem Jahr hatte Hildegard einmal gefragt, welches Futter Certo am liebsten habe. „Das ganz gewöhnliche, aus dem Laden", hatte Marlene damals abgewinkt. Hildegard hatte genickt, nichts weiter gesagt. Und offenbar auf ihre Weise entschieden: Wenn nicht Futter, dann eben Brot.
Am nächsten Morgen wachte Marlene früher auf als sonst. Sie rief im Klinikum in Potsdam an, wartete lange in der Warteschleife, wurde von einem Stationsflur zum nächsten verbunden, bis jemand endlich das Zimmer fand. Sie schrieb die Zimmernummer auf die Rückseite eines alten Aussaatkalenders. Dann packte Äpfel und zwei Orangen in eine Tüte, band Certo im Schatten vor dem Klinikeingang an, wo er die Tür sehen konnte, und ging hinein.
Hildegard lag am Fenster. Ohne Steppjacke, ohne Kopftuch, wirkte sie plötzlich winzig. Fast durchsichtig. Die Hände auf der Decke so dünn, dass keine Kraft mehr in ihnen zu stecken schien.
„Marlene?", fragte sie überrascht. „Was ist passiert?"
„Nichts ist passiert", sagte Marlene schnell und hörte selbst, wie unbeholfen das im Krankenzimmer klang. „Ich bin einfach… vorbeigekommen."
„Wie geht's Certo?", fragte Hildegard leise.
„Er sitzt jede Nacht. Am Zaun."
Hildegard schloss die Augen, atmete langsam aus – so, als hätte sie diese Luft tagelang angehalten. „Ich dachte, er vergisst mich", sagte sie nach einer Pause.
„Hat er nicht."
Eine Woche später wurde Hildegard entlassen. Certo riss fast die Leine aus Marlenes Hand, als er sie am Törchen stehen sah, dünn, noch schwach, aber unbeugsam in ihrer alten Steppjacke. Er jaulte, der Schwanz ging wie ein Propeller. Hildegard lachte, heiser, aber sie lachte.
Von da an begannen die abendlichen Treffen am Zaun wieder – nur saß nun manchmal auch Marlene dazu, ein Stück abseits auf einem eigenen Schemel, und hörte zu, wie Hildegard von den Beeten erzählte, von den Ärzten, von den Tabletten „gegen den verflixten Blutdruck".
Jonas kam erst zwei Wochen später, mit einer Packung Pralinen aus dem Supermarkt in Werder. Er redete lange über die Arbeit, über Piaeltern, über den Stau auf der B1. Certo wedelte kurz mit dem Schwanz, dann stand er auf und ging zum Zaun.
„Was hat er denn?", fragte Jonas verwundert.
Marlene sah ihren Sohn an und beschloss, nichts zu erklären. Nicht die Krümel, nicht die Lücke im Brett, nicht das Krankenhaus.
„Er geht zu Besuch", sagte sie nur.
Am Sonntag darauf setzte sich Marlene an den Küchentisch, holte den alten Ordner mit den Hausunterlagen hervor und rief ihren Anwalt in Potsdam an. Vor zwei Jahren hatte sie, aus schlechtem Gewissen, eine Vollmacht unterschrieben – Jonas sollte im Notfall über ihr Konto verfügen dürfen, „nur für den Fall". Sechshundert Euro hatte er in den letzten drei Monaten abgehoben, ohne ein Wort zu sagen: zweimal für „was Kleines", einmal für die Werkstattrechnung seines Wagens. Sie hatte es beim Kontoauszug gesehen und geschwiegen, weil man über Geld mit dem eigenen Kind nicht streitet.
Jetzt legte sie den Ordner auf den Tisch, blätterte zur Vollmacht, unterschrieb den Widerruf, den ihr der Anwalt am Telefon diktierte, und faxte ihn noch am selben Nachmittag von der Postfiliale in der Kirchstraße. Die Frau am Schalter drückte ihr die Bestätigung in die Hand, ein schmales Blatt mit Sendeprotokoll. Marlene faltete es und steckte es zwischen die Seiten des Aussaatkalenders, genau dort, wo sie Hildegards Zimmernummer notiert hatte.
Als Jonas am nächsten Wochenende in die Bankfiliale ging, um wie gewohnt Geld für „die Anzahlung fürs neue Bad" abzuheben, sagte ihm die Sachbearbeiterin, die Vollmacht sei widerrufen. Er rief noch am selben Abend an, die Stimme höher als sonst.
„Mama, was soll das? Ich brauch das Geld für Pia, wir hatten doch abgesprochen—"
„Wir haben gar nichts abgesprochen, Jonas", sagte Marlene ruhig. „Du hast abgehoben, ich hab's gesehen."
Stille in der Leitung. Diesmal keine kurze.
„Komm vorbei, wenn du willst reden", sagte sie noch. „Ich bin da. Certo auch."
Sie legte auf, stellte den Ordner zurück ins Regal und ging in den Garten. Es war kurz vor zweiundzwanzig Uhr. Certo lag schon an der Terrassentür und wartete, bis sie sich neben ihn setzte. Von drüben, über den Zaun, kam Hildegards Stimme, leise, ohne Eile, mitten in einem Satz über den Dill, der dieses Jahr einfach nicht aufgehen wollte.
