Der Mann, der den Hund zurückließ

Ich habe die Geschichte tausendmal im Kopf durchgespielt, bevor ich sie aufgeschrieben habe. Nicht um mich zu rechtfertigen. Sondern weil ich es endlich loswerden muss. Es begann an einem Dienstagmorgen im August, als die Luft in unserer Altbauwohnung in Leipzig-Plagwitz schon um acht so dick war, dass der Kaffee nicht mehr half.

Katrin stand im Schlafzimmer und stapelte Sommerkleider auf dem Bett. Wir hatten zwei Wochen Ostsee gebucht. Rügen. Ferienhaus mit Terrasse, ein paar Meter vom Bodden. Kein Internet. Kein Büro. Keine Nachbarn, die wegen jeder Sicherung klopften.

„Jens, hast du die Buchungsbestätigung ausgedruckt?“, rief sie durch die offene Tür.

Ich saß am Küchentisch und scrollte durch Mails. „Alles im Handy. Fahr morgen früh um sechs los, dann sind wir mittags da.“

Der Hund lag auf seinem Platz neben der Heizung und schaute mir zu, wie ich den Reißverschluss der Laptoptasche zumachte. Ein brauner Mischling, den Katrin vor drei Jahren von einem Bauernhof bei Grimma mitgebracht hatte. Er hieß Rübe, weil er als Welpe aussah wie eine dicke Möhre mit Beinen. Keiner von uns hatte je gelernt, ihn „Hund“ zu nennen. Er war einfach Rübe.

„Und was machen wir mit ihm?“, fragte Katrin beim Einräumen der Kühlbox.

Ich zuckte mit den Schultern. „Der kommt klar. Wir stellen Wasser raus. Die Nachbarin füttert doch ständig die Katzen draußen.“

„Gertrud? Die ist doch fast achtzig.“

„Dann hat sie Zeit.“

Katrin legte einen Gürtel ins Gepäck und klappte den Deckel zu. Ich wusste, dass sie noch etwas sagen wollte. Stattdessen nahm sie die Sonnencreme aus der Kommode und warf sie in die Reisetasche. Rübe hob den Kopf, als das Schloss klickte.

Am nächsten Morgen stand er vor der Wohnungstür, die Schnauze auf den Flurmatten, die Rute schlug gegen den Schuhschrank. Er dachte, es geht wieder an den Cospudener See. Da war er schon oft mitgefahren, auf der Rückbank, der Sabber am Fenster.

„Rübe, Platz“, sagte Katrin. Ihr Ton war müde, nicht streng.

Der Hund blieb sitzen, wo er war. Ich schob ihn mit dem Knie zur Seite. „Geh weg da. Wir müssen runter.“

Im Treppenhaus war es kühl. Die Glühbirne im ersten Stock flackerte seit Wochen. Jemand hatte einen Zettel an die Haustür geklebt: „Bitte Mützen nicht vergessen – Sommerpause der Heizung.“ Ich drückte die Klinke, Rübe quetschte sich an meinem Bein vorbei ins Freie.

Er folgte uns bis zum Auto. Katrin stellte die Kühlbox in den Kofferraum und redete dabei mit ihm: „Du passt auf, ja? Wir sind bald wieder da.“ Ihre Stimme klang fast normal. Ich warf die Reisetasche hinter die Sitze und machte die Heckklappe zu. Der Hund stand am Bordstein, die Ohren halb aufgerichtet, der Schwanz pendelte, als warte er auf ein Signal.

„Steig ein“, sagte ich zu Katrin.

Sie sah den Hund an. Dann mich. „Sollen wir nicht wenigstens Gertrud Bescheid sagen?“

Ich hatte schon die Autotür offen. „Jetzt fahr ich. Wenn wir an der A9 sind, ist alles vergessen. Der Hund hat Wasser. Er hat Schatten. So ein Köter wird nicht gleich sterben.“

Ich setzte mich hinter das Steuer und ließ den Motor an. Im Rückspiegel sah ich, wie Rübe dem Wagen drei, vier Meter hinterhertrabte. Dann blieb er stehen, die Straße noch leer, der Asphalt schon warm von der Nacht. Katrin drehte sich nicht um. Sie strich mit dem Daumen über den Rand des Sicherheitsgurts und sagte kein Wort, bis wir auf der Autobahn waren.

In der zweiten Urlaubswoche lagen wir uns in dem Ferienhaus auf Rügen in den Haaren. Nicht wegen uns. Wegen des Wetters, der Mücken, des kaputten Mischventils im Bad. Und wegen eines Bildes, das mir nicht aus dem Kopf ging: ein Hund, der an einer Bordsteinkante steht und wartet. Ich erzählte Katrin nichts davon. Sie hätte es als Schuldeingeständnis verstanden, und Schuldeingeständnisse waren wir uns nicht gewohnt.

Als wir zurückkamen, war in Leipzig der Herbst ausgebrochen. Das Laub am Karl-Heine-Kanal roch nach nassem Dreck und verrotteten Äpfeln. Vor unserem Haus standen Umzugswagen. Eine junge Frau trug einen Ficus auf den Gehweg. Aus dem dritten Stock klang Schlager, jemand hatte alle Fenster offen.

Von Rübe keine Spur. Nicht vor der Tür, nicht im Hof, nicht auf dem Parkplatz am Kanal. Ich dachte zuerst: Der streunt irgendwo. Hunde streunen. Das ist normal.

Dann traf ich Gertrud im Hausflur. Sie trug eine Einkaufstasche mit Katzenfutterdosen und ein Regencape, obwohl es trocken war.

„Der Hund ist bei mir“, sagte sie, bevor ich fragen konnte. Ihre Stimme war leise und sehr bestimmt, als spräche sie mit jemandem, der schwer versteht.

„Wieso bei Ihnen?“

„Weil ich ihn von der Fahrbahn aufgesammelt habe, Herr Anders.“ Sie nannte meinen Nachnamen, obwohl wir seit sieben Jahren im selben Haus wohnten. „Ein Auto hat ihn erwischt. Am zweiten Tag, nachdem Sie weggefahren sind. Er wollte zu einem Wagen, der wie Ihrer klang.“

Mir wurde kalt im Nacken. „Lebt er?“

„Er lebt. Die Tierklinik in der Zschocherschen Straße hat ihn zusammengeflickt. Der linke Oberschenkel ist mit vier Schrauben fixiert, die Narbe kriegt er sein Leben lang.“

Katrin kam gerade die Treppe herunter, einen Schlüsselbund in der Hand. Sie blieb auf halber Höhe stehen.

„Was ist mit dem Hund?“, fragte sie.

Gertrud drehte sich halb um. „Er hat zehn Tage in der Klinik gelegen. Eine Operation, dazu Nachsorge. Macht zusammen 740 Euro. Die habe ich vorgestreckt, von meinem Pfandgeld gespart seit dem Winter.“ Sie sah mich an. „Ich will keine Diskussion. Ich will eine Entscheidung. Entweder Sie nehmen ihn und zahlen den Betrag, oder er bleibt bei mir und Sie unterschreiben, dass Sie auf das Tier verzichten.“

„Das ist unser Hund“, sagte ich.

„Das war Ihr Hund“, sagte Gertrud. Sie zog aus der Einkaufstasche einen weißen Umschlag. „Da sind alle Belege. Röntgen, OP, Narkose, Medikamente, Verbandsmaterial, Futter für drei Wochen, dazu die Box, in der ich ihn transportiert habe. Alles dokumentiert. Ich geb Ihren Namen nicht an. Wenn Sie morgen nicht zahlen, melde ich den Fall beim Veterinäramt. Und dann müssen Sie auch zahlen – plus Verfahrenskosten.“

Katrin griff nach dem Umschlag. Ihre Finger zitterten, aber sie öffnete ihn. Ich sah, wie ihre Augen die Summen las. 410 Euro OP und Röntgen. 98 Euro Narkose. 55 Euro Medikamente. 22 Euro Verbandsmaterial. 95 Euro Futter für drei Wochen. 60 Euro für die Transportbox. Unten stand, handschriftlich unterstrichen: Gesamt 740 Euro.

„Wir hätten ihn nie einfach so gelassen“, sagte Katrin, als wollte sie den Zettel damit ungeschehen machen.

„Doch“, sagte Gertrud. „Genau das haben Sie getan. Ihr Mann hat gesagt: ‚Der kommt klar.‘ Ich war im Treppenhaus. Die Wände sind dünn.“

Es folgte ein Schweigen, das ich bis heute nicht beschreiben kann. Katrin stand da mit dem Umschlag. Ich stand daneben. Oben im dritten Stock sang Frau Weidemann jetzt „Atemlos durch die Nacht“, etwas zu tief für die Tonlage. Der Ficus auf dem Gehweg kippte um. Die junge Frau mit dem Umzug fluchte leise.

Am nächsten Morgen bin ich zur Bank gefahren und habe 740 Euro in bar abgehoben. Fünfzig Euro mehr als meine Monatsrate für den Passat. Katrin wartete unten am Kanal, sie hatte den Hund an der Leine. Rübe trug einen blauen Verband um das linke Hinterbein, aber er wedelte, als er mich sah. Er zerrte an der Leine, bis Katrin ihn losließ, und sprang an mir hoch, mit dem gesunden Bein abfedernd, die Schnauze nass von irgendetwas.

Ich hockte mich hin. Der Hund leckte mir übers Gesicht, und ich schmeckte Salzwasser. Nicht Ostsee. Tränen. Meine eigenen.

Gertrud stand oben am Fenster im zweiten Stock. Sie rauchte. Das war mir neu. Sie hatte einen Aschenbecher auf dem Fensterbrett, einen grünen aus Glas, wie man ihn früher beim Thalia-Markt bekam. Sie machte das Fenster auf, als Katrin und ich zurückkamen, den Hund zwischen uns.

„Ich hab das Geld“, rief ich.

„Steck’s in den Briefkasten“, rief sie herunter. „Und die Verzichtserklärung unterschreibst du auch. Beides. Sonst fahr ich mit dem Hund nach Gohlis und geb ihn dem Tierschutz.“

Katrin legte die Hand auf meinen Arm. „Gib ihr das Geld. Und unterschreib. Der Hund bleibt bei ihr. Sonst bringt sie das durch.“

Ich weiß nicht, ob Katrin das Gefühl meinte, dass Gertrud sich längst in der Wohnung eingerichtet hatte mit dem Tier. Aber ich sah, wie Rübe beim Klang der Stimme aus dem Fenster sofort nach oben schaute und mit dem Schwanz einen Takt schlug, den er für uns nie geschlagen hatte. Nicht für uns.

Ich schob das Geld in den Umschlag mit der Erklärung. Schrieb meinen Namen darunter. Jens Anders. Leipzig. Kleine Klarastraße 14. Und in die Zeile „Verzicht auf das Tier“ schrieb ich nur: „Hiermit verzichte ich.“

Gertrud kam zur Tür herunter, nahm den Umschlag und zählte das Geld auf dem Treppenabsatz nach. Einmal, zweimal, das Papier raschelte im Flur wie trockenes Laub. Dann ließ sie Rübe von der Leine. Er lief zu ihr hinüber, blieb einen halben Meter vor ihr stehen und setzte sich, ohne dass sie ein Wort sagte. Sie strich ihm über den Kopf und schob ihm ein Leckerli aus der Tasche. Der Hund gähnte und legte den Kopf an ihr Knie.

Der Passat stand noch an der Straße. Das Wasser im Kanal war schwarz. Die Möwen von der Rügener Fähre gab es hier nicht. Dafür roch die Stadt nach feuchtem Asphalt.

Eine Woche später zog ich aus der Wohnung aus. Katrin behielt den Mietvertrag, ich nahm den Wagen. Nicht wegen Rübe. Wegen der Wände, die so dünn sind, dass man jemanden sagen hört: „Der kommt klar.“ Man hört es morgens und abends, in jedem Quietschen der Wohnungstür.

Ich wohne jetzt in einer Einzimmerwohnung in Lindenau. An manchen Tagen fahre ich mit dem Fahrrad durch die Klarastraße, ohne anzuhalten. Einmal stand Gertrud am Fenster, den grünen Aschenbecher in der Hand, und winkte nicht. Rübe saß neben ihr, die Vorderpfoten auf dem Fensterbrett, kein Verband mehr am Bein, nur die Narbe, die man von der Straße aus nicht sah. Er schaute auf die Straße, als suche er jemanden. Ich trat kräftiger in die Pedale, bog am Kanal ab und fuhr weiter, ohne mich umzudrehen.

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Odissea
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