Es klingelte um sieben Uhr zehn. Ich lag im Bett, die Decke bis zum Kinn, und hörte den Dackel von unten bellen, der immer bellt, wenn jemand das Treppenhaus betritt. Ich dachte: Das ist Katrin. Sie ist sauer. Sie will die Kinder abgeben, bevor sie zur Arbeit muss.
Ich hatte ihr um sechs Uhr morgens geschrieben: „Katrin, ich liege flach mit Fieber. 38,5. Ich schaff das heute nicht mit den Kindern. Tut mir leid.“ Dreimal hatte ich die Nachricht gelöscht, bevor ich sie abschickte. Als müsste ich mich entschuldigen, dass ich krank bin. Als wäre ich eine Angestellte, die unentschuldigt fehlt.
Dabei bin ich nur die Tante. Die Tante, die seit drei Jahren jeden Werktag um Punkt vierzehn Uhr an der Grundschule an der Ludgeristraße steht, Nele und Paul abholt, Essen macht, Hausaufgaben kontrolliert und um sieben Uhr abends die Küche wischt, wenn Katrin von der Kanzlei kommt. Die Tante, die nie Nein sagt.
Ich wohne an der Hammer Straße, dritter Stock, Altbau. Im Treppenhaus riecht es nach Bohnerwachs und ab und zu nach Hefeteig vom Bäcker unten. Die Glühbirne im zweiten Stock flackert seit Wochen. Der Dackel von Familie Krüger bellt, sobald sich die Haustür öffnet. Ich kenne jedes Geräusch in diesem Haus. Und ich kenne das Gefühl, dass mein Leben aus den Geräuschen anderer Leute besteht.
Ich bin fünfundsechzig. Ehemalige Grundschullehrerin. Ledig. Keine eigenen Kinder. Meine Schwester Katrin ist zweiundvierzig, hat zwei Kinder und seit drei Jahren keinen Mann mehr im Haus. Ihr Exmann ist nach Hamburg gezogen und zahlt Unterhalt, aber das reicht hinten und vorne nicht. Also bin ich eingesprungen. Damals, als Nele in die erste Klasse kam und Paul in den Kindergarten, sagte Katrin: „Du hast doch Zeit. Und ich muss arbeiten.“ Ich sagte: „Ja.“ Und aus dem einen Ja wurden drei Jahre. Oder besser: über tausend Nachmittage.
An diesem Montag war Schluss. Ich hatte mich um fünf Uhr vierzig mit Schüttelfrost geweckt, die Zähne klapperten, der Hals brannte wie Sandpapier. Das Thermometer zeigte 38,5. Ich schaute an die Decke und wartete, dass es vorbeiging. Es ging nicht vorbei. Um sechs Uhr wusste ich: Ich schaffe es nicht, zwei Kinder zu bespaßen, Essen zu kochen und die fröhliche Tante zu spielen.
Also schrieb ich die Nachricht. Und dann kam die Antwort, nach fünf Minuten. „Okay, kein Problem. Ich kümmere mich. Gute Besserung.“ Kein Anruf, kein Vorwurf. Nur diese sechs Wörter. Ich schaute auf das Display, bis die Buchstaben verschwammen. Ich hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit so viel Ruhe.
Dann klingelte es.
Ich rappelte mich hoch, zog den Bademantel über das Nachthemd und machte die Tür auf. Draußen stand Katrin, in einer dicken Jacke über dem Schlafanzug, die Haare zu einem Knoten gedreht, in der Hand eine Plastiktüte vom Drogeriemarkt. Hinter ihr, auf der Treppe, Nele mit ihrem Schulranzen auf dem Rücken und Paul, der einen Malkarton umklammert hielt.
„Ich hab dir was mitgebracht“, sagte Katrin und drückte mir die Tüte in die Hand. „Aspirin Complex, Halsbonbons mit Salbei, und der Tee, den du immer trinkst. Ostfriesentee, die lose Mischung von dem kleinen Laden am Prinzipalmarkt. Ich musste erst nachfragen, wo es den gibt.“
Ich stand da, mit offener Tür, und wusste nicht, wohin mit mir. „Aber … du musst doch arbeiten. Und die Kinder –“
„Ich hab mir den Vormittag freigenommen. Frau Dr. Weber hat gesagt, ich soll mich um meine Familie kümmern.“ Katrin zog ihre Schuhe aus, ohne zu fragen, und scheuchte die Kinder in die Küche. „Nele, Paul, zieht euch aus. Ich mach euch was zu essen, und dann bring ich euch zur Schule. Paul, du hast heute Sport, denk an deine Turnschuhe.“
Ich lehnte am Türrahmen und schaute zu, wie meine Schwester in meiner Küche hantierte, als wäre sie hier zu Hause. Sie kannte den Wasserhahn, der tropfte, und den Herd, den man zweimal antippen musste. Sie machte den Kühlschrank auf und nahm die Butter heraus, die ich am Samstag gekauft hatte. Sie wusste alles. Und ich stand daneben und fühlte mich wie ein Gast im eigenen Leben.
Dann drehte sie sich um und sagte: „Setz dich. Du bist krank. Ich mach dir einen Tee.“
Ich setzte mich an den Küchentisch. Vor mir lag die Tüte. Ich zog die Sachen heraus: Aspirin, Salbeibonbons, der lose Ostfriesentee in einer braunen Papiertüte. Und ganz unten, in Zeitungspapier gewickelt, eine Tasse. Porzellan, mit einem Motiv von zwei tanzenden Frauen. Ich kannte die Tasse. Sie hatte unserer Mutter gehört, bevor sie starb. Ich dachte, die Tasse wäre bei Katrin in der Vitrine.
„Die hab ich gefunden“, sagte Katrin, ohne sich umzudrehen. Sie goss heißes Wasser über den Tee. „Ich dachte, du freust dich. Mama hat sie dir immer zum Geburtstag gegeben, weißt du noch? Bis du sie irgendwann nicht mehr wolltest, weil sie dir zu kitschig war.“
Ich antwortete nicht. Ich hatte die Tasse in beiden Händen und spürte, wie sich mein Hals zuschnürte, und das war dieses Mal nicht vom Fieber.
Nele kam an den Tisch geklettert und legte mir ein Blatt Papier hin. „Tante Hannelore, ich hab dir was gemalt.“ Es war ein Bild von mir, liegend im Bett, mit roten Backen, und daneben ein riesiger Baum mit grünen Blättern. „Das ist die Kastanie vor deinem Fenster“, erklärte sie. „Damit du sie siehst, wenn du aufwachst.“
Paul stand in der Ecke und kaute auf seinem Ärmel. Er sagte nichts, aber er legte seinen Stoffdackel auf meinen Schoß. „Damit du nicht allein bist“, murmelte er.
Katrin stellte den Tee vor mich hin. „Trink. Und dann legst du dich wieder hin. Die Kinder bring ich zur Schule. Um eins holst du sie nicht ab, hörst du? Ich organisier das. Frau Kowalski aus der Nachbarschaft holt sie mit ihrem Sohn ab, der geht in Neles Klasse. Für heute reicht das. Morgen sehen wir weiter.“
„Katrin, das ist nicht nötig –“
„Doch, ist es.“ Sie setzte sich mir gegenüber, die Hände um ihre Kaffeetasse gelegt. „Hannelore, du hast seit drei Jahren keinen einzigen Tag gefehlt. Nicht einen. Letzten Winter, als du Bronchitis hattest, bist du trotzdem gekommen und hast Pauls Kostüm für die Faschingsfeier genäht. Ich hab dich abends gesehen, wie du am Küchentisch gesessen hast und fast eingeschlafen bist. Du denkst, wir merken das nicht?“
Ich schaute auf die Tasse mit den tanzenden Frauen. „Ich dachte, ich bin nur die billige Betreuung“, sagte ich leise. „Ich dachte, wenn ich nicht mehr abholen kann, dann bin ich euch nichts mehr wert.“
Katrin stand auf und ging zum Fenster. Sie schaute auf die Kastanie, die ihre Blätter verlor, obwohl erst November war. „Weißt du, was Nele neulich gesagt hat? Sie hat im Kindergarten gemalt, was sie am liebsten mag. Und sie hat nicht ihre Mutter gemalt, nicht ihren Vater, nicht ihr Fahrrad. Sie hat dich gemalt, wie du auf der Bank sitzt und ihr aus dem Bilderbuch vorliest. Mit deiner Strickjacke, der grauen. Die du immer anziehst, wenn du kommst. Sie kennt jede Masche an dieser Jacke. Sie weiß, dass du sie magst, weil sie nach Oma riecht. Aber das bist du. Du bist ihre Oma. Verstehst du? Die Kinder brauchen dich nicht nur zum Abholen. Sie brauchen dich. Als Mensch.“
Ich weinte. Nicht laut, ich schluchzte nicht. Die Tränen liefen einfach aus meinen Augen, und ich konnte nichts dagegen tun. Katrin kam zurück, setzte sich neben mich und legte ihren Arm um meine Schultern. Sie sagte nichts. Sie blieb einfach sitzen, bis ich mich gefangen hatte.
Dann brachte sie die Kinder zur Schule. Ich legte mich wieder ins Bett, mit Neles Bild auf der Decke, Pauls Stoffdackel an meiner Seite und der Tasse auf dem Nachttisch. Der Tee wurde kalt, aber ich trank ihn trotzdem.
Am Abend rief Katrin an. Sie fragte nach dem Fieber, ob ich gegessen hätte, ob die Kinder mich vermisst hätten. „Paul hat beim Abendessen gesagt, er will morgen bei dir schlafen“, erzählte sie. „Ich hab ihm gesagt, dass Tante Hannelore krank ist und Ruhe braucht. Weißt du, was er geantwortet hat? ‚Dann bin ich leise. Ich bin immer leise, wenn Tante Hannelore schläft.‘ Er hat noch nie bei dir geschlafen, oder? Aber er würde sofort.“
Ich musste lachen und weinte gleichzeitig. „Sag ihm, dass er am Wochenende kommen darf. Wenn ich wieder gesund bin.“
„Mach ich.“ Katrin zögerte. „Und Hannelore … wenn du das nächste Mal krank bist, rufst du an. Nicht schreiben. Ruf an. Und sag nicht, es tut dir leid. Du musst dich nicht entschuldigen, wenn du lebst und krank wirst. Du bist keine Maschine. Du bist meine Schwester. Und die Tante meiner Kinder. Das ist genug. Mehr als genug.“
Ich antwortete nicht sofort. Ich drückte das Handy ans Ohr und hörte im Hintergrund die Kinder streiten. „Ich melde mich morgen“, sagte ich schließlich. „Versprochen.“
Am Dienstag war das Fieber weg. Am Mittwoch stand ich wieder an der Schule, um halb zwei, wie immer. Nele rannte mir entgegen, als hätte sie mich seit einem Monat nicht gesehen. Paul drückte seine Hand in meine, ganz fest, als wollte er sichergehen, dass ich wirklich da bin. Ich ging mit ihnen nach Hause, kochte Nudeln mit Tomatensoße, half bei den Hausaufgaben. Alles wie immer. Und doch nicht.
Am Donnerstag ging ich zur Volkshochschule am Aegidiimarkt und meldete mich für einen Kurs an. „Aquarellmalerei für Einsteiger“, dienstags von 16 bis 18 Uhr, zehn Nachmittage, 180 Euro. Ich zahlte bar aus meinem Portemonnaie, das ich sonst nur für Lebensmittel öffnete. Die Frau am Empfang tippte meine Daten ein und fragte: „Waren Sie schon mal bei uns?“ Ich sagte: „Nein. Seit Jahren habe ich nichts mehr für mich gemacht. Nichts, was nur mir gehört.“
Sie gab mir eine Anmeldebestätigung. Ein kleines Stück Papier, das ich in meine Handtasche steckte, als wäre es ein Schatz.
Am Freitag schrieb ich Katrin eine Nachricht: „Ab nächster Woche kann ich dienstags die Kinder nicht abholen. Ich habe mich für einen Malkurs angemeldet. Diane hat gesagt, sie kann die Kinder mitnehmen, weil ihr Sohn sowieso bis fünf in der Betreuung ist. Falls du einverstanden bist.“
Die Antwort kam nach drei Minuten. „Was für eine Frage! Natürlich bin ich einverstanden. Ich bin froh, dass du endlich mal was für dich tust. Viel Spaß beim Malen. Und wenn du willst, bring ich dir am Dienstag einen Kaffee vorbei – ich arbeite gleich um die Ecke.“
Ich las die Nachricht dreimal. Dann legte ich das Handy weg und schaute aus dem Fenster auf die Kastanie. Die Glühbirne im Treppenhaus flackerte immer noch. Der Dackel bellte unten, weil die Zeitung kam. Nichts hatte sich verändert. Und doch war alles anders.
Am ersten Dienstag, Punkt sechzehn Uhr, saß ich in einem hellen Raum mit Staffeleien und Farbkästen. Der Geruch von Terpentin und Papier lag in der Luft. Ich tauchte den Pinsel ins Wasser und malte einen blauen Kreis. Mein Handy vibrierte in der Tasche. Ich holte es heraus: Katrin. „Wo bist du? Nele wartet vor der Schule.“ Ich tippte: „Im Kurs, hab ich dir doch geschrieben. Diane holt sie.“ Sekunden später: „Oh, stimmt, sorry. Vergessen. Dann bis später. Mal schön!“
Ich legte das Handy weg, tauchte den Pinsel neu ins Wasser und malte weiter. Der blaue Kreis wurde ein See. Daneben setzte ich einen roten Punkt. Und dann, ohne zu überlegen, malte ich eine graue Strickjacke. Ich wusste nicht, warum. Aber es fühlte sich richtig an.
Als ich um achtzehn Uhr nach Hause kam, roch das Treppenhaus noch immer nach Bohnerwachs. Aber ich roch es anders. Es war mein Zuhause, nicht mein Arbeitsplatz. Und die graue Strickjacke hing am Haken im Flur, bereit für den nächsten Tag. Für die Kinder. Und für mich.
Ich hängte sie auf einen anderen Haken. Einen, der nur für mich war.
