Lukas lehnte am Türrahmen der Küche, kaute auf einem Stück Pizza und sah seiner Tante beim Abwasch zu. Draußen rauschte der abendliche Verkehr die Landsberger Allee entlang, in der Luft hing ein Gemisch aus Spülmittel und dem nussigen Geruch von Billigkaffee. Ein ganz normaler Mittwochabend in ihrer kleinen Altbauwohnung in Berlin-Lichtenberg.
„Morgen fährt Mara mit einem Transporter raus", sagte er und wischte sich die Finger an der Jeans ab. „Ich hab ihr die Schlüssel schon gegeben."
Johannas Hände stoppten im schmutzigen Wasser. Die gelben Gummihandschuhe trieben gegen den Teller, den sie gerade spülte. Sie drehte sich nicht um.
„Schlüssel wofür, Lukas?"
„Für den Garten." Er sagte es so beiläufig, als ginge es um eine vergessene Einkaufstüte. „Sie muss aus ihrer Wohnung raus. Der Vermieter hat ihr wegen Eigenbedarf gekündigt, und die neue Bude ist erst in zwei Monaten frei. Sie stellt ihre Sachen erstmal im Gartenhaus unter und pennt auf der Couch bei Freunden. Ist doch logisch."
Johanna zog bedächtig die Handschuhe aus, einen Finger nach dem anderen. Der Garten. Fünfhundert Quadratmeter in der Kleingartenanlage „Sonnenschein" in Mahlsdorf, dreißig Minuten mit der S-Bahn vom Zentrum entfernt. Ein Holzhaus mit knarrender Veranda, zwei Apfelbäume, die ihr Großvater 1963 gepflanzt hatte, ein Beet mit Rhabarber, das ihre Mutter bis zu ihrem Tod gepflegt hatte. Es war der einzige Ort, an dem Johanna durchatmen konnte, seit sie mit einundfünfzig Jahren von ihrem Mann verlassen worden war und ihr Neffe Lukas vorübergehend bei ihr eingezogen war. Vorübergehend — das war jetzt drei Jahre her.
Lukas arbeitete im Lager eines Logistikzentrums in Schönefeld. Er schuftete von sechs bis sechzehn Uhr und glaubte, dass ihm der Rest der Welt dafür etwas schuldig war. Johanna, die halbtags als Buchhalterin in einem mittelständischen Betrieb arbeitete und nebenbei die Miete für die Wohnung, den Strom und seine Handyrechnung bezahlte, kam in dieser Rechnung nicht vor.
„Lukas", sagte sie und ihre Stimme war ruhiger, als sie sich fühlte. „Ich habe noch nicht zugestimmt."
„Tante Jo." Er verdrehte die Augen und nahm einen weiteren Bissen von der Pizza. Ein Stück Salami fiel auf den abgetretenen Dielenboden, er bemerkte es nicht. „Mara ist Familie. Oder willst du, dass die Mutter meiner zukünftigen Kinder auf der Straße sitzt?"
Mara. Maras Vorstellung von einem erfolgreichen Leben bestand aus einem Instagram-Profil, das mehr Schein als Sein versprach, einem monatlichen Budget für Nageldesign, das Johannas Lebensmittelbudget überstieg, und der festen Überzeugung, dass ihr Freund Lukas und dessen „alte Tante" für sie sorgen würden. Dass Johanna sie auf der Familienfeier zu ihrem sechzigsten Geburtstag einmal als „kostspielige Angewohnheit" bezeichnet hatte, hatte Mara ihr nie verziehen. An diesem Tag hatte Mara eine Kiste mit teurem Prosecco umgestoßen und mit einem feuchten Lappen über Johannas Perserteppich geschmiert, anstatt sich zu entschuldigen.
„Ich hab gesagt, sie kann das Ding benutzen, also wird sie das Ding benutzen", schnitt Lukas die Diskussion ab und warf die Pizzakruste in den Abfalleimer, wo sie daneben fiel. „Mach kein Drama draus, ja? Ich geh pennen. Morgen früh muss ich den Transporter vom Kollegen auslösen."
Er verschwand im Wohnzimmer, und Sekunden später plärrte der Fernseher.
Johanna stand in der Küche und spürte, wie etwas in ihr kalt wurde. Nicht die Wut, die ihr die Kehle zuschnürte — sondern etwas Tieferes, Endgültiges. Sie dachte an ihre Mutter, die im Sommer mit einer Gießkanne zwischen den Tomaten gestanden hatte und deren Lachen heller gewesen war als das Sonnenlicht, das durch die Blätter der Linde fiel. Sie dachte an die Schaukel, die ihr Vater ans Südende der Veranda gebaut hatte und auf der sie als Kind gesessen hatte, mit einem selbstgepflückten Apfel in der Hand. Sie dachte an die Abende, an denen sie Lukas' Mutter, ihre jüngere Schwester, nach deren Chemotherapie im Liegestuhl unter die Wolldecke gepackt hatte, während der Duft von nassem Gras und Holunderblüten in der Luft lag.
Lukas war in den letzten drei Jahren genau zweimal dort gewesen. Einmal, um mit seinen Kumpels zu grillen und den halben Rasen mit Brandflecken zu übersäen. Ein zweites Mal, um die von Johanna gezogenen Tomatenpflanzen für Maras Balkon zu „requirieren". Dass das Grundstück nicht einmal ihm, sondern Johanna allein gehörte, war ihm nie in den Sinn gekommen. Es stand seit Jahrzehnten in ihrem Namen.
Sie zog die Gummihandschuhe wieder an und machte den Abwasch fertig. Ihr Blick fiel mechanisch zum Schlüsselbrett im Flur, wo ein einzelner, angerosteter Schlüssel an einem Lederanhänger mit der Aufschrift „Laube" hing. Es war der alte Schlüssel zum Vorhängeschloss des Gartenhauses. Ein Schloss, das am letzten Sonntag beim Abschließen so heftig geklemmt hatte, dass sie den Schlüssel fast abgebrochen hätte. Drei Parzellen weiter wohnte Herr Kowalski, den sie seit Jahren mit Kräutern aus ihrem Beet versorgte und der ihr neulich erst mit seiner Rohrzange ausgeholfen hatte, als das Schloss zum ersten Mal klemmte. Ein mürrischer, aber zuverlässiger Nachbar.
Am nächsten Morgen, während Lukas noch in seinem Zimmer schnarchte und das Radio leise vor sich hin dudelte, stand Johanna um halb sechs im Baumarkt in der Frankfurter Allee. Sie kaufte ein neues, massives ABUS-Vorhängeschloss, fünfzig Euro, mit gehärtetem Bügel und Sicherungskarte. Das alte Schloss hatte sie am Abend zuvor mit einer Rohrzange aus der Werkzeugkiste ihres Vaters und einer halben Stunde Flucherei entfernt. Das neue klickte satt in die Ösen, als sie den Schlüssel umdrehte. Der alte Schlüssel am Lederband sah identisch aus — ein simpler Bartschlüssel, der aussah, als könnte er dieselbe Tür öffnen. Tat er aber nicht.
Den neuen Schlüssel legte sie in ihre Handtasche. Den alten hängte sie wieder an den Haken im Flur. Genau dort, wo Lukas ihn am Abend zuvor abgenommen hatte, um ihn Mara zu geben.
Sie kochte sich einen Kaffee und setzte sich ans Küchenfenster, das auf den grauen Innenhof hinausging. Die Mülltonnen unter dem Vordach glänzten im Nieselregen, irgendwo kläffte ein Hund. Sie spürte etwas, das sie lange nicht mehr gespürt hatte. Handlungsfähigkeit. Sie dachte an die aufgesetzte, schwungvolle Unterschrift, die sie auf der Überweisung für das Schloss geleistet hatte. Sie dachte an die Wohnung, die sie gemeinsam mit Lukas bewohnte, und daran, dass sie den Mietvertrag allein unterschrieben hatte. Drei Jahre lang hatte sie jede Konsequenz nur gedacht, nie ausgesprochen. Heute war der Gedanke an eine Kündigung nicht mehr bloß Theorie.
Sieben Stunden später klingelte Johannas Handy. Es war nicht Lukas. Es war eine Nummer aus dem Bezirk Marzahn-Hellersdorf, die sie nicht kannte.
„Frau Breuer?" Die Stimme des Anrufers war kühl, sachlich, die Stimme eines Mannes, der Schlimmeres gewohnt war. „Mein Name ist Thiel, Polizeioberkommissar. Es geht um ein Grundstück, das auf Ihren Namen registriert ist. Kleingartenanlage ‚Sonnenschein', Parzelle 14. Können Sie bestätigen, dass Sie die Eigentümerin sind?"
„Ja, die bin ich", antwortete Johanna. Sie saß an ihrem Schreibtisch mit Aussicht auf die Spree, eine halb volle Tasse Kamillentee war kalt geworden.
„Gut. Dann muss ich Sie leider informieren, dass vor etwa zwei Stunden eine Frau in Begleitung von zwei Möbelpackern auf das Grundstück eingedrungen ist. Sie hat gewaltsam versucht, das neue Vorhängeschloss an der Tür zu entfernen. Als das nicht gelang, hat sie eine der bleiverglasten Fensterscheiben der Veranda eingeschlagen, stieg durch die Öffnung ins Innere und öffnete die Tür von innen. Anschließend begann sie, persönliche Gegenstände — einen Wäschekorb, einen Toaster, mehrere Umzugskisten — hineinzutragen, während die beiden Männer einen Kühlschrank auf der Terrasse abstellten."
Ein Schlag, der in Johannas Brustbein ein dumpfes Pochen auslöste. Das Fenster. Das alte bleiverglaste Fenster, das ihr Großvater noch eigenhändig eingesetzt hatte.
„Ein aufmerksamer Nachbar, Herr Kowalski, hat die Polizei verständigt, als er die Situation beobachtete. Die Frau hat sich Herrn Kowalski gegenüber als Ihre Nichte ausgegeben."
Mara. Johanna schloss die Augen. Kowalski — der alte Griesgram von drei Parzellen weiter, den sie wöchentlich mit Petersilie und Schnittlauch versorgte und der im Gegenzug immer ein Auge auf ihr Grundstück hatte. Natürlich hatte er sofort die Polizei gerufen.
„Als die Kollegen eintrafen, fanden sie die besagte Person in einem stark aufgewühlten Zustand in Ihrem Gartenhaus vor. Sie saß mit einer Flasche Weißwein auf dem Sofa Ihrer Mutter, Frau Breuer, und erklärte den Beamten mehrfach, der Garten sei ihr von ihrem Freund, einem Lukas Kowalski, überlassen worden. Auf Nachfrage handelte es sich bei dem jungen Kowalski um den Sohn von Herrn Kowalskis Bruder — der Nachbar ist also der Onkel Ihres Neffen väterlicherseits, während Sie die Tante mütterlicherseits sind. Die Familienverhältnisse sind uns jetzt klar."
Ein Stich. Johanna kannte die alte Fehde zwischen den beiden Kowalski-Brüdern gut genug. Roman Kowalski, den sie nie anders als „Herr Kowalski" nannte, verabscheute den faulen Sohn seines Bruders, der sich von seiner Tante aushalten ließ. Dass er nicht Lukas, sondern direkt die Polizei angerufen hatte, war keine Überraschung.
„Frau Breuer? Sind Sie noch dran?"
„Ja. Ja, Herr Oberkommissar. Was passiert jetzt mit der Frau?"
„Nun, die Dame ist in der Gewahrsamszelle des Abschnitts 63. Wir ermitteln wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung. Das wird teuer für sie, die Fensterscheibe sieht nach Spezialanfertigung aus. Was die Sache allerdings unangenehm verkompliziert, ist eine Serviette, die wir in ihrer Tasche gefunden haben."
„Eine Serviette?"
„Eine schriftliche Vereinbarung", sagte Thiel, und etwas in seiner Stimme klang nach einem müden Zucken der Mundwinkel. „Ein formloser Mietvertrag zwischen Frau Mara K. und einem gewissen Lukas K., auf einer Cocktailserviette notiert, in dem Letzterer erklärt, Eigentümer des Objekts zu sein und die Vermietung zu genehmigen. Unterschrieben von beiden. Datiert auf letzten Sonntag."
Einen Moment lang war Johanna schwindlig. Nicht vor Schreck, sondern vor der atemberaubenden Naivität. Ein auf eine Serviette gekritzelter Mietvertrag über ein Grundstück, das Lukas keinen Quadratmeter gehörte. Er hatte Mara vorgegaukelt, der Garten sei längst auf ihn übergegangen.
„Das bedeutet eine erhebliche Täuschung, Frau Breuer. Und wir müssen wissen: Hat Ihr Neffe Ihre Zustimmung für diesen Umzug? Denn wenn nicht…"
„Nein", sagte Johanna leise. „Er hat sie nicht. Ich bin die alleinige Eigentümerin."
Fünfundvierzig Minuten später stand sie im Präsidium. Durch eine Glasscheibe konnte sie Mara sehen, die auf einer Holzbank saß, die Hände im Schoß gefaltet, ihr perfekt gestyltes Haar in Auflösung begriffen. Ihre Augen waren rot gerändert, und sie trug noch die teuren Sneaker, mit denen sie am Wochenende auf Johannas Gartengrundstück herumgestapft war.
Polizeioberkommissar Thiel, ein schmaler Mann mit Nickelbrille und der Haltung eines Menschen, der im Laufe seiner Karriere schon aus den absurdesten Gründen Leute durch Scheiben beobachtet hatte, legte eine Akte auf den Tisch zwischen ihnen.
„Wir haben auch mit Ihrem Neffen gesprochen, Frau Breuer. Er behauptet, Sie hätten ihm den Garten vor zwei Jahren mündlich überschrieben. Stimmt das?"
„Herr Thiel, ich bin Buchhalterin", sagte Johanna. Sie öffnete ihre Handtasche und zog eine Klarsichthülle heraus, in der ein gefalteter Grundbuchauszug lag. „Ich hebe Belege auf."
Der Serviettenvertrag — eine zerknitterte Cocktailserviette, auf die Lukas und Mara ihre blauäugige Abmachung gekritzelt hatten — lag daneben.
Zehn Minuten später öffnete sich die Tür, und Lukas stolperte herein, begleitet von einem uniformierten Beamten. Sein Gesicht war fahl, unter den Augen lagen dunkle Ringe, und die linke Seite seines Hemdes hing aus der Hose. Er sah aus, als hätte er seit Stunden vergeblich versucht, sein Smartphone davon zu überzeugen, diese Situation ungeschehen zu machen.
„Tante Jo!" Seine Stimme überschlug sich zwischen Verzweiflung und einem letzten verzweifelten Anflug von Selbstgerechtigkeit. „Sag denen, dass das ein Versehen war! Sag ihnen, dass du und ich — dass wir geredet haben! Dass du zugestimmt hast! Mara hat jetzt eine Eintragung im polizeilichen Führungszeugnis, das ist ihr Leben, ihre Ausbildung, begreifst du das denn nicht?"
Johanna sah ihn lange an. Sie dachte an das zum zweiten Mal mit Olivenöl ruinierte Schneidebrett aus Olivenholz, an die verschwundene Kreditkarte im letzten März und die dreiste Ausrede: „Ich dachte, du hast gesagt, ich kann die im Notfall nehmen." Sie dachte an das bleiverglaste Fenster, das nun in Scherben auf dem Boden lag, und an den verstaubten Perserteppich ihrer Mutter. Sie dachte an die dreitausend Euro, die sie Lukas letztes Jahr geliehen hatte, um seine Schulden bei einem Wettanbieter zu begleichen — Geld, das sie nie wiedergesehen hatte.
„Du hast keinen Notfall gehabt, Lukas. Du hattest eine Idee, und du dachtest, du könntest sie durchziehen, weil ich immer nachgebe. Aber das hier", sie tippte mit dem Finger auf den Grundbuchauszug, „gehört mir. Und es bleibt mir."
„Du bist verrückt geworden!" Seine Stimme schlug um. „Wegen ein paar lumpiger Quadratmeter Rasen? Wegen alter Apfelbäume? Das ist Familie! Ich bin dein Neffe — Mara ist meine Verlobte!"
„Mara hat heute Nachmittag eine Flasche Wein auf dem Sofa meiner Mutter geöffnet, während sie darauf wartete, dass die Polizei geht." Johanna stand auf. „Von meinem Wein, Lukas. Aus dem Schrank unter der Spüle, den sie aufgebrochen hat."
Das war gelogen, aber der Schreck, der über sein Gesicht fuhr, war jede verpasste juristische Feinheit wert.
Sie wandte sich an Thiel. „Ich möchte Strafantrag stellen. Wegen Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Urkundenfälschung."
Drei Monate später saß Johanna auf ihrer Veranda. Es war ein klarer, kühler Oktobernachmittag, die Linde warf lange Schatten über den frisch vertikutierten Rasen. Die neue Fensterscheibe glitzerte in der Herbstsonne, eine maßgefertigte Replik des alten Originals, bezahlt von Mara in monatlichen, zähneknirschenden Abschlägen — eine Haftpflichtversicherung, die den Schaden übernommen hätte, hatte Mara nie besessen.
Lukas wohnte in einer Einzimmerwohnung in Lichtenrade, die er sich mit einem wechselnden Untermieter teilte, weil sein Gehalt nicht einmal für die Warmmiete reichte. Er hatte Johanna zweimal eine SMS geschickt. Beim ersten Mal: eine wütende, mit Emojis gespickte Tirade darüber, dass sie sein Leben zerstört habe. Beim zweiten Mal: die Frage, ob sie ihm dreihundert Euro leihen könne. Sie hatte auf keine der beiden geantwortet.
Das Summen einer Hummel in den Dahlien, die sie am Morgen gegossen hatte, war das einzige Geräusch neben dem fernen Klingeln der S-Bahn. Das Häuschen hinter ihr roch nach frischem Holz und Bohnerwachs, und in der kleinen Küche wartete ein Apfelkuchen aus den Äpfeln des älteren der beiden Bäume auf dem Rost. Ihr Apfelbaum. Ihre Parzelle. Ihre Entscheidung.
Herr Kowalski kam am Zaun vorbei, eine Schaufel über der Schulter, die Pfeife im Mundwinkel. Er blieb stehen und deutete mit dem Kinn auf die neue Fensterscheibe.
„Sitzt", sagte er. „Besser als vorher."
„Viel besser", sagte Johanna.
Sie blickte über den Garten. Jemand hatte eine Hängematte unter die Linde gespannt, und der Wind trug den Geruch von frischem Kaffee herüber. Aus einem der Nachbargrundstücke lachte ein Kind, und irgendwo hämmerte jemand auf Holz. Ganz alltägliche Geräusche. Ganz ohne Drama.
Sie goss sich Tee aus der Thermoskanne ein und trank einen Schluck. Das war der Moment, in dem sie an die Kündigung der Altbauwohnung dachte, die sie vor zwei Monaten geschrieben, aber nie abgeschickt hatte. Sie lag in der Schublade des Küchentischs in der Koloniestraße, bereits unterschrieben, aber nie zur Post gebracht, nie dem Bekannten aus der Hausverwaltung übergeben. An jenem Tag, nach dem Anruf aus dem Präsidium, hatte sie die Sätze zornig aufs Papier gestoßen, doch dann war die Wut verraucht, und sie hatte den Bogen einfach in die Schublade gelegt. Eine Karte in der Hinterhand.
Sie griff in ihre Tasche und zog einen Kugelschreiber heraus, strich mit dem Daumen über das raue Papier der Kündigung, das sie nun seit Wochen mit sich trug. Sie zögerte, dann faltete sie den Bogen zweimal und steckte ihn zurück. Es war ihre Karte. Sie konnte sie spielen oder zerreißen.
Vor ihr raschelte der Wind in der Linde, und ein letzter Apfel fiel ins feuchte Gras. Sie ließ ihn liegen. Aufheben konnte sie ihn später immer noch.
