Zwei Schritte hinter ihr

Jonas fand den Hund an einem Abend, an dem er eigentlich nur Brot kaufen wollte.

Vor dem kleinen Laden in Köln-Ehrenfeld stand ein Müllcontainer, und daneben saß ein rotbrauner Mischling. Nicht jung, nicht gesund, nicht laut. Er wirkte wie ein Tier, das lange gewartet und dabei vergessen hatte, wofür genau.

Jonas wollte weitergehen. Dann sah er das Halsband.

Die Marke war aus Kupfer, stumpf vom Alter. Er bückte sich, drehte sie und las die Telefonnummer.

Sein Magen zog sich zusammen.

Er kannte sie.

Er rief an. Niemand antwortete.

Zu Hause ließ ihn der Hund nicht los. Oder besser: Der Hund ließ ihn nicht. Er folgte ihm bis zur Wohnung, blieb vor der Tür sitzen und sah nicht bittend aus, sondern geduldig. So geduldig, dass Jonas sich schämte.

Er ließ ihn hinein.

Wasser. Eine Decke. Ein Stück Käse, das der Hund nicht anrührte. Dann lag er neben dem Sofa und schlief.

Jonas suchte die Nummer in seinem Handy.

„Mama“.

Seine Mutter, Helga, war seit zwei Jahren tot. Sie hatte in Bonn gewohnt, allein, seit sein Vater gestorben war. Jonas hatte immer gute Gründe gehabt, selten zu kommen: Arbeit, Kinder der neuen Freundin, Müdigkeit, Entfernung. Wenn Helga anrief, nahm er oft nicht ab. Später vergaß er zurückzurufen.

Später.

Das Wort wurde plötzlich unerträglich.

Am nächsten Tag fuhr er nach Bonn. Im alten Haus roch das Treppenhaus noch nach Waschmittel und Keller. Die Nachbarin, Frau Seidel, erkannte ihn sofort.

— Du hast den Hund gefunden, nicht wahr?

Jonas nickte.

— Wie hieß er?

— Anton. Deine Mutter sagte, er habe einen Namen verdient, der freundlich klingt.

Anton war eines Herbstabends gekommen. Helga hatte ihm geöffnet. Von da an waren sie unzertrennlich. Frau Seidel erzählte von Spaziergängen zum Rhein, von Brötchenkrümeln in der Manteltasche, von Helgas Satz:

— Anton läuft immer zwei Schritte hinter mir. Genau richtig. Nicht drängend, nicht fortlaufend.

Jonas fragte:

— Warum wusste ich nichts davon?

Frau Seidel sah ihn müde an.

— Weil du nicht gefragt hast. Und wenn sie erzählen wollte, hattest du wenig Zeit.

Als Helga zusammenbrach, sei Anton vor der Wohnungstür liegen geblieben. Drei Tage. Dann sei er verschwunden.

— Vielleicht hat er dich gesucht — sagte Frau Seidel. — Hunde verstehen manchmal mehr von Treue als wir.

Jonas ging nicht sofort zurück. Er setzte sich auf die Treppe, dort, wo er als Kind seine Schuhe gebunden hatte, während seine Mutter wartete. Er hörte ihre Stimme:

— Beeil dich nicht so, du stolperst noch.

Er hatte sich sein ganzes Leben beeilt.

Und war trotzdem zu spät gekommen.

Als er nach Hause kam, stand Anton an der Tür. Nicht vorwurfsvoll. Das war das Schlimmste. Ein Vorwurf hätte Jonas ertragen. Diese stille Bereitschaft, ihm trotzdem zu vertrauen, brach ihn.

Er setzte sich zu ihm auf den Boden.

— Ich weiß nicht, warum du zu mir gekommen bist.

Anton legte die Schnauze auf sein Knie.

— Aber ich glaube, sie hätte gewollt, dass ich diesmal bleibe.

Von da an ging Jonas jeden Abend mit Anton hinaus. Zwei Schritte vorne, dann langsamer, bis der Hund neben ihm ging. Er rief Frau Seidel an. Er besuchte das Grab seiner Mutter. Er stellte dort keine großen Reden auf. Nur eines sagte er jedes Mal:

— Ich übe noch, Mama.

Schuld verschwindet nicht. Aber sie kann aufhören, nur Schuld zu sein. Sie kann Fürsorge werden. Verantwortung. Eine Schüssel Wasser, ein Spaziergang im Regen, ein Anruf, der nicht verschoben wird.

Anton wurde nicht „Ersatz“ für seine Mutter.

Er wurde ihr letzter Unterricht.

 

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