Als Katrin Hartmann vor sechs Jahren in die ruhige Siedlung am Stadtrand von Freising zog, dachte sie, sie hätte das große Los gezogen. Das Reihenhaus war bezahlbar, der kleine Garten perfekt für ihre Kräuter, und die Nachbarn grüßten freundlich über den Zaun. Dass ausgerechnet Elke Böhm, die drei Häuser weiter wohnte und jeden Morgen mit ihrem Terrier an Katrins Grundstück vorbeilief, ihr Leben zur Hölle machen würde – das ahnte damals niemand.
Es fing mit Kleinigkeiten an. Katrins Hortensien wären „viel zu wuchernd“, die würden ja auf den Gehweg ragen. Dann war es die Gartenlaterne, die angeblich Elkes Schlafzimmerfenster blendete – obwohl das Fenster gut zwanzig Meter entfernt und durch eine Thujenhecke verdeckt war. Katrin biss die Zähne zusammen, schnitt die Hortensien zurück, montierte die Laterne um. Sie wollte keinen Ärger. Sie war Anfang sechzig, verwitwet, und hatte nach dem Tod ihres Mannes endlich wieder so etwas wie Alltag gefunden.
Elke ließ nicht locker. Im Sommer beschwerte sie sich beim Vermieterverband über das Vogelhäuschen an Katrins alter Eiche – die Meisen würden den Lack ihres Cabrios verkratzen. Im Winter war es die Lichterkette am Balkon, die nicht dem „ästhetischen Standard der Siedlung“ entspreche. Katrins Tochter meinte irgendwann am Telefon: „Mama, die Frau hat doch einen an der Waffel. Zeig sie an wegen Belästigung.“ Aber Katrin winkte ab. Sie hatte gelernt, dass manche Menschen einfach nicht glücklich sind, wenn andere es sind.
Es war an einem Dienstag im März, als der Brief vom Bauordnungsamt Freising im Kasten lag. Elke hatte Anzeige erstattet. Katrins Gartenzaun – eine schlichte Holzkonstruktion mit Rankgitter, die ihr verstorbener Bruder vor Jahren aufgestellt hatte – sei angeblich vier Zentimeter zu hoch. Vier Zentimeter. Katrin stand in ihrer Küche, den Brief in der Hand, und rechnete auf der Rückseite eines Kassenzettels nach, wie viel Bußgeld ihr wohl drohte, während sich die Kaffeemaschine hinter ihr gluckernd abschaltete. Draußen zog Elke gerade mit ihrem Terrier vorbei, einen Zopf so straff gebunden, dass es an den Schläfen zog, und warf einen Blick herüber, der so selbstzufrieden war wie eine Katze mit einem erbeuteten Singvogel.
Die Woche bis zum Termin mit dem Bauprüfer war zermürbend. Katrin holte die alten Unterlagen vom Grundstückskauf hervor, las sich Paragrafen der Bayerischen Bauordnung durch, die sie nie hatte lesen wollen, und rechnete nach. Ihr Zaun war einsachtzig. Erlaubt waren einsachtzig. Aber was, wenn sich das Erdreich durch den Regen der letzten Jahre minimal verändert hatte? Solche Geschichten kannte man ja. Ein Nachbar aus der Siedlung, der früher beim Vermessungsamt gearbeitet hatte, raunte ihr zu: „Die Böhm spinnt doch. Die hat schon beim Neubau von den Müllers vor drei Jahren versucht, denen Steine in den Weg zu legen. Lass dich nicht unterkriegen.“ Das half ein bisschen, aber nachts schlief Katrin trotzdem schlecht. Sie träumte von Baggern, die ihren Garten aufrissen, von Rechnungen über sechs- oder siebentausend Euro, die sie nicht hatte.
Am Donnerstagmorgen stand der weiße Transporter des Bauamts vor der Tür. Es war kurz nach halb neun, ein frischer Frühlingstag mit diesem speziellen oberbayerischen Licht, das alles scharf und klar zeichnet. Der Prüfer, ein schlaksiger Mann Mitte fünfzig mit grauem Kurzhaarschnitt und einer abgewetzten Ledermappe, stellte sich als Herr Huber vor. Er roch schwach nach Pfefferminz und hatte die ruhige, unaufgeregte Art eines Menschen, der täglich mit hysterischen Grundstücksbesitzern zu tun hat.
Elke war natürlich auch da. Sie stand am Straßenrand, in ihrer beigefarbenen Golfjacke, die Arme vor der Brust verschränkt, und tat so, als müsse sie zufällig genau jetzt ihren Hund ausführen. Der Terrier schnüffelte teilnahmslos an einem Laternenpfahl. Zwei weitere Nachbarn hatten sich eingefunden – Frau Demir mit ihrem Kleinkind auf dem Arm und der alte Herr Scholz, der nie viel sagte, aber immer alles mitbekam.
Herr Huber zog sein Maßband aus, einen geeichten Laserentfernungsmesser und einen dieser altmodischen Zollstöcke aus Holz. Er maß den Zaun an fünf verschiedenen Stellen. Nochmal von der anderen Seite. Trat zwei Schritte zurück, kniff die Augen zusammen, kritzelte eine Zahl in sein Klemmbrett.
„Der Zaun ist völlig in Ordnung“, sagte er dann, so laut, dass es auf der Straße zu hören war. „Höchstmaß nach §6 der Einfriedungssatzung sind einsachtzig. Ihr Zaun liegt zwischen einsachtundsiebzig und einsneunundsiebzig, je nach Punkt. Kein Verstoß, keine Beanstandung. Alles im grünen Bereich.“
Katrin spürte, wie ihr die Knie weich wurden. Frau Demir lächelte hinter ihrem Kind hervor, und selbst Herr Scholz schob die Unterlippe vor und klopfte sich zufrieden auf den Bauch. Elke hingegen stand da wie versteinert, nur dass ihr Gesicht nicht steinern war, sondern sich langsam von fahl zu einer Art tiefem Rot verfärbte, das mit Würde nichts mehr zu tun hatte.
Aber Herr Huber war noch nicht fertig. Er hatte sich umgedreht und musterte nun Elkes Grundstück. Genauer: den nagelneuen Vorgarten, den Elke gerade erst vor zwei Wochen hatte fertigstellen lassen – die letzten Handwerker waren kaum vom Hof, die Fugen zwischen den Steinen noch hell und ungewittert. Drei Lagen Bruchsteinmauern, gestaffelt, mit eingelassenen LED-Spots. Dazwischen Rhododendren, Buchskugeln und ein automatisches Bewässerungssystem, das alle sechs Stunden sprühte. Katrin hatte die Baustelle zwar wochenlang gehört, aber die eigentliche Mauer stand hinter Elkes hoher Thujenhecke, die den Grenzverlauf zu Katrins Zaun bislang verdeckt hatte – erst jetzt, mit dem frisch gestutzten Grün, wurde der Verlauf überhaupt sichtbar. Ein kleines Juwel, für das Elke im Oktober auf der Nachbarschafts-App geworben hatte: „Endlich wieder Stil in dieser Straße. Nicht jeder muss hinterm Jägerzaun wohnen.“ Knapp fünfzehntausend Euro hatte sie dafür hingelegt, ausgeführt von einem Gärtnerbetrieb aus Hallbergmoos, der auf solche Prestigeprojekte spezialisiert war.
Herr Huber zückte erneut seinen Entfernungsmesser. Seine Miene war jetzt nicht mehr neutral, sondern hatte diesen Ausdruck, den Beamte bekommen, wenn sie etwas finden, von dem sie wissen, dass es Ärger gibt.
„Frau Böhm“, rief er über die Straße, „das ist jetzt aber interessant. Kommen Sie bitte mal her?“
Elke zögerte. Ihr Hund zog an der Leine, aber sie stand wie angewurzelt. Dann kam sie doch, mit kurzen, steifen Schritten.
„Sehen Sie“, sagte Herr Huber und deutete auf die unterste Bruchsteinmauer, die sich elegant in Richtung Gehweg schwang, „Ihr Grundstück endet laut Flurkarte hier.“ Er tippte mit dem Finger auf das aufgeklappte Tablet. „Diese Mauer steht dreißig Zentimeter auf städtischem Grund. Und die hier“ – er ging drei Schritte nach links, an den Rand zu Katrins Zaun, wo die frisch gestutzte Thuja jetzt eine Lücke freigab, durch die man die Steine erst richtig sah – „ragt satte fünfundvierzig Zentimeter auf das Nachbargrundstück. Ganz zu schweigen von der Bewässerungsleitung, die Sie quer unter dem städtischen Gehsteig verlegt haben, ohne Genehmigung. Das ist ein klarer Überbau nach §912 BGB, dazu ein Verstoß gegen die Sondernutzungssatzung der Stadt Freising. Ich schreib Ihnen das jetzt auf.“
Die Ruhe, die auf diesen Satz folgte, hatte fast etwas Körperliches. Sogar der Terrier winselte leise, als spürte er, dass sein Frauchen gerade von einer höheren Macht in die Schranken gewiesen wurde. Frau Demir machte ein Geräusch, irgendwo zwischen Husten und unterdrücktem Lachen. Herr Scholz schüttelte den Kopf, als wolle er sagen: Hab's doch gewusst.
Herr Huber stellte Elke eine Frist von dreißig Tagen. Dreißig Tage, um die Bruchsteinmauern auf eigene Kosten rückbauen zu lassen, die Bepflanzung zu entfernen, die Bewässerungsleitung stillzulegen und den Gehweg wieder in den ursprünglichen Zustand zu versetzen. Andernfalls, erläuterte er mit der monotonen Stimme eines Menschen, der diesen Satz schon tausendmal gesagt hatte, werde die Stadt die Arbeiten in Auftrag geben und ihr die Kosten in Rechnung stellen, zuzüglich eines Bußgelds von bis zu fünftausend Euro.
Elke sagte kein Wort. Sie nahm ihren Hund auf den Arm – ein Anblick, der fast grotesk wirkte, denn sie war keine Frau, die Hunde auf den Arm nahm – und ging ins Haus. Nicht mit Würde, nicht mit Trotz, sondern mit dem schweren Schritt eines Menschen, der gerade begriffen hat, dass er sich selbst die Grube geschaufelt hat, in die er andere stürzen wollte.
In den Wochen danach veränderte sich die Geräuschkulisse der Siedlung. Statt des leisen Sprühens der Bewässerungsanlage hörte man jetzt Hämmern, Stemmen, das Kreischen einer Flex. Ein Kleinlaster einer Baufirma aus Neufahrn stand fast täglich vor Elkes Haus. Männer in orangefarbenen Warnwesten trugen Bruchsteine ab, gruben die Rhododendren aus, verfüllten die Gräben. Katrin beobachtete es von ihrer Küche aus, mit einer Tasse Fencheltee in der Hand, und empfand etwas, das sie nicht genau benennen konnte. Es war keine Schadenfreude – die lag ihr nicht, dafür hatte das Leben sie zu oft an den Rand gedrängt. Es war eher eine stille Genugtuung, vermischt mit einer leisen Traurigkeit darüber, wie viel Energie diese Frau in Feindseligkeit gesteckt hatte statt einfach nur zu leben.
An einem Freitagnachmittag, die Arbeiten waren fast abgeschlossen und vor Elkes Haus klaffte nur noch eine braune, kahle Fläche da, wo einst das Prestige-Projekt geprangt hatte, klopfte es an Katrins Tür. Draußen stand Elke. Ohne Hund, ohne Golfjacke, nur in einer grauen Strickjacke, die sie älter machte, als sie war. Ihre Augen waren gerötet, aber sie weinte nicht. Sie hatte etwas in der Hand. Eine Topfpflanze – einen kleinen Lavendel, das Preisschild vom Dehner-Gartencenter klebte noch am Topf.
„Ich wollte mich entschuldigen“, sagte sie. Die Worte kamen rau, als müssten sie sich an etwas vorbeizwängen. „Das mit dem Zaun war… das war daneben. Und der Rest auch. Ich…“ Sie brach ab und streckte Katrin den Lavendel entgegen wie ein Kind, das nicht weiß, ob es Ärger oder Vergebung kriegt.
Katrin nahm den Topf. Sie spürte die raue Keramik unter ihren Fingern, roch den herben Duft des Lavendels, der sie kurz an die Provence erinnerte, wo sie mit ihrem Mann die letzten Urlaube verbracht hatte, damals, vor der Krankheit.
„Setzen Sie sich doch“, sagte sie und deutete auf den kleinen Bistrotisch auf der Terrasse. „Ich mach uns einen Kaffee. Entkoffeiniert, wenn Ihnen das recht ist. Meinen Kreislauf macht der andere nicht mehr mit.“
Sie wurden keine Freundinnen. Das wäre zu viel verlangt gewesen nach all den Jahren der Schikanen. Aber sie fanden so etwas wie einen Waffenstillstand. Manchmal, wenn Katrin im Garten saß und das Windspiel ihrer Großmutter leise im Abendwind klimperte – ein Geschenk zum zwanzigsten Geburtstag, vor über vierzig Jahren, dessen Klang schon an jenem Donnerstagmorgen über den Zaun geweht war, während Herr Huber sein Maßband ausrollte –, sah sie Elke auf der anderen Straßenseite beim Rosenbinden, und sie nickten sich zu. Nicht herzlich, aber friedlich.
Und ein einziges Mal, das war Ende September, als die ersten Blätter von der alten Eiche fielen und die Sonne tief und golden durch die Siedlung schnitt, da rief Elke über die Straße: „Der Lavendel ist aber schön geworden, Frau Hartmann!“
Katrin strich mit der Hand kurz über die kleinen violetten Blüten, die sich im Wind neben dem Windspiel wiegten. Sie hatte den Lavendel in einen größeren Topf gesetzt und goss ihn jeden zweiten Abend. Er gedieh prächtig.
