An dem Tag, als ich aufhörte, einem alten Mann die Post zu bringen, wartete sein alter Kater weiter am Fenster

An dem Tag, als ich aufhörte, einem alten Mann die Post zu bringen, wartete sein alter Kater weiter am Fenster

An dem Tag, als ich Herrn Kanbach keine Post mehr auf die Veranda bringen konnte, sah ich seinen roten Kater noch lange vor mir.

Am Fenster.

Wartend.

Elf Jahre lang lief ich dieselbe Zustellroute im Osten der Stadt. Dieselben rissigen Gehwege, dieselben verbeulten Briefkästen, dieselben kleinen Gewohnheiten, die den meisten Menschen erst auffallen, wenn sie plötzlich fehlen.

Das Haus von Herrn Kanbach gehörte dazu.

Ein kleines weißes Reihenendhaus mit abblätternder Farbe, zwei schiefen Stufen vor der Tür und einem Wohnzimmerfenster, hinter dem fast immer dieselben Augen zu sehen waren.

Nicht seine.

Die vom Kater.

Er hieß Adal. Ein großer roter Kater mit eingerissenem Ohr und einem Gesichtsausdruck, als sei er von der ganzen Menschheit grundsätzlich enttäuscht. Jeden Morgen saß er am Fenster, als würde ihm die halbe Straße gehören.

— Den Adal müssen Sie nicht ernst nehmen, sagte Herr Kanbach manchmal. — Der denkt, er überwacht hier alles.

Ich gab ihm die Post, und Adal sah mich an, als wäre ich zu spät. Selbst dann, wenn ich pünktlich war.

Herr Kanbach lebte allein. Seine Frau war schon lange tot. Ob er Kinder hatte, wusste ich nie genau. Gesehen habe ich jedenfalls nie jemanden. Er war höflich, still, einer von den älteren Männern, die ein Danke mit einem kleinen Nicken ausdrücken.

An manchen Tagen hatte ich das Gefühl, dass ich der erste Mensch war, mit dem er sprach.

Und vielleicht auch der letzte.

Also blieb ich, wenn es ging, noch einen Moment stehen.

Fragte nach dem Wetter. Jammerte über meine Knie. Hörte mir an, wie Adal einmal einen ganzen Hefezopf aus der Küche geklaut hatte und danach so unschuldig auf der Zeitung lag, dass Herr Kanbach ihm fast geglaubt hätte.

Nichts Großes.

Nur genug, damit ein Mensch merkt, dass er noch da ist.

Dann war an einem Montag der Briefkasten voll.

Das kommt vor. Leute verreisen. Leute vergessen.

Am Mittwoch steckten Werbeblätter quer darin, und ein dicker Umschlag hing schon halb heraus. Die Gardinen waren zugezogen. Adal saß nicht am Fenster.

Ich stand länger da, als ich sollte, mit einem Stapel Post in der Hand und diesem kalten Gefühl in der Brust, das man nicht erklären kann.

Ich klopfte.

Nichts.

Am Donnerstagnachmittag erfuhr ich von einer Frau zwei Häuser weiter, was passiert war.

— Herr Kanbach ist gestorben. Im Sessel. Natürlich, sagten sie. Wahrscheinlich schon am Wochenende.

Ich weiß kaum noch, was ich antwortete. Ich erinnere mich nur an meine Schritte zurück zum Postauto. An das dumme Gewicht von Prospekten, Rechnungen und Katalogen in meiner Tasche.

Und an das leere Fenster.

Am Freitag fragte ich die Nachbarin:

— Wissen Sie, was aus dem Kater geworden ist?

— Aus Adal? Den hat das Tierheim abgeholt.

Ich nickte, als wäre das in Ordnung.

Aber es war nicht in Ordnung.

Abends saß ich in meiner Wohnung, wärmte mir Suppe auf und ließ den Fernseher stumm laufen. Ich war seit acht Jahren geschieden. Meine Tochter lebte zwei Bundesländer weiter. Wir telefonierten, aber nicht so oft, wie wir beide sollten.

Meine Wohnung war ordentlich.

Still.

Auf eine Weise einsam, die ich mir lange nicht eingestanden hatte.

Und die ganze Zeit sah ich diesen roten Kater am Fenster sitzen, wartend auf einen Menschen, der nie wiederkommen würde.

Am Sonntagmorgen fuhr ich zum Tierheim.

Ich redete mir ein, ich wollte nur mal nachsehen.

Das war gelogen.

Eine junge Frau am Empfang suchte Adal im Computer.

— Senior-Kater. Seit er hier ist, sehr zurückgezogen. Frisst kaum. Ältere Tiere kommen mit Veränderungen oft schlecht klar.

Sie führte mich an bellenden Hunden und nervösen Katzen vorbei. Hinten blieb sie vor einem Gehege stehen.

Im ersten Moment erkannte ich ihn kaum.

Adal lag zusammengerollt in einer Ecke auf einer Decke. Das Fell war stumpf. Die Schultern hingen. Er saß nicht mehr aufrecht und hochnäsig da wie früher. Er wirkte, als wollte er möglichst wenig Platz auf dieser Welt einnehmen.

— Eigentlich ignoriert er alle, sagte die junge Frau.

Ich trat näher.

Adal hob den Kopf.

Er sah mich einen langen Moment an.

Dann stand er auf, ging direkt nach vorne ans Gitter und drückte sein Gesicht dagegen.

Kein Miauen. Kein Theater.

Nur dieser Blick.

So, als wollte er sagen:

„Na endlich. Wo warst du denn?“

Ich wünschte, ich könnte sagen, ich hätte mich zusammengerissen.

Habe ich nicht.

Irgendetwas in mir brach in diesem Gang einfach auf. Vielleicht war es die Trauer um Herrn Kanbach. Vielleicht schlechtes Gewissen. Vielleicht die Erkenntnis, dass ich all die Jahre nie darüber nachgedacht hatte, dass dieser Kater mich genauso wahrgenommen haben könnte wie ich ihn.

Aber genau das hatte er.

Von allen Menschen auf der Welt war ich ihm vertraut.

— Was muss ich unterschreiben? fragte ich.

Die junge Frau blinzelte.

— Sie wollen ihn wirklich mitnehmen?

Ich lachte und hatte Tränen in den Augen.

— Ich glaube, der Kerl hat längst entschieden.

In der ersten Nacht bei mir zu Hause kroch Adal drei Stunden unter das Sofa. Ich stellte Futter hin, Wasser, eine Decke. Dann setzte ich mich auf den Boden.

— Schon gut, sagte ich. — Ich bin auch nicht gut in neuen Anfängen.

Gegen neun Uhr kam er hervor, sprang auf den Sessel am Fenster und setzte sich in die Dunkelheit.

Mir wurde eng im Hals.

Für einen Moment dachte ich, er würde immer noch auf Herrn Kanbach warten.

Dann stand ich auf, um die Tür abzuschließen. Adal drehte sich um, sprang vom Sessel und lief hinter mir her in die Küche. Dort strich er einmal langsam und sicher um mein Bein.

So, als hätte er gerade beschlossen:

Das ist jetzt hier.

Das ist jetzt unser Zuhause.

Das ist sieben Monate her.

Heute sitzt jeden Nachmittag, wenn ich nach Hause komme, ein roter Kater an meinem Fenster. Nicht, weil er die Vergangenheit vergessen hat. Sondern weil er trotz allem beschlossen hat, wieder zu warten.

Diesmal auf mich.

Eines Tages stand ein Mann vor meiner Tür. Der Sohn von Herrn Kanbach. Er hatte von der Nachbarin erfahren, dass Adal bei mir war. Er wirkte unsicher, als hätte er Angst vor dem Kater und vor sich selbst.

— Ich wusste nicht, dass mein Vater so allein war, sagte er.

Ich sagte nicht: Doch, das hätten Sie wissen können.

Manchmal ist Schuld schon laut genug.

Adal kam aus dem Wohnzimmer, roch an seinen Schuhen und setzte sich zwischen uns. Der Mann begann zu weinen.

Seitdem kommt er ab und zu. Er bringt alte Fotos mit. Ich koche Kaffee. Adal liegt auf dem Fensterbrett und tut so, als interessiere ihn nichts. Aber wenn der Mann geht, bleibt er noch lange an der Tür sitzen.

Ich habe keinen großen Heldenmut bewiesen.

Ich habe nur einen alten Kater aus dem Tierheim geholt.

Aber manchmal rettet man nicht nur das Wesen, das man mitnimmt.

Manchmal trägt es auch dich aus deiner eigenen Einsamkeit heraus.

Verlust verschwindet nicht.

Er bekommt nur einen anderen Platz, wenn wieder jemand am Fenster wartet.

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