Das Licht im Treppenhaus flackerte noch, als ich den Schlüssel ins Schloss schob.

In der Wohnung roch es nach Bohnerwachs und altem Kaffee — genau wie vor zwanzig Jahren. Meine Hand blieb am Türgriff hängen. Ich stand einfach da und wartete. Wartete auf das vertraute Rascheln von der Küche her, auf das leise Radio, das er immer laufen ließ, während er die Spätschichttabletten sortierte. Aber da war nichts, bloß das Summen der Straßenbahn vor dem Fenster in Bielefeld.

Henning war der Bruder meiner Mutter. Das wusste ich von Anfang an. Meine Eltern starben bei einem Unfall auf der A2, als ich sieben war — Glatteis, kurz hinter der Anschlussstelle Gütersloh. Danach gab es ein langes Hin und Her zwischen dem Jugendamt und Verwandten, von denen ich die Hälfte noch nie gesehen hatte. Onkel Henning meldete sich als Einziger. Er kam mit einem zerbeulten Opel Kadett zur ersten Besprechung, trug einen Blaumann mit Ölflecken an den Knien und sagte: „Das wird schon, Mädchen.“

Er sprach nie viel. Aber am Tag meines Einzugs stand im Kinderzimmer ein Bett, das er selbst zusammengezimmert hatte, mit einer Tagesdecke, auf die jemand mit grünem Garn winzige Blumen gestickt hatte. Seine Nachbarin, wie ich später erfuhr. „Die alte Frau Hoffmann hat gesagt, das gehört sich so“, meinte er nur und ging Kartoffeln schälen.

Wir hatten nie Geld im Überfluss. Er arbeitete in einer Kfz-Werkstatt an der Herforder Straße, und manchmal nahm er mich samstags mit. Während er unter einem Golf h lag, saß ich auf einer umgedrehten Getränkekiste und schrieb Hausaufgaben. Einmal fand ich im Handschuhfach eine halbe Tafel Schokolade, eingewickelt in ein Stück Löschpapier. Kein Wort dazu. Er klopfte mir nur kurz auf die Schulter und griff nach dem nächsten Schraubenschlüssel.

Nie hat er gesagt, dass mein Leben schwer sei. Aber er war da, wenn ich nachts schreiend aus dem Traum hochschreckte, und er stellte mir still ein Glas Wasser auf den Nachttisch, ohne das Licht anzumachen. Morgens fand ich Brotdosen in meinem Rucksack, belegte Brötchen, eingewickelt in Wachspapier. Irgendwann hörte ich auf, ihn zu fragen, wann er Zeit dafür gehabt hatte.

Als ich vierzehn war, kam die Krebsdiagnose.

Henning tat es mit einem Achselzucken ab. „Das reparieren die schon“, sagte er beim Abendessen und schob mir die Schüssel mit den Pellkartoffeln rüber. Aber dann begannen die Krankenhausaufenthalte, erst drei Tage, dann eine Woche, dann zwei. Sein Kadett stand immer öfter ungenutzt im Hof. Ich brachte ihm Sachen vorbei — Rasierwasser, das ihm nicht gehörte, weil er nie welches benutzte, aber ich dachte, vielleicht will er jetzt damit anfangen.

Am letzten Nachmittag war ich allein bei ihm. Draußen klapperte ein Fenster im Wind, auf dem Tisch stand eine unberührte Tasse Kamillentee. Ich wollte ihm die Decke zurechtrücken, aber er hielt meine Hand fest. Drückte sie mit seinen rauen Werkstattfingern.

„Du musst den Vergaser von deinem Dasein selber einstellen lernen“, sagte er.

Ich musste lachen, und es klang scheußlich, ein halbes Schluchzen mitten im Kichern. So sprach er immer, seit ich zwölf war und er mir beigebracht hatte, die Zündkerzen an seinem Wagen zu wechseln. Das halbe Auto hatte er an diesem einen Nachmittag als Metapher fürs Leben verwendet.

„Hör nicht auf mit der Uni. Ich will keine halben Sachen.“ Er hustete und wartete einen Moment. „Und fang nicht an, irgendwelchen Leuten hinterherzulaufen, die nie nach dir gefragt haben. Das lohnt nicht. Glaub mir.“

Ich versprach es. Ich versprach, alles zu tun, was er sagte. Ich versprach, zu kochen, auch wenn ich noch immer nicht wusste, wie man verhindert, dass Nudeln am Topfboden kleben. Ich versprach ihm, dass ich klarkommen würde.

Als ich die Station verließ, trug ich seine abgewetzte Lederjacke über dem Arm — er bestand darauf, dass ich sie mitnehme, gegen den Wind. Sie roch nach Öl und Tabak und irgendwie nach Sicherheit.

Drei Tage später war er tot.

Die Beerdigung war an einem grauen Vormittag im November. Zehn Leute, vielleicht zwölf. Frau Hoffmann legte Rosen ab. Zwei Mechaniker von der Werkstatt standen verlegen herum und wussten nicht, wohin mit ihren Händen. Ich redete nicht viel. Ich schaute auf den Sarg und dachte: Dieser Mann hat an einem Sonntagnachmittag einen ganzen Nachmittag lang über den Unterschied zwischen Gleichstrom und Wechselstrom referiert, nur weil ich in Physik eine schlechte Note geschrieben hatte.

Als ich zurück in die Wohnung kam, legte ich die Jacke auf den Stuhl neben der Tür — den Stuhl, auf dem er immer saß, um sich die Schuhe auszuziehen. Ich machte den Kühlschrank auf, einfach so, aus Gewohnheit. Im Gemüsefach lag eine Auflaufform, mit Klarsichtfolie bedeckt. Selbstgemachter Kartoffelauflauf, den er noch vorbereitet hatte, bevor der letzte Krankentransport kam. Daneben, angelehnt an eine Packung Margarine, ein mit Bleistift bekritzeltes Stück Notizpapier: eine Liste. „Milch, Brot, Paprika. Müll runterbringen am Dienstag. Für Lina: Winterschuhe besorgen im Karstadt, Größe 39.“

Ich stand da, das Papier in der Hand, und konnte nicht mehr aufhören zu weinen.

Er hatte Pläne gemacht. Einkaufslisten. Termine für die Mülltonne. Gedanken über Winterschuhe, die ich brauchen würde, wenn der Schnee kam. Einen Alltag, der weitergehen sollte, mit mir mittendrin.

In der ersten Woche danach schlief ich im Flur. Nicht im Bett — auf einer zusammengerollten Schaumstoffmatratze, die ich aus der Abstellkammer gezerrt hatte, direkt neben der Wohnungstür. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht, weil ich ihm näher sein wollte. Vielleicht, weil ich dachte, von da aus würde ich als Erste hören, wenn der Schlüssel sich umdreht.

Am zehnten Tag ging ich zurück in die Werkstatt. Sein Chef, ein mürrischer Hamburger, drückte mir wortlos einen Umschlag mit dem letzten Lohn in die Hand und ließ mich eine Stunde in der Ecke sitzen, während die Jungs einen Audi auseinandernahmen. Niemand sagte ein Wort. Aber einer stellte mir einen Becher Kaffee auf die Werkbank, mit zwei Stückchen Zucker.

Heute bin ich einundzwanzig. Keine Eltern. Keinen Onkel mehr, der sich still in mein Leben gestellt hat, als wäre er schon immer dort gewesen. Die Leute sagen, mit der Zeit wird es leichter. Ich glaube, das ist die falsche Metapher, und Henning hätte es nicht gelten lassen. Er hätte gesagt, man gewöhnt sich an den Motor, der unrund läuft, irgendwann hört man das Schleifen nicht mehr raus. Aber er läuft trotzdem weiter.

Ich studiere jetzt Maschinenbau in Hannover, aber die kleine Wohnung in Bielefeld habe ich behalten. Letzte Woche fiel mir ein alter Zettel in die Hände, den ich in einem seiner Werkstatthandbücher versteckt hatte — eine Skizze, die er von mir gezeichnet hatte, als ich ungefähr neun war. Ein Strichmännchen mit zu vielen Haaren. Darunter stand mit Kugelschreiber: „Kann Zylinderkopfdichtung erklären (theoretisch). Praktisch: noch Nachholbedarf. Wird aber. Ganz sicher wird das.“

An dem Abend schraubte ich am Türgriff der Wohnung herum, der schon seit Monaten gewackelt hatte. Ich griff nach dem Imbusschlüssel und zog die kleinen Schrauben nach, eine nach der anderen. Das Fenster im Bad klemmte seit Jahren; ich öffnete es weit, bis der Mechanismus klickte und endlich wieder richtig schloss.

Ich repariere. Ich mache weiter. Und wenn ich die Tür aufschließe, sage ich nichts mehr. Aber manchmal, wenn ich das Brot aus der Tüte nehme, vergesse ich, nur eine Hälfte zu kaufen.

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Odissea
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