Lotte Vennemann hat sechsunddreißig Jahre lang in derselben Küche in Rheine gestanden, am Fenster mit Blick auf den Garten ihrer Mutter, und dort, wo früher fünf Stühle um den Tisch standen, steht jetzt nur noch einer.
Sie erinnert sich an den Geruch von Streuselkuchen, der samstags durchs ganze Haus zog, und an das Kratzen der Melkmaschine draußen im Stall, wenn ihr Vater noch lebte und der Hof noch ein Hof war und keine Ferienwohnung mit Frühstücksbuffet. Vier Geschwister waren sie: Lotte, die Älteste, dann Ingo, dann die Zwillinge Renate und Brigitte. Und jeden zweiten Advent saßen sie zusammen, stritten sich über die Erbschaft der Streuobstwiese, über wer die Mutter im Pflegeheim öfter besuchte, über eine Nähmaschine, die angeblich versprochen worden war – lauter Kleinigkeiten, die sich damals riesig anfühlten.
Ingo und sie hatten sich vor elf Jahren zerstritten. Wegen des Hofes. Er wollte verkaufen, sie wollte ihn behalten, für die Kinder, für später, für irgendein Später, das nie richtig definiert war. Am Ende hatte er ihr am Telefon gesagt, sie solle sich nicht mehr melden, wenn sie so stur sei, und sie hatte aufgelegt und gedacht: gut, dann eben nicht. Elf Jahre. Keine Weihnachtskarte, keine Geburtstags-SMS, nichts. Zweimal war er ihr in der Stadt begegnet, einmal vorm Edeka in der Emsstraße, und beide hatten so getan, als würden sie in ihren Handys etwas Wichtiges lesen.
Renate rief am Dienstag an, kurz vor acht, als Lotte gerade die Spülmaschine ausräumte.
„Lotte." Nur das. Dann eine Pause, die zu lang war für eine normale Pause.
„Was ist."
„Ingo liegt im Mathias-Spital. Herzinfarkt. Heute Mittag, beim Rasenmähen."
Lotte stand da mit einer nassen Tasse in der Hand und hörte, wie draußen der Nachbarshund bellte, dieser räudige Mischling, der immer bellte, wenn der Postbote kam, obwohl es viel zu spät für die Post war. Sie stellte die Tasse ab. Sie stellte sie noch einmal anders hin, gerader, als würde das etwas ändern.
„Ist er—"
„Er lebt. Aber es steht nicht gut."
Sie fuhr in dreiundzwanzig Minuten die vierzig Kilometer nach Rheine, obwohl sie sonst für die Strecke eine gute halbe Stunde brauchte, und auf der A30 dachte sie an die Nähmaschine, an das dumme, lächerliche Ding, das nie mehr wert gewesen war als vielleicht hundertfünfzig Euro, und an die Frage, wann genau aus einem Streit ein Schweigen geworden war und aus dem Schweigen elf Jahre.
Im Wartebereich der Kardiologie saßen Renate und Brigitte schon, beide mit demselben grauen Gesicht, das Geschwister manchmal teilen, ohne es zu wollen. Auf dem Fernseher über ihnen lief lautlos eine Nachrichtensendung, Untertitel über irgendeiner Debatte im Bundestag, und niemand schaute hin.
„Er fragt nach dir", sagte Brigitte. „Vorhin, bevor sie ihn reingebracht haben."
„Nach mir?"
„Er hat deinen Namen gesagt. Nur deinen."
Lotte ging den Flur entlang, an dem Desinfektionsmittelspender vorbei, der bei jeder Berührung dieses metallische Klick-Geräusch machte, bis sie vor Zimmer 214 stand. Durch die Tür sah sie ihn: schmäler geworden, das Haar fast ganz weiß, ein Schlauch in der Nase, ein Monitor, der in gleichmäßigen grünen Zacken sein Herz nachzeichnete.
Er öffnete die Augen, als sie sich neben das Bett setzte.
„Du bist gekommen", sagte er. Die Stimme war dünn, brüchig an den Rändern.
„Natürlich bin ich gekommen."
„Elf Jahre, Lotte."
„Ich weiß."
„Wegen einer Wiese."
„Wegen einer Wiese und einer Nähmaschine und einem Haufen Stolz", sagte sie, und er lachte, ein kurzes, trockenes Lachen, das sofort in Husten umschlug, und sie griff nach seiner Hand, die kalt war und leicht zitterte.
„Ich hab dir viel zu sagen gehabt", sagte er, „und ich hab's nie gesagt."
„Sag's jetzt."
Er schwieg einen Moment, sah zur Decke, wo ein Wasserfleck die Form von irgendetwas Unbestimmtem hatte.
„Es tut mir leid. Wegen dem Telefonat damals. Ich war wütend auf Papa, nicht auf dich. Er hatte dir den Hof versprochen, mündlich, und mir nie was, und ich hab's an dir ausgelassen."
„Das wusste ich nicht."
„Ich weiß. Hab's dir nie erzählt."
Sie blieb bis nach Mitternacht, dann noch die ganze Nacht, dann noch zwei weitere Tage, während die Werte sich stabilisierten und die Ärzte von einer vorsichtigen Prognose sprachen. Renate brachte Kaffee aus dem Automaten im Erdgeschoss, dreimal am Tag, immer denselben, viel zu dünn, und die vier saßen zusammen im Wartebereich, redeten über nichts und über alles, über die Zwillinge von Brigitte, über Ingos Diabetes, über die Mutter, die seit vier Jahren nicht mehr wusste, wer sie waren.
Am vierten Tag durfte er nach Hause, zu seiner Frau Karin und dem kleinen Reihenhaus in Elte, und Lotte fuhr mit, obwohl niemand sie darum gebeten hatte.
Sechs Wochen später stand sie in ihrer Küche in Rheine, an demselben Fenster, und holte einen Ordner aus der Schublade unterm Besteckfach – braun, mit dem handschriftlichen Etikett „Kiesbecker Hof – Unterlagen", das ihre Mutter vor Jahrzehnten geklebt hatte. Sie hatte einen Termin bei Notarin Susanne Deitmer in der Innenstadt gemacht, für den Mittwoch danach, halb elf.
Im Büro, zwischen dem Aktenschrank und einem vertrockneten Ficus, unterschrieb sie die Übertragung: die Streuobstwiese hinter dem alten Stallgebäude, dreitausendzweihundert Quadratmeter, jetzt zu gleichen Teilen ihr, Ingo, Renate und Brigitte – nicht mehr allein ihr, wie es im Testament des Vaters gestanden hatte. Sechsunddreißigtausend Euro Verkehrswert, geteilt durch vier. Ingo bekam seinen Anteil als Bareinzahlung, weil er das Grundstück nie hatte behalten wollen; die Wiese selbst blieb den drei Schwestern.
Die Notarin reichte den Stift weiter, einen nach dem anderen, und als Ingo unterschrieb, zitterte seine Hand noch ein wenig vom Infarkt, aber er unterschrieb, ohne zu zögern.
Danach saßen sie zu viert im Café Extrablatt am Markt, bestellten vier Stück Streuselkuchen, weil Brigitte darauf bestand, dass es genau der von früher sein müsse, obwohl keiner von ihnen ernsthaft glaubte, dass ein Café-Kuchen an die Küche der Mutter herankommen könnte.
„Auf die Wiese", sagte Renate und hob ihre Kaffeetasse.
„Auf dass keiner mehr elf Jahre braucht", sagte Ingo und sah Lotte an.
Sie stießen an, die vier Tassen, ein leises Klirren im Lärm des Cafés, und draußen vor dem Fenster fuhr die Straßenbahn Richtung Bahnhof vorbei, und irgendwo bellte wieder ein Hund, nicht der Nachbarshund diesmal, ein fremder, aber es klang fast gleich.
