Der Nachbar mit der Werft in Warnemünde

„Wessen Name steht da auf dem Firmenschild?" Ilse Voglers Stimme kippte, als sie an der Kranbrücke stehen blieb. Wo gestern noch „Vogler Yachtwerft" gestanden hatte, prangte jetzt in frischer Farbe: „Reuter Yachtwerft". Sie hatte die Aktenmappe mit den Gesellschafterunterlagen fest unter den Arm geklemmt, als könnte man ihr auch die noch wegnehmen.

Ich heiße Frank Bittner, sechsundfünfzig, und ich habe siebzehn Jahre lang die Segelboote in der Marina von Warnemünde gewartet. Man kennt da jeden. Man kennt auch Konflikte, die sich über Jahre hinziehen, bis sie eines Tages reißen wie ein zu lang gespannter Tampen.

Gegenüber von meiner Werkstatt liegt das Grundstück von Ilse, dreiundsiebzig, seit zwei Jahren Witwe des Kapitäns Heinrich Vogler, die dort ihre kleine Bootsvermietung betreibt. Direkt daneben, durch einen Maschendrahtzaun getrennt, liegt die Yachtwerft, die Heinrich vor zwölf Jahren zusammen mit Ilse aufgebaut hatte. Sein Neffe Matthias Reuter, dreiundvierzig, war schon damals als angestellter Werftmeister dabei — Heinrichs einziger männlicher Verwandter, den Ilse selbst mit großgezogen hatte, weil seine Eltern sich früh scheiden ließen und er die Sommer über bei ihnen auf dem Grundstück lebte. Nach Heinrichs Tod hatten Ilse und Matthias mündlich vereinbart, dass er binnen eines Jahres zum Juniorpartner aufsteigen sollte, sobald die Erbschaft geregnet war. Doch noch bevor der Nachlass überhaupt eröffnet wurde, machte sich Matthias selbst zum Alleininhaber.

Die Sache fing damit an, dass Matthias behauptete, Heinrich habe ihm die Werft testamentarisch vermacht. Ilse, die als Mitgesellschafterin im Handelsregister stand, bekam das erst mit, als schon das neue Firmenschild an der Kranbrücke hing. Zwölf Jahre hatte sie mit Heinrich diese Werft aufgebaut, jeden Winter die Bücher geführt, jeden Kunden persönlich betreut — und dann stand plötzlich Matthias' Name allein auf dem Handelsregisterauszug.

Ich habe die beiden oft beobachtet, wenn ich am Steg vorbeikam, um Fender an meine Kunden zu liefern. Matthias fuhr einen dunkelblauen Audi Q5, den er sich, wie man munkelte, von den ersten Werfteinnahmen gekauft hatte, noch bevor überhaupt eine ordentliche Bilanz stand. Ilse dagegen fuhr weiter ihren alten Opel Kadett, den sie seit 1998 hatte, mit einer Musikkassette von Roland Kaiser im Autoradio, die seit Jahren feststeckte.

Anderthalb Jahre nach Heinrichs Tod, an einem Dienstagnachmittag im August, sah ich, wie Ilse mit ihrer Aktenmappe zur Werft ging. Der Ostwind wehte den Geruch von Teer und Möwenkot über den Yachthafen, so wie er das jeden Sommer tut. Matthias stand am Kai und rief seinem Lehrling etwas zu wegen eines Motorbootes, das aufgebockt werden sollte.

„Du hast kein Recht mehr, hier reinzuspazieren", sagte er, als er sie sah. Er wischte sich die Hände an einem öligen Lappen ab, ohne sie ihr anzubieten.

„Ich bin Mitgesellschafterin, Matthias. Das steht schwarz auf weiß im Handelsregister von Rostock."

„Der Auszug ist veraltet. Ich hab das längst ändern lassen."

„Ohne meine Unterschrift geht das gar nicht."

Er lachte, kurz und trocken, wie jemand, der eine Fliege verscheucht. „Frag deinen Anwalt. Ich hab meinen schon gefragt."

Ich hab weitergearbeitet, mit dem Schraubenzieher an einer Bugklampe, aber ich hab jedes Wort mitbekommen. Der Kater der Nachbarin, ein räudiger Roter namens Ferdinand, strich mir dabei um die Beine, als wäre nichts.

Was in den Monaten davor wirklich passiert war, erfuhr ich erst später, aus erster Hand — Ilse selbst hat es mir auf der Treppe des Amtsgerichts erzählt, kurz bevor die Verhandlung begann. Matthias war, etwa ein Jahr nach Heinrichs Tod, mit einem angeblichen Nachtrag zum Testament beim Notar Brandt in Rostock vorstellig geworden — ein Schriftstück, das die alleinige Übertragung der Werft an ihn belegen sollte. Brandt hatte Zweifel an der Echtheit der Unterschrift geäußert, ließ sich aber von Matthias' Drängen — er müsse „schnell handeln wegen laufender Verträge mit der Rostocker Reederei" — dazu bewegen, die Urkunde dennoch zu beglaubigen und die Übertragung amtlich einzutragen. Mit dieser beglaubigten Urkunde ging Matthias zur Bank, legte den Handelsregisterauszug samt Testamentsnachtrag vor und ließ sich als alleinigen Kontoinhaber eintragen. Die Bank prüfte nur die Papierform, nicht die Echtheit der Unterschrift — so kam er an das Geld, ohne dass Ilse etwas davon ahnte.

Sie erfuhr es erst wenige Wochen später, im Juli, als die Bank ihr mitteilte, dass das Firmenkonto der Werft — auf dem sich vierundvierzigtausend Euro befanden, angespart über zwölf Jahre gemeinsamer Arbeit — auf einen neuen alleinigen Kontoinhaber umgeschrieben worden war.

Ich erinnere mich an den Tag, als sie das erfuhr. Es war ein Freitagabend, kurz vor Sonnenuntergang, die Möwen kreischten wie immer über dem Fischkutter, der gerade seinen Fang löschte. Ilse saß auf der Bank vor ihrem Bootsverleih, mit einer Thermoskanne Kaffee, die sie nicht anrührte. Ihr Kater lag neben ihr und schnurrte, als wäre alles in Ordnung.

„Vierundvierzigtausend Euro", sagte sie zu mir, als ich vorbeikam, um Feierabend zu machen. „Zwölf Jahre Arbeit. Und er hat es sich in drei Wochen unter den Nagel gerissen."

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Man sagt in solchen Momenten meistens die falschen Dinge, also hab ich ihr nur eine Tasse von meinem eigenen Kaffee angeboten, obwohl der schon kalt war.

Die Wochen danach wurden härter. Matthias begann, Kunden abzuwerben, die eigentlich zu Ilses Bootsvermietung gehörten, indem er ihnen günstigere Konditionen für die Werftreparaturen anbot, wenn sie stattdessen bei ihm chartern. Er ließ auch den gemeinsamen Zufahrtsweg zur Steganlage mit einer Kette versperren, offiziell wegen „Bauarbeiten", die es nie gab. Ilse musste ihre Kunden über einen Umweg durch den Nachbargarten führen, vorbei an einem alten Sonnenschirm, der seit Jahren aufgespannt in der Ecke stand und nie wieder zugeklappt wurde, weil das Gestänge verrostet war.

Ich hab in dieser Zeit öfter mit Ilse geredet, während ich an den Booten arbeitete. Sie erzählte mir, wie sie Heinrich kennengelernt hatte, 1979, auf einer Ostseefähre nach Gedser, wie sie beide von nichts angefangen hatten und die Werft Stück für Stück aus einer alten Fischerhütte aufgebaut hatten. Matthias, sagte sie, sei als Kind oft bei ihnen gewesen, in den Sommerferien, weil seine eigenen Eltern sich scheiden ließen. Sie hatte ihn mit großgezogen, mehr als seine leibliche Mutter es je getan hatte.

„Ich hab ihm das Segeln beigebracht", sagte sie einmal, während sie eine Angelschnur entwirrte, die sich um einen Poller verheddert hatte. „Auf genau diesem Steg."

Anfang September eskalierte die Sache. Ilse hatte, auf Anraten ihrer Anwältin Sabine Kortmann aus Rostock, eine einstweilige Verfügung erwirkt, um die Kontoauflösung rückgängig zu machen und die Übertragung der Werft zu blockieren. Der Gerichtstermin war für einen Mittwochmorgen im Amtsgericht Rostock angesetzt.

Ich war zufällig an dem Tag auch in Rostock, weil ich Ersatzteile für einen Dieselmotor abholen musste, und traf Ilse vor dem Gerichtsgebäude. Sie trug einen dunkelblauen Mantel, den ich noch nie an ihr gesehen hatte, und hielt ihre Aktenmappe so fest umklammert, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Matthias kam mit seinem eigenen Anwalt, einem jungen Mann mit Aktentasche aus Nappaleder, der ständig auf sein Handy schaute. Als er Ilse sah, sagte er nichts, aber sein Kiefer spannte sich, als würde er etwas zurückhalten wollen.

Im Gerichtssaal legte Frau Kortmann die Beweise vor: die Kontoauszüge, die Originalgesellschafterurkunde von 2011, und ein Gutachten eines Schriftsachverständigen, der bestätigte, dass die Unterschrift des verstorbenen Heinrich Vogler auf dem angeblichen Testamentsnachtrag mit einer Genauigkeit von siebenundneunzig Prozent gefälscht war — verglichen mit fünf authentischen Vergleichsunterschriften aus den letzten Lebensjahren des Verstorbenen.

Matthias' Anwalt versuchte, das Gutachten anzuzweifeln, aber die Richterin, eine Frau namens Dr. Ohlendorf, ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie fragte Matthias direkt, warum er es derart eilig gehabt hatte, den Notartermin wahrzunehmen, noch bevor die Erbengemeinschaft überhaupt vollständig informiert worden war, und warum Notar Brandt trotz eigener Zweifel die Urkunde beglaubigt hatte.

Matthias stotterte etwas von „laufenden Verpflichtungen gegenüber der Reederei" und „Zeitdruck wegen der Saison". Die Richterin unterbrach ihn.

„Herr Reuter, das Gericht erkennt hier ein klares Muster der vorsätzlichen Täuschung. Die einstweilige Verfügung wird erlassen. Das Konto wird eingefroren, bis die Erbauseinandersetzung endgültig geklärt ist. Und ich empfehle dem Staatsanwalt, eine Prüfung wegen Urkundenfälschung einzuleiten."

Ilse sagte während der gesamten Verhandlung kaum ein Wort. Erst danach, auf den Stufen des Amtsgerichts, wandte sie sich zu Matthias um, der mit hängenden Schultern neben seinem Anwalt stand.

„Ich hätte dir die Hälfte gegeben. Freiwillig. Du musstest nur fragen."

Er sagte nichts. Er stieg in seinen Audi und fuhr davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Die Kontosperre bestätigte das Gericht endgültig sechs Wochen später, im November. Zeitgleich leitete die Staatsanwaltschaft Rostock, wie von Dr. Ohlendorf empfohlen, ein Verfahren gegen Matthias wegen Urkundenfälschung ein. Frau Kortmann berichtete Ilse, und über sie auch mir, dass Matthias vor Gericht schließlich ein Geständnis ablegte, um einer Anklage wegen zusätzlichen Betrugs zu entgehen. Er wurde zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung verurteilt und musste die vierundvierzigtausend Euro vollständig an die Werft zurückzahlen. Notar Brandt selbst geriet wegen der voreiligen Beglaubigung ins Visier der Notarkammer; ob und welche Konsequenzen das für ihn hatte, weiß ich nicht — das war nicht mehr meine Geschichte.

Ilse ließ, sobald das Gericht die Kontosperre bestätigt hatte, ihre Anwältin einen neuen Gesellschaftsvertrag aufsetzen — einen, der Matthias vollständig aus der Werft ausschloss und sie zur alleinigen Inhaberin machte, mit Rückwirkung auf den Tag der gefälschten Übertragung.

Sie ließ auch das Schloss am Werfttor austauschen — ein neues, robustes Vorhängeschloss, das sie selbst am Kettenglied befestigte, während ich zufällig mit einem Kunden am Steg stand. Es war ein grauer Nachmittag Ende September, der erste kühle Tag nach einem langen Spätsommer, und der Wind trug schon den Geruch von nassem Laub aus dem kleinen Park hinter der Marina herüber.

Zwei Tage danach kam Matthias zur Werft, offenbar um noch persönliche Werkzeuge aus der Halle zu holen, die tatsächlich ihm gehörten. Er stand vor dem verschlossenen Tor, rüttelte kurz an der Kette, und sah dann zu Ilse hinüber, die am Fenster ihres kleinen Büros stand, eine Tasse Tee in der Hand.

Sie schob das Fenster einen Spalt auf.

„Deine Werkzeuge liegen im Karton neben dem Zaun. Ich hab sie dir rausgestellt. Alles andere gehört jetzt der Werft, die mir gehört."

Er sagte nichts, holte den Karton, und ging. Ferdinand, der Kater, saß derweil auf der Werkbank und beobachtete das Ganze mit dem gleichen Desinteresse, mit dem er wahrscheinlich auch die Möwen beobachtet hätte.

Ich hab Ilse seitdem noch oft gesehen, wie sie an ihrer alten Werft steht, mit dem neuen Firmenschild, auf dem nur noch ihr Name steht: „Vogler Yachtwerft, seit zwölf Jahren". Ihre eigene Bootsvermietung nebenan führt sie unverändert weiter, unter dem alten Namen „Vogler Bootsverleih", die Grenze zwischen beiden Betrieben markiert nach wie vor derselbe Maschendrahtzaun, nur dass sie ihn inzwischen selbst gestrichen hat. Der Sonnenschirm mit dem verrosteten Gestänge steht immer noch in der Ecke ihres Gartens, aber sie hat inzwischen einen neuen daneben aufgestellt, einen roten, den sie sich zum ersten Jahrestag nach dem Prozess gekauft hat.

Manchmal, wenn ich an einem ruhigen Abend die letzten Boote vertäue, seh ich sie dort sitzen, mit ihrem kalten Kaffee und dem Kater auf dem Schoß, und die Ostsee liegt still da, als hätte sie von alldem nie etwas mitbekommen.

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Odissea
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