Sechsundfünfzig Jahre lang habe ich neben Heinrich geschlafen und geglaubt, ich wüsste jede Kleinigkeit über ihn. Das Muttermal an seiner Schulter, die Art, wie er seinen Kaffee immer eine Minute zu lange ziehen ließ, seine Angewohnheit, sonntags um sechs Uhr aufzustehen, obwohl niemand ihn dazu zwang. Ich heiße Margarete, und an dem Tag, an dem wir ihn in Freiburg beerdigten, dachte ich, ich hätte nichts mehr über ihn zu lernen. Ich habe mich geirrt.
Es war ein grauer Novembertag, so ein typischer Freiburger Nebeltag, an dem die Türme des Münsters kaum durch den Dunst zu erkennen waren. Auf dem Friedhof standen unsere beiden Söhne links und rechts von mir, jeder hielt mich an einem Arm, als wären meine Beine aus Papier. Die Bäckerei gegenüber vom Friedhofstor hatte schon die Weihnachtsdeko im Schaufenster, viel zu früh, dachte ich noch, ganz automatisch, während der Sarg herabgelassen wurde. Solche unnützen Gedanken kommen einem in solchen Momenten, das habe ich gelernt.
Die Trauergäste zerstreuten sich zu ihren Autos, als ich sie sah: ein Mädchen, vielleicht zwölf, dreizehn Jahre alt, mit einem viel zu großen Anorak und nassen Turnschuhen. Sie kam direkt auf mich zu, ohne Umschweife, als hätte sie lange geübt, was sie sagen wollte.
„Sind Sie die Frau von Heinrich Bauer?"
Ich brachte kein Wort heraus, nur ein Kopfnicken. Sie drückte mir einen weißen Umschlag in die Hand, ihre Finger waren kalt.
„Er wollte, dass Sie das genau heute bekommen. An seiner Beerdigung." Und dann war sie weg, verschwand zwischen den Grabsteinen und den schwarzen Mänteln, bevor ich auch nur fragen konnte, wie sie hieß.
Zu Hause, nachdem die Söhne gegangen waren und das Haus in dieser fremden Ruhe lag, die es nie zuvor gegeben hatte, setzte ich mich an den Küchentisch und öffnete den Umschlag. Ein Brief, in Heinrichs vertrauter, leicht nach links geneigter Schrift. Und ein kleiner Messingschlüssel, der beim Herausfallen auf die Tischplatte klimperte.
Der Brief bat mich um Verzeihung für jahrelanges Schweigen. Er nannte eine Adresse am Stadtrand von Freiburg, ein Selfstorage-Gelände in der Nähe des Güterbahnhofs. Der Schlüssel gehöre zu Box Nummer 122.
Ich rief kein Taxi. Ich nahm den alten Opel aus der Garage, den Heinrich nie verkaufen wollte, und fuhr selbst hin, mit zitternden Händen am Lenkrad. Das Gelände war eine Reihe grauer Metallboxen hinter einem Maschendrahtzaun, irgendwo zwischen einem Baumarkt und einer stillgelegten Fabrikhalle. Box 122 roch nach altem Papier und Holz, als ich die Tür hochschob. In der Mitte des Betonbodens stand eine große Holztruhe, mit einer Staubschicht, die aussah, als hätte sie Jahrzehnte niemand berührt.
Kinderzeichnungen, gebunden mit verblichenen Bändern. Geburtstagskarten, adressiert an Heinrich. Schulzeugnisse, sorgfältig gefaltete Briefe, eine Mappe mit Dokumenten, die über Jahrzehnte aufbewahrt worden waren. Alle Briefe trugen denselben Namen: Verena. Aus den Papieren wurde klar: Mein Mann hatte über viele Jahre heimlich eine junge Frau und ihre Tochter unterstützt, Miete bezahlt, Ausbildung, das Nötigste. Für einen Moment dachte ich, er hätte ein zweites Leben geführt. Meine Knie gaben einfach nach, und ich blieb auf dem kalten Beton sitzen, den Rock über die Fliesen ausgebreitet, die Hände flach auf den Papieren, als könnte ich sie so am Wegfliegen hindern.
Da erschien in der Tür wieder das Mädchen von der Beerdigung. Sie hieß Lotte. Sie gestand, sie habe auf mich gewartet, und ihre Mutter Verena liege gerade im Universitätsklinikum Freiburg und brauche dringend eine Operation. Wir fuhren zusammen hin, in meinem Opel, das Mädchen auf dem Beifahrersitz, die Knie eng an den Körper gezogen. Im Krankenzimmer sah Verena erschöpft aus, blass, an Schläuche angeschlossen. Sie griff nach meiner Hand und drückte sie so fest, dass mir die Ringe in die Finger schnitten, und ich fand kein Wort, das dieser Umklammerung standgehalten hätte. Die Ärzte erklärten später: Die Operation müsse innerhalb der nächsten Tage stattfinden, die Kosten für den Eingriff lägen bei vierzehntausend Euro, die Zeit sei knapp.
Ich nahm die Mappe aus der Truhe wieder zur Hand, noch am selben Abend, und fand zwischen den Kontoauszügen einen Zettel, auf dem Heinrich mit Bleistift gerechnet hatte: monatliche Überweisung, dreihundertzwanzig Mark, durchgestrichen und in Euro neu notiert, daneben in Klammern „Miete Verena, bis sie fertig ist". Die Zahlen zogen sich über Seiten, Jahr für Jahr fortgeführt, manche Summen später von anderer Tinte ergänzt, als hätte er sie Jahrzehnte später noch einmal durchgesehen. Ein loser Bogen, zusammengefaltet zwischen den Kontoauszügen, trug oben ein Datum aus dem Jahr, in dem unser Ältester eingeschult wurde, und darunter nur einen Satz: „Ilse hat mich gebeten, es dir nicht zu sagen, solange sie lebt."
Zwei Tage später kehrte ich mit dem Geld zurück, das ich von unserem gemeinsamen Sparkonto abgehoben hatte, ohne meinen Söhnen ein Wort zu sagen. Die Operation gelang. Als Verena wieder zu Kräften kam, holte sie ein altes Fotoalbum aus ihrem Nachttischschrank. Auf einem vergilbten Bild stand neben dem jungen Heinrich eine junge Frau mit einem Säugling im Arm, auf der Rückseite in blasser Schrift ein Name und eine Jahreszahl. Ich drehte das Foto zweimal um, verglich Schrift und Gesicht, bevor ich begriff: Es war meine Schwester Ilse, die mit fünfzehn aus unserem Elternhaus in Lörrach weggelaufen war und nie zurückgekehrt war. Das Kind auf ihrem Arm war Verena.
Zu Hause rechnete ich die Jahre nach, mit dem Notizbuch aufgeschlagen auf dem Tisch: Ilse war neun Jahre älter als ich, mit fünfzehn weggelaufen, das war jetzt beinahe siebzig Jahre her. Verena musste damals ein Kleinkind gewesen sein, geboren also, als Ilse selbst kaum über zwanzig war. Heinrich hatte die beiden gefunden, als Ilse allein mit dem Baby irgendwo bei Basel lebte, in den Jahren kurz vor unserer eigenen Hochzeit. Auf der ersten Seite des Notizbuchs stand, in noch ungelenker junger Schrift, nur: „I. bei Basel gefunden. Sieht aus wie M. Gesagt: niemandem, solange sie lebt." Ilse war vor über zwanzig Jahren gestorben, stand in einem späteren Eintrag, mit dem genauen Datum und der Bemerkung „Beerdigung ohne mich, wie sie wollte".
Am nächsten Tag ging ich wieder zu Verena und Lotte und legte ihnen das Notizbuch und den durchgestrichenen Zettel mit den Mark-Beträgen auf den Tisch, Seite für Seite. Für Verena war ich die Schwester ihrer Mutter. Für Lotte die Großtante. Das Mädchen presste sich an mich, so fest, dass ich einen Moment nach der Tischkante greifen musste, um nicht zurückzuweichen.
Dann tat ich, was zu tun war. Ich ging zu meinem Notar in der Kaiser-Joseph-Straße und ließ meinen Sparbrief über vierzigtausend Euro, den Heinrich und ich für unsere Enkel zurückgelegt hatten, neu aufteilen: einen Anteil für unsere leiblichen Söhne, einen gleich großen Anteil für Verena und Lotte, schriftlich, unterschrieben, mit Kopie für jeden. Ich rief meine Söhne an und legte ihnen die Papiere auf den Küchentisch, noch bevor sie fragen konnten, was das solle.
„Das ist eure Cousine", sagte ich nur. „Und das ist ihre Tochter. Euer Vater hat vierzig Jahre für sie gesorgt, jetzt tun wir es weiter."
Mein älterer Sohn schob das Blatt ein Stück von sich. „Vierzig Jahre, und du hast nie was gemerkt? Und jetzt, zwei Wochen nach der Beerdigung, sollen wir die Hälfte von Papas Ersparnissen an Leute geben, die wir nicht kennen?" Er verlangte, den Notar selbst zu sprechen, wollte die Kontoauszüge sehen, das Notizbuch, jedes Blatt aus der Truhe. Ich legte ihm alles vor, Seite für Seite, ließ ihn rechnen, ließ ihn schweigen. Erst am dritten Abend, nachdem er die durchgestrichenen Mark-Beträge selbst nachgerechnet hatte, nahm er den Stift und unterschrieb, ohne ein weiteres Wort. Der jüngere fragte nur, wann Verena und Lotte zum ersten Mal zum Essen kommen könnten.
Sie kamen am folgenden Sonntag. Lotte saß auf Heinrichs altem Platz am Tischende, wo er vierzig Jahre lang gesessen hatte, und aß seine Lieblingssuppe, die ich nach seinem Rezept gekocht hatte. Niemand sagte etwas Feierliches dazu. Verena half beim Abtrocknen, als wäre es das Normalste der Welt, und fragte mich, ob sie den Messingschlüssel behalten dürfe, als Erinnerung. Ich sagte ja, natürlich, und legte ihn ihr direkt in die Hand.
