Es fing mit einer Nachricht in der Nachbarschafts-App an, drei Zeilen, mehr nicht: "Suche jemanden, der ab und zu Katzenfutter vorbeibringt, ich schaff das allein nicht mehr." Renate Fenske las das an einem Dienstagabend im März, während im Fernsehen irgendein Krimi lief, den sie sowieso nicht verfolgte. Sie war zweiundsechzig, seit sechs Jahren Witwe, und hatte in Berlin-Lichtenrade mehr freie Zeit, als ihr guttat.
Sie kaufte zwei Säcke Trockenfutter bei Kaufland, neun Euro achtzig das Stück, und fuhr am nächsten Morgen zu der Adresse, die die Frau ihr geschickt hatte. Ein Schuppen hinter einem stillgelegten Netto-Markt, zwischen Gerümpel und einem alten Bauzaun. Sie erwartete vielleicht sechs, sieben Katzen. Was sie tatsächlich vorfand, ließ sie den Sack fallen lassen, mitten im Matsch.
Über hundert Tiere. Verteilt auf zwei Kolonien, die eine im Schuppen, die andere fünfzig Meter weiter unter einer Laderampe. Manche Katzen hatten vereiterte Augen, die sie kaum noch öffnen konnten. Andere humpelten auf drei Beinen. Ein schwarz-weißer Kater lag einfach nur da, ohne sich zu bewegen, als hätte er längst aufgehört, auf irgendetwas zu warten.
"Ich dachte, ich helfe kurz aus", erzählte Renate später ihrer Nachbarin, "und dann stand ich da und wusste: Wenn ich jetzt gehe, kommt das keinem in den Sinn außer mir."
Sie ging nicht.
In den folgenden Wochen fand sie über Hinweise von Anwohnern noch drei weitere Kolonien — eine hinter einem Autohaus an der Blankenfelder Chaussee, eine in einer verlassenen Kleingartenanlage bei Mahlow, eine dritte unter einer Brücke an der Bahnstrecke Richtung Mahlow. Renate begann, jeden Cent ihrer kleinen Witwenrente in Futter, Katzenstreu und Tierarztkosten zu stecken. Bald reichte das nicht. Sie sprach mit ihrer Cousine, einer ehemaligen Krankenschwester namens Ilona, und die beiden gründeten einen kleinen Verein — vier Mitglieder, ein Whatsapp-Chat, eine Excel-Liste mit Namen wie Muschi, Rußkopf, Ella.
Die Kleingartenanlage war die erste, die sie abschließen konnten. Der Vorstand der Anlage duldete die Tiere, solange jemand sich kümmerte, und im Mai hatte Renate dort neunzehn Katzen kastriert und zwei feste Futterstellen mit wetterfesten Häuschen eingerichtet, die ein pensionierter Zimmermann aus der Nachbarschaft gebaut hatte. Die Kolonie unter der Bahnbrücke war schwieriger: Drei Tiere ließen sich nie fangen, verschwanden irgendwann Richtung Gleisanlagen und kamen nicht wieder. Renate strich sie nach Wochen aus der Excel-Liste, mit einem roten Fragezeichen statt eines Datums.
Dann kam der Tag mit Nele.
Nele war eine graue Katze, so abgemagert, dass man ihr die Rippen durch das struppige Fell zählen konnte. Renate hatte sie in der Kleingartenkolonie entdeckt, versteckt unter einer umgekippten Regentonne, und ließ sich extra für sie eine Lebendfalle von der Tierschutzorganisation aus Tempelhof geben. Das Tier wog kaum zwei Kilo. Der Tierarzt in Marienfelde, zwei Straßen von Ilonas Garten entfernt, schüttelte den Kopf, sagte, es sei fraglich, ob sie die Nacht überstehe. Renate blieb bis Mitternacht in der Praxis sitzen, auf einem Plastikstuhl, mit einer kalten Tasse Kaffee aus dem Automaten neben sich, und redete leise auf das Tier ein, obwohl niemand zuhörte außer der Katze und vielleicht ihr selbst.
Nele überlebte diese Nacht, und die nächste, und irgendwann setzte sie sich zum ersten Mal von allein aufrecht hin und fraß aus der Hand. Etwas in Renate verschob sich in dieser Woche endgültig. Aus dem gelegentlichen Futterbringen wurde eine tägliche Runde, die sie und Ilona gemeinsam abfuhren — jeden Morgen um sieben, mit einem alten Passat Kombi voller Näpfe, Decken und Medikamenten. Sie kastrierten, was sie einfangen konnten, über ein Förderprogramm des Berliner Tierschutzvereins, das die Kosten teilweise übernahm. Manche Tiere ließen sich nie anfassen und blieben Wildtiere ihr Leben lang. Andere, wie ein orangefarbener Kater namens Keksi, kamen irgendwann von selbst näher und rieben sich an Renates Gummistiefeln, während sie die Näpfe füllte. Nele blieb, zu schwach für ein neues Zuhause, in einem Käfig in Ilonas Wohnzimmer, bis sie kräftig genug war, um in die Voliere im Garten umzuziehen.
Im Sommer geriet die Sache fast außer Kontrolle. Der Besitzer des Grundstücks an der Blankenfelder Chaussee kündigte per Aushang an, das Gelände räumen zu lassen, Bauarbeiten seien für den 14. Juli angesetzt. Renate fuhr am Morgen des 12. Juli hin. Vor dem Zaun stand bereits ein Radlader, der Bauleiter, ein Mann mit orangener Warnweste und einem Klemmbrett, lief mit langen Schritten am Zaun entlang und markierte Abschnitte mit Kreide.
"Sie können hier nicht einfach anfangen", sagte Renate, "da sind noch Tiere drin."
"Ich hab einen Termin, Frau Fenske", sagte er, ohne aufzublicken. "Investor sitzt mir im Nacken. Übermorgen früh rückt die Firma an."
"Wie viele Tiere sind das für Sie? Fünf? Zehn? Es sind neunundzwanzig, die wir gezählt haben. Wenn Sie den Bagger jetzt reinschicken, sterben die unter dem Schutt, oder sie laufen auf die Chaussee."
Er hielt inne, klopfte mit dem Stift gegen das Klemmbrett. "Zwei Tage kann ich Ihnen geben. Nicht mehr. Wenn die Versicherung fragt, warum wir hinterherhinken, sag ich, es lag am Wetter."
Zwei Tage. Renate rief Ilona an, dann drei weitere Helferinnen, dann eine vierte, die extra aus Marzahn kam. Sie stellten sechs Lebendfallen auf, verteilten sie entlang des alten Lattenzauns, markierten jede mit Klebeband und Uhrzeit. Am ersten Abend hatten sie elf Tiere. Am zweiten, mit nur noch vier Stunden bis zum angekündigten Baubeginn, fehlten immer noch neun — darunter eine trächtige Kätzin, die sich unter einem gestapelten Bretterhaufen verkrochen hatte und bei jedem Geräusch tiefer hineinrutschte.
Renate kniete eine Stunde lang im Matsch vor diesem Bretterhaufen, ein Stück Hähnchenbrust in der ausgestreckten Hand, während Ilona mit einer Taschenlampe leuchtete und der Bauleiter alle zwanzig Minuten auf die Uhr sah. Um kurz vor sechs, als das Licht schon zu kippen begann, kam die Kätzin heraus, roch an der Hand, ging hinein in die Falle. Die letzten drei Tiere blieben verschwunden, als am nächsten Morgen der Bagger anrollte; Renate stand mit Ilona am Rand des Grundstücks, bis der erste Erdaushub begann, dann fuhren sie zur Voliere, um die Kätzin zu versorgen.
Am Ende des Sommers hatten sie über alle vier Kolonien hinweg 34 Katzen kastriert, 19 in Pflegefamilien vermittelt und eine Handvoll — die zu wild oder zu krank für ein Zuhause waren — dauerhaft in ihre Obhut genommen. Die Kosten lagen bei über 6.200 Euro, finanziert aus Spenden, aus Renates Rente und aus dem Verkauf ihres alten Schmucks, den sie bei einem Goldankauf in der Rathausstraße abgegeben hatte, ohne es jemandem zu erzählen, bis Ilona die Quittung in ihrer Handtasche fand.
Es ist Mitte September jetzt. Renate steht kurz nach sieben am Schuppen hinter dem alten Netto, der Atem sichtbar in der kühlen Morgenluft, und stellt die Näpfe auf die immer gleiche Stelle neben dem Bauzaun. Ein Kater mit einem eingerissenen Ohr — sie nennt ihn Struppi — kommt als Erster aus dem Gebüsch, vorsichtig, aber nicht mehr fliehend. Er bleibt einen halben Meter vor ihrer Hand stehen, dann noch einen Schritt näher, und stupst mit der Nase gegen ihre Finger, bevor er zum Napf geht.
Später am Tag fährt Renate zu Ilonas Garten in Marienfelde. Nele liegt in der Voliere auf der alten Hollywoodschaukel, das graue Fell jetzt dicht und glänzend, und hebt kurz den Kopf, als Renate das Gittertürchen öffnet. Renate setzt sich auf den umgedrehten Eimer daneben, stellt den leeren Napf aus der Voliere beiseite und füllt ihn neu.
