Die Nachbarin sagte, mein Mann gehe jeden Abend zu einer anderen Frau.

Die Nachbarin sagte, mein Mann gehe jeden Abend zu einer anderen Frau. Als ich seine Jacke dort fand, brach mir fast das Herz

— Erika, fütterst du deinen Heinz nicht mehr, dass er jeden Abend bei der neuen Lehrerin sitzt?

Frau Schuster rief es über den Zaun, so laut, dass sogar die Hühner erschrocken aufflatterten.

Erika stand mit Wäscheklammern in der Hand im Hof. Das nasse Hemd ihres Mannes hing halb über der Leine.

— Was reden Sie da?

— Was ich gesehen habe. Gestern Abend war ich bei Frau Schneider, wegen Pauls Mathearbeit. Licht brannte in der Küche. Ich schaue durchs Fenster, und da sitzt Ihr Heinz am Tisch. Sie schenkt ihm Tee ein, beide lachen. Als ich geklopft habe, ist er fast unter den Tisch gefallen.

Erikas Hände wurden kalt.

— Das ist Unsinn.

— Wenn Sie meinen. Aber sagen Sie später nicht, niemand hätte Sie gewarnt.

Frau Schuster ging.

Erika blieb stehen.

Heinz war kein Mann für so etwas. Das sagte sie sich sofort. Seit siebzehn Jahren waren sie verheiratet. Er arbeitete in der Werkstatt, kam nach Hause mit Öl an den Fingern und Müdigkeit im Rücken. Er war schweigsam, manchmal stur, aber verlässlich.

Und doch kam er seit Tagen später heim.

Aß kaum.

— Kein Hunger, Erika. Zu müde.

Jetzt klang alles anders.

Zwei Tage rang sie mit sich. Einmal kam er früh, aß Bratkartoffeln mit Speck und erzählte sogar von einem kaputten Traktor. Erika schämte sich für ihre Gedanken.

Aber am dritten Abend blieb der Teller wieder unberührt.

Heinz war nicht da.

Ihre Tochter Lisa schlief schon. Erika saß in der Küche, bis die Suppe kalt war. Dann stand sie auf, zog den Mantel über und ging zum kleinen Haus hinter der Schule, das Frau Schneider gemietet hatte.

Die Tür war offen.

Im Flur brannte eine gelbliche Lampe.

An der Garderobe hing Heinz’ Arbeitsjacke.

Erika erkannte sie sofort. Die ausgefransten Ärmel. Der Fleck am Kragen. Und innen musste etwas sein, das nur sie und Lisa kannten.

Lisa hatte eine Woche zuvor im Handarbeitsunterricht kleine Blumen gestickt. Drei rote Blüten auf das Innenfutter der Jacke.

— Damit Papa auch in der Werkstatt Frühling hat, hatte sie gesagt.

Aus dem Zimmer kam ein leises Lachen.

Erika griff nach der Jacke. Ihre Finger zitterten, als sie das Futter umdrehte.

Drei rote, schiefe Blumen.

Sie presste die Hand vor den Mund.

— Heinz… warum?

Die Tür öffnete sich.

Heinz stand da, blass. Hinter ihm Frau Schneider, mit einem Heft in der Hand.

— Erika…

— Nicht.

Sie hob die Jacke.

— Erklär mir nur, ob ich deine Frau bin oder ob ich längst die Dumme im Dorf bin.

Heinz schloss die Augen.

Frau Schneider sagte leise:

— Frau Berger, bitte sehen Sie sich das an.

— Ich will nichts von Ihnen sehen.

— Doch.

Sie reichte ihr das Heft.

Erika nahm es, weil sie zu müde war, sich zu wehren.

Auf der ersten Seite standen große, krumme Buchstaben:

“Liebe Erika. Ich lerne.”

Darunter mehrere durchgestrichene Versuche. Manche Buchstaben falsch herum.

Erika starrte darauf.

— Was soll das sein?

Heinz setzte sich schwer auf den Stuhl.

— Ich kann nicht richtig lesen.

Die Worte fielen in den Raum wie etwas Zerbrechliches.

— Was?

— Fast gar nicht. Ich bin früh von der Schule weg. Mein Vater brauchte mich. Ich habe gelernt, mich durchzumogeln. Schilder, Zahlen, Unterschrift. Mehr nicht. Wenn Briefe kamen, sagte ich, die Augen tun weh. Du hast gelesen. Ich habe genickt.

Seine Stimme wurde brüchig.

— Als Lisa mich gebeten hat, ihr bei Mathe zu helfen, konnte ich die Aufgabe nicht lesen. Sie hat mich angesehen, als könne ihr Vater alles. Und ich saß da wie ein kleiner Junge.

Frau Schneider trat vor.

— Herr Berger bat mich um Unterricht. Er wollte nicht zum Erwachsenenkurs, weil er Angst hatte, jemand erkennt ihn. Wir übten abends. Lesen, Schreiben, Rechnen.

— Und das Lachen? fragte Erika.

Heinz wurde rot.

— Ich habe “Schraubenzieher” so falsch geschrieben, dass selbst ich gemerkt habe, dass es komisch aussah.

Erika wollte nicht lächeln. Sie konnte nicht.

— Und als Frau Schuster klopfte?

— Panik. Ich wollte nicht, dass das ganze Dorf erfährt, dass Heinz Berger mit fünfundvierzig noch Buchstaben übt.

— Also wäre es dir lieber gewesen, sie denken, du betrügst mich?

Er schwieg.

Und dieses Schweigen tat weh.

Erika setzte sich. Auf der nächsten Seite stand:

“Ich will Lisa helfen.”

Darunter:

“Meine Frau soll stolz sein.”

Da brach etwas in ihr.

— Ich war stolz auf dich, du Idiot. Auch ohne Heft.

Heinz sah auf.

— Ich nicht auf mich.

Die Wut blieb, aber sie veränderte ihre Form. Sie war nicht weg. Er hatte sie belogen. Er hatte sie allein gelassen mit Angst. Aber in diesem kleinen Zimmer hatte sie nicht eine Geliebte gefunden, sondern den Scham ihres Mannes.

— Du kommst jetzt mit nach Hause, sagte sie.

— Darf ich?

— Ja. Aber ab heute keine Geheimnisse mehr, die unser Zuhause vergiften.

Am nächsten Morgen setzte Heinz sich mit Lisa an den Küchentisch.

— Papa lernt Lesen, sagte er. — Richtig. Nicht nur so tun.

Lisa blinzelte.

— Dann kann ich dir vorlesen, und du liest mir vor!

Heinz lachte, aber seine Augen wurden nass.

Natürlich redete Frau Schuster. Doch Erika sagte nur einmal im Laden:

— Durch Fenster sieht man Licht. Nicht Wahrheit.

Danach wurde es stiller.

Heinz ging später tatsächlich zum Kurs für Erwachsene. Zuerst schämte er sich. Dann brachte er Hausaufgaben mit. Lisa klebte ihm Sterne neben richtige Wörter. Erika saß abends daneben und strickte, während er langsam las.

Ein Jahr später schenkte er ihr einen Brief.

Fehlerhaft. Krumm. Wunderschön.

“Liebe Erika, ich hatte Angst, du liebst mich nur stark. Danke, dass du geblieben bist, als du gesehen hast, wo ich schwach bin.”

Sie bewahrte den Brief in der Schublade mit Lisas ersten Zeichnungen auf.

Denn manchmal zerstört nicht Untreue beinahe eine Ehe.

Manchmal ist es das Schweigen aus Scham.

Und Liebe ist nicht, den anderen niemals schwach zu sehen.

Liebe ist, neben ihm sitzen zu bleiben, während er das erste Wort noch einmal schreibt.

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Odissea
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