Die Nachbarin sah ihn morgens mit einem verwahrlosten Kater im Arm.

Die Nachbarin sah ihn morgens mit einem verwahrlosten Kater im Arm. Erst später begriff sie, warum der stille Mann im Aufzug weinte

Frau Krüger sah ihn um halb acht morgens.

Rainer stand vor dem Aufzug und hielt einen Kater im Arm. Er drückte ihn mit beiden Händen an seine Brust, so vorsichtig, als trage er etwas, das die Welt ihm schon einmal weggenommen hatte.

Der Kater war grau, abgemagert, an einer Seite kahl und roch so stark nach Keller, dass Frau Krüger einen Schritt zurücktrat.

— Um Gottes willen, Herr Rainer. Was ist das denn?

Rainer antwortete nicht sofort. Er drückte den Knopf, sah auf die Anzeige und strich mit dem Daumen über den schmutzigen Kopf des Tieres.

— Ich habe ihn fünf Monate gesucht.

Dann ging er in den Aufzug.

Frau Krüger blieb im Hausflur stehen. Später erzählte sie der Nachbarin aus dem dritten Stock, Rainer habe seltsam ausgesehen.

Sie wusste nicht, dass Menschen seltsam aussehen, wenn ihnen nach Monaten der Stille ein kleines Stück Leben zurückgegeben wird.

Die Zettel hingen seit September überall im Viertel in Leipzig. Auf Laternen, an Supermarkttüren, an schwarzen Brettern. Ein Foto: grauer Kater, gestreift, ein Ohr leicht schief. Darunter: “Moritz vermisst. Bitte melden.”

Rainer klebte sie selbst. Vor der Arbeit. Nach der Arbeit. Im Regen. Im Wind. Wenn der Klebestreifen nicht hielt, drückte er länger. Wenn jemand den Zettel abriss, druckte er einen neuen.

Moritz war Ende August verschwunden.

Das Küchenfenster hatte offen gestanden. Abends kam er nicht zurück.

Sein Napf blieb neben der Heizung.

Frau Krüger fragte einmal:

— Warum stellen Sie das nicht weg? Das macht es doch schlimmer.

— Wenn er zurückkommt, hat er Hunger.

Sie schüttelte den Kopf.

— Nehmen Sie doch einen anderen. Katzen gibt es genug.

Rainer sah sie an.

— Nicht diesen.

Moritz war der Kater seiner verstorbenen Frau gewesen. Anna hatte ihn acht Jahre zuvor als Jungtier aus einem Hinterhof geholt.

— Rainer, der Kleine braucht uns, hatte sie gesagt. — Und du tust nur so, als könntest du Nein sagen.

Nach Annas Tod schlief Moritz auf ihrer Strickjacke. Rainer ließ sie auf dem Sessel liegen. Er sprach kaum noch mit Menschen, aber abends sagte er zu Moritz:

— Na, Alter, wir zwei schaffen den Tag noch.

Als Moritz verschwand, wurde die Wohnung nicht nur leer.

Sie wurde laut vor Stille.

Die ersten Wochen riefen Leute an. Ein grauer Kater an den Garagen. Einer hinter der Bäckerei. Einer im Park. Rainer fuhr zu jeder Spur. Mit Taschenlampe, Futter und einer Decke.

Er kniete im Schmutz, schaute unter Autos, rief leise:

— Moritz… komm, mein Junge.

Er kam allein zurück.

Im Oktober begann er ein Notizbuch. Adressen, Uhrzeiten, Namen. “Nicht er.” “Zu jung.” “Anderes Ohr.” “Hat Besitzer.” Die Seiten füllten sich, als würde er Hoffnung in Tabellen pressen.

Im Dezember hörten die Anrufe fast auf. Die Menschen hatten entschieden, dass fünf Monate zu lang waren. Nur Rainer entschied das nicht.

Am dritten Januar, früh am Morgen, hörte er vor der Kellertür ein Geräusch.

Ein heiseres, schwaches Miauen.

Er blieb stehen.

— Moritz?

Nichts.

Er holte den Hausmeister. Herr Scholz suchte lange nach dem Schlüssel, murmelte etwas von Rohren und Mäusen, aber als er Rainer ansah, wurde er still.

Der Keller roch nach Feuchtigkeit, Staub und alten Kartoffelkisten. Sie leuchteten zwischen Fahrrädern, Holzlatten und verschlossenen Verschlägen. Hinter einer halb zerbrochenen Tür kam das Geräusch wieder.

Rainer schob Kartons weg.

Da lag Moritz.

Abgemagert, verklebt, mit eingefallenen Augen. Aber er lebte.

Um den Hals hing ein Rest des grünen Halsbands, das Anna einmal gekauft hatte.

Rainer ging auf die Knie.

— Moritz… ich bin da.

Der Kater hob den Kopf kaum. Doch als Rainer seine Hand hinhielt, legte er die Pfote darauf.

Die Tierärztin sagte später, Moritz müsse durch ein kaputtes Kellerfenster hineingeraten und nicht mehr hinausgekommen sein. Überlebt hatte er wohl durch ein tropfendes Rohr und Futterreste, die jemand draußen für Streuner abstellte.

— Es wird schwer, sagte sie. — Er ist sehr schwach.

Rainer blieb die ganze Nacht in der Praxis.

— Du hast durchgehalten, sagte er. — Jetzt halte ich durch.

Moritz überlebte.

Langsam. Erst Wasser. Dann Futter. Dann, nach vielen Tagen, ein brüchiges Schnurren, so leise, dass Rainer dachte, er bilde es sich ein.

Als er ihn nach Hause brachte, stand Frau Krüger vor seiner Tür. In der Hand eine kleine Dose Hühnerfleisch.

— Für ihn, sagte sie. — Und… entschuldigen Sie. Ich habe das mit dem “anderen Kater” nicht verstanden.

Rainer nahm die Dose.

— Viele verstehen das nicht.

Frau Krüger sah in die Wohnung. Auf dem Sessel lag noch Annas Strickjacke. Moritz kroch dorthin, drehte sich mühsam und legte den Kopf darauf.

Da verstand sie.

Rainer hatte nicht nur ein Tier gesucht.

Er hatte den letzten warmen Zeugen einer Liebe gesucht, die schon gegangen war.

Danach änderte sich etwas im Haus. Der Hausmeister reparierte das Kellerfenster. Frau Krüger passte auf, dass keine Vermisstenzettel mehr abgerissen wurden. Ein Junge aus dem zweiten Stock brachte Moritz Spielzeug, “falls er wieder gesund genug wird”.

Moritz wurde alt, langsam und blieb etwas kahl an der Seite. Aber jeden Abend saß er auf Rainers Schoß, und Rainer strich über sein Fell, als wäre jede Rippe ein Wunder.

Manche sagen: “Es war doch nur eine Katze.”

Doch manchmal ist “nur eine Katze” das Einzige, was in einer leeren Wohnung noch antwortet.

Und wenn so ein Wesen nach fünf Monaten Dunkelheit zurückkommt, dann findet man nicht einfach ein Haustier.

Man findet einen Grund, die Tür wieder offen zu lassen.

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Odissea
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